LÜBBEN. Vera Städter bekleidet im kleinen Spreewaldstädtchen Lübben das wohl höchste Amt. Ihr Arbeitsplatz liegt in 22 Meter Höhe. 115 Stufen muss Vera Städter hinauf steigen. Dann kann sie von der Aussichtsplattform des einstigen Wehr-und Wachturms an der Paul-Gerhardt-Kirche auf das Rathaus hinunterschauen. "Ich kann wohl sagen, dass ich über dem Bürgermeister arbeite", sagt die 45-Jährige und lacht.Vera Städter hat einen wohl einzigartigen Job. Seit kurzem ist sie Brandenburgs erste Türmerin - und erklärt Touristen die Stadt und deren Geschichte von oben. Sie trägt dabei ein Kostüm, das eigens in einer historischen Trachtenschneiderei in Cottbus gefertigt wurde: eine schwarze Hosen, eine weiße Bluse, eine gelbe Weste mit Lübbens Wappen und ein schwarzes Barett mit Federschweif.Der einstige Wehr- und Wachturm gehört samt Glocken seit 1912 der Stadt. Bis ins 18. Jahrhundert lässt sich die Tradition des Türmers in Lübben zurückverfolgen. Um 1740 hatte Christoph Tiede den Posten inne. Er wohnte mit der Familie in dem höchsten Bauwerk der Stadt und machte die Bewohner auf Feinde oder Feuer aufmerksam. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zunächst keine Türmer mehr. Erst vor drei Jahren wurde die historische Figur wiederbelebt, doch der Amtsinhaber musste aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Die Tourismus, Kultur und Stadtmarketing Lübben GmbH suchte einen Nachfolger. Und den fand sie mit Vera Städter. Sie setzte sich unter zehn Bewerbern durch. "Ich habe Erfahrung, wie man Menschen unterhält", erzählt sie. Sie tritt bei Veranstaltungen zusammen mit ihrem Mann auf, der im Spreewaldduo Lothar und Klaus singt und Saxofon spielt. Sie selbst nennt sich freischaffende Türmerin. Sie verdient an den Eintrittsgeldern, an den 1,50 Euro, die jeder erwachsene Besucher zahlen muss. Dafür bekommt er dann eine 45 Minuten lange "Stadtführung" von oben geboten.Besonders an heißen Tagen ist es angenehm kühl in dem 22 Meter hohen Turm. Zwei Stopps legt Vera Städter auf dem Weg zur Aussichtsplattform ein - die Leute, die ihr folgen, merken dabei nichts vom mühseligen Aufstieg. Auch nicht Simone Petschick, die im vier Kilometer entfernten Ort Lubolz lebt und mit ihren beiden Kindern erstmals bei der Turmbesteigung dabei ist. Sie lauschen den kurzen Geschichten über Lübben und dem Turm. Und bereuen es nicht. "Das meiste ist für mich völlig neu", sagt Simone Petschick.Da wäre zum Beispiel die Blechtür am ersten Treppenabsatz. Normalerweise würde man daran vorbeilaufen. Hinter der Tür, so verrät die Türmerin, sei der Dachstuhl der Paul-Gerhardt-Kirche. Die Tür habe das Gotteshaus kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges vor dem verheerenden Feuer nach einem Granateinschlag im Turm bewahrt.Die nächste Pause folgt im Glockenstuhl, in dem drei Glocken hängen. Das war nicht immer so, erfährt der Besucher. In den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts wurden immer wieder Glocken für Kriegsmaterial eingeschmolzen. Und dann endlich kommt er - der Ausblick. Viel Wald ist zu sehen, der Kirchturm vom etwa 13 Kilometer entfernten Lübbenau und im Nordwesten sogar die weltweit größte freitragende Halle der Freizeitanlage Tropical Islands.Eigentlich sei es Glück, dass der Turm überhaupt noch stehe, erklärt Vera Städter. Denn nachdem 1963 erstmals wieder alle drei Glocken vom Turm zu hören waren, wurde das Glockengeläut vier Jahre später untersagt. Der Turm hatte sich bewegt und Risse bekommen. "Es ist wirklich erwogen worden, ihn abzureißen", sagt die gelernte Textilfacharbeiterin. Ein Bausachverständiger aus Dresden war es, der eine Konstruktion zur Rettung des Turmes vorschlug.Vera Städter kann noch viele Geschichten erzählen. So auch über die Bemühungen, in den 1980er-Jahren dem Turm die historische Spitze wieder zu geben. Denn es war nicht einfach in der DDR, 60 Kubikmeter Holz und 2153 Kilogramm Kupferblech aufzutreiben. Es gelang. Doch als Lübbens westdeutsche Partnerstadt Neunkirchen eine Turmuhr spenden wollte, wurde das untersagt. Schließlich konnte es nicht sein, dass eine Westuhr im Osten zeigt, was die Stunde schlägt. Stattdessen bewilligte man 1988 eine Wetterfahne. "Von nun an wusste Lübben, woher der Wind weht", sagt die Türmerin.------------------------------Ausblick in 22 Metern HöheDer Turm: Der Wehr- und Wachturm an der Paul-Gerhardt-Kirche gehört der Stadt Lübben. 1494 wurde er erstmals urkundlich erwähnt. Die Aussichtsplattform befindet sich in 22 Metern Höhe. 115 Stufen führen in die Turmspitze.Aufstieg: Jeden Mittwoch, 11 und 14 Uhr, lädt Türmerin Vera Städter zum Aufstieg ein und erzählt dabei Geschichten. Erwachsene zahlen 1,50 Euro. Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren zahlen einen Euro, Kinder bis 14 Jahre haben freien Eintritt. Aufstiege gibt es auch am Pfingstsonnabend, 11 Uhr, und am Pfingstsonntag, 14 Uhr.Lesung: Am Pfingstsonnabend, 17 Uhr, liest Vera Städter im Turm aus ihrem Kinderbuch "Agathas Reise zum Mond". Karten kosten fünf Euro, Kinder zahlen drei Euro. Anmeldungen sind unter Tel. 03546/180813 oder 03546/3090 notwendig. Dort können auch individuelle Aufstiege vereinbart werden.------------------------------Karte: Lübben und Umgebung: Die Kreisstadt Lübben liegt im Spreewald unweit der Autobahn A 13.Foto: Türmerin Vera Städter auf dem Weg zur Arbeit. Eine Wendeltreppe führt zur Aussichtsplattform des einstigen Wehr- und Wachturms in Lübben.
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