Pacific Palisades, 1 550 San Remo Drive, ist eine feine Adresse. Im weiteren Umfeld von Los Angeles gibt es kaum bessere. Die Straßen sind nach Sehnsuchtsorten der italienischen Riviera und der Amalfi-Küste benannt. Großzügige Villen, zumeist im spanischen Kolonialstil oder in klarer Bauhaus-Architektur, stehen hier auf eindrucksvollen Grundstücken mit prächtigem Baum- und Pflanzenwuchs: Eukalypten, Palmen, Magnolien, Dahlien. Unterhalb der Hügelkette breitet sich die Bucht von Santa Monica aus. In der Nachbarschaft wohnen Vermögensberater, Anwälte, Ärzte, Schauspieler.
Direkt in der Nähe haben Goldie Hawn und Kurt Russell, Ben Affleck und Matt Damon ihre Anwesen. Man zeigt, was man hat: keine versteckten Eingänge oder zurückgesetzten Villen; die Häuser stehen überraschend einsehbar an der Straße. Die örtliche Community sorgt dafür, dass Fremde nicht zu neugierig werden. Die Gelassenheit der Happy Few prägt die Stimmung hier oben, ein ganzes Stück entfernt von Los Angeles Downtown und seinen immer verstopften Straßen.
Zwischen 1942 bis 1952 lebte hier Thomas Mann mit Ehefrau Katia und der unverheirateten Tochter Erika. Er hat das Haus bauen lassen, das auf dem 3000 Quadratmeter großen Grundstück immer noch steht. Sein Architekt war Julius Ralph Davidson, der Deutschland bereits zehn Jahre vor Hitlers Machtergreifung verlassen hatte und 1926 ein Büro in Los Angeles eröffnete. Thomas Mann fand die Nüchternheit seines Entwurfs angemessen für die kalifornische Umgebung. Katia Mann, die vor ihrer Ehe ein paar Semester Mathematik studiert hatte, gefiel die geometrisch klare Anlage des Hausplans ebenfalls. In den Grundrisszeichnungen des Architekten fungiert sie gleichrangig neben ihrem Mann als „client“, als Auftraggeberin.
Thomas Manns Mansion ist eine Baustelle
Wer in diesen Wochen das Thomas-Mann-Haus besuchen darf, betritt eine Baustelle. Im November 2016 hat die Bundesregierung das Anwesen für umgerechnet 12,5 Millionen Euro erworben. Im Mai nächsten Jahres soll der Komplex mit seiner Wohnfläche von 460 Quadratmetern wiedereröffnet werden, dann als Ort für Stipendiaten, die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungsprojekte verfolgen. Vorher bleibt noch viel Arbeit zu tun, denn Thomas Manns Villa ist derzeit eher ein Versprechen auf die Zukunft. Nach gründlicher Prüfung der Substanz entschied sich das von der Bundesregierung beauftragte Architektenteam, eine komplette Entkernung vorzunehmen. Die Außenwände sind mittlerweile abgetragen, sodass die dahinter liegende Holzkonstruktion sichtbar hervortritt. In ihren Verschalungen soll später moderne Technik verbaut werden. Ameisen haben das Holz angegriffen, sodass man die Panele in Wänden und Boden ersetzen muss.
Die früheren Eigentümer taten in den letzten vierzig Jahren wenig für die Instandhaltung, nahmen aber zum Glück auch keine eingreifenden Umbauten vor. Ein Wintergarten, der auf der Fläche der alten Terrasse stand, ist schon eingerissen, ein alter Balkon wieder freigelegt worden. Die Hauptarbeit gilt in den folgenden Wochen der Ertüchtigung der Bausubstanz, vor allem der Holzkonstruktion und der Böden. An einigen Stellen müssen Fundament und Wände verstärkt werden, damit man den strengen Richtlinien für die Erdbebensicherheit entspricht, die es inzwischen überall in Kalifornien gibt.
Der Dornröschenschlaf ist vorbei – das renovierungsbedürftige Haus wird zurzeit entkernt.
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Danach folgt die Feinabstimmung. Die Farbe des Fassadenanstrichs ist noch nicht festgelegt. Wahrscheinlich wird es ein Beige-Ton, der am ehesten der ursprünglichen Anmutung ähneln dürfte. Ungefähr 40 Fotografien des Hauses existieren noch, alle in Schwarz-Weiß, weshalb man nicht sicher sein kann, wie der damalige Anstrich aussah. Die Architektin Ursula Seeba-Hannan, die für die künftige Inneneinrichtung zuständig ist, erzählt, dass Thomas Mann eher rustikale Möbel liebte. Zur neusachlichen Anlage des Hauses passt das allerdings schlecht. Vermutlich wird die Auswahl daher auf einen skandinavischen Interieur-Stil hinauslaufen.
Jetzt, da die Böden teilweise geöffnet, die Wände durchsichtig sind, erkennt man die programmatische Sachlichkeit des Hauses besonders deutlich. Nirgends gibt es ornamentale Formen, alles ist auf praktischen Nutzen ausgerichtet. Schmucklos die Treppe, die ins Obergeschoss mit Schlafzimmern und Bädern führt, schnörkellos die Türen, die großen Fenster und Balkoneinfassungen. Dem zeitgenössischen Geschmack entsprechen die Regal-Einbauten, die auf beiden Etagen des Hauses erhalten sind. In Thomas Manns Arbeitszimmer stehen noch die handgefertigten Holzregale, hinter denen papierdünne Außenwände liegen. Die eigentliche Dämmung bildeten die doppelt gestellten Bücher, es gab keine Wärmespeicherung. Das funktioniert bei kalifornischem Klima, ist aber nicht mehr zeitgemäß, weshalb Dämmelemente eingezogen werden. Nach Abschluss der technischen Arbeiten erneuert man die Bibliotheksbestände, auf die Thomas Mann in seinem Arbeitszimmer zurückgreifen konnte. Dank überlieferter Listen dürfte die Beschaffung der Bücher nahezu lückenlos gelingen.
Ein Besuch in der Exil-Villa von Thomas Mann
In sein Arbeitszimmer lud der „Zauberer“, wie ihn seine Kinder nannten, nur ausgewählte Gäste und die Familie, um nach täglich genau bemessenem Schreibpensum aus dem je aktuellen Manuskript vorzulesen. Theodor Adorno, der Thomas Mann während der Entstehung des „Doktor Faustus“-Romans in musikphilosophischen Fragen beriet, gehörte zu den wenigen, die dieses Privileg genießen durften. Als er allerdings öffentlich von seiner Rolle berichtete und seinen Anteil am Roman gebührend heraussstrich, fiel er bei der Familie in Ungnade.
Aus dem Arbeitszimmer erreicht man direkt die Terrasse mit ihrer gerundeten Bogenführung. Sie bildet das einzige Architekturelement in diesem Haus, das nicht rechtwinklig ist. Eine Inkonsequenz, die Ursula Seeba-Hannan ins Grübeln bringt. War es womöglich die mathematisch denkende Katia Mann, die beim Architekten Davidson auf einem Bruch mit der linearen Formsprache bestand? Oder wollte der Meister selbst eine kleine Abweichung von der Regel? Blickt man von der Terrasse nach rechts in den Garten, fällt der große Swimmingpool ins Auge. Er ist erst in späteren Jahren angelegt worden, den Manns wäre derartiger Luxus wohl überflüssig erschienen. Aktiven Sport betrieb Thomas Mann ohnehin nicht. Immerhin stand in den 40er-Jahren eine Tischtennisplatte auf der Terrasse, die Sohn Golo gern für Familienmatches nutzte, wenn er gelegentlich vorbeischaute.
Das Thomas-Mann-Haus soll Künstler beherbergen
Der alte Baumbestand hat mit den Jahren ähnlich gelitten wie die Haussubstanz. Zum Glück sind die sieben Palmen gesund – sie hat Thomas Mann besonders geliebt. Die Stern-Magnolie am Rand der Terrasse wird dagegen den kommenden Winter nicht überleben. Nicht alles kann bleiben, wenn die neuen Bewohner einziehen.
Bis zu fünf Fellows sollen hier künftig zwischen vier und zwölf Wochen mit einem Stipendium arbeiten dürfen. Die Linien des Programms müssen noch genau festgelegt werden. Im Mittelpunkt könnte die Förderung von Arbeitsvorhaben stehen, die der Erforschung deutscher Exilkultur in Kalifornien dienen. Zugleich wären wegweisende Projekte etwa zu Migration und Integration, zur Freiheit der Kunst, zum sozialen Wandel und zu globalen Entwicklungsdynamiken vorstellbar. Mit seinem wissenschaftlichen Schwerpunkt ergänzt das Thomas-Mann-Haus in Zukunft das Künstlerprogramm der benachbarten Villa Aurora. Dort, im ehemaligen Domizil des Schriftstellers Lion Feuchtwanger, kommen seit 1995 Stipendiaten aus bildender Kunst, Musik, Film und Literatur zusammen. 15 Autominuten trennen die beiden Häuser, und vielleicht gibt es schon bald einen regen Austausch zwischen ihnen, so wie in den 40er-Jahren, da die Emigranten ihre Sorgen, Nöte und Hoffnungen miteinander teilten.
Man kann sicher sein, dass Thomas und Katia Mann ihre Freude daran hätten, wenn sie sehen würden, was hier gerade entsteht. Fast ist es, als säßen sie jetzt schon zwischen den Stipendiaten, bei ernsten Debatten und guten Büchern, in ihrem Weimar am Pazifik.
Der Autor ist Präsident der Freien Universität Berlin
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