Luschniki

Wie eine Tragödie das Finalstadion prägt

Viele Menschen starben am 20. Oktober 1982.

Ronny Blaschke
4 Min
Das sowjetische Erbe ist vor dem Moskauer Stadion unübersehbar.

Das sowjetische Erbe ist vor dem Moskauer Stadion unübersehbar.

© dpa

Es hatte geschneit, die Temperatur war unter den Gefrierpunkt gefallen, an diesem 20. Oktober 1982. Rund 10 000 Zuschauer wollten sich das Uefa-Pokal-Heimspiel von Spartak Moskau gegen den niederländischen Klub HFC Haarlem trotzdem ansehen. Die Miliz hatte das Publikum auf eine einzige Tribüne gedrängt. So konnte sie die „zügellosen, kapitalistischen Praktiken“ der Fans besser beobachten. Der Boden war glatt, die Geländer vereist. Am Ende des Tages waren 66 Menschen tot, offiziell, andere Berichte gehen von bis zu 340 Opfern aus.

Im kollektiven Gedächtnis des europäischen Fußballs sind einige Begriffe untrennbar mit Katastrophen verbunden. Heysel etwa: Im Stadion von Brüssel kamen 1985 bei einer Massenpanik vor dem Finale des Landesmeistercups 39 Menschen ums Leben. Oder Hillsborough: 96 Menschen starben während eines Pokalhalbfinales in Sheffield. Die Katastrophe 1982 im Lenin-Stadion von Moskau ist kaum bekannt. Seit 1992 ist die Arena nach dem Stadtteil Luschniki benannt, am Sonntag ist sie Schauplatz des WM-Endspiels.

Irisches Vorbild

Man muss einige Jahre weiter zurückgehen, um die politische Dimension der Tragödie zu erfassen. Eine Fankultur nach westeuropäischem Vorbild entstand in der Sowjetunion spät. Die Niederlage von Dynamo Moskau im Finale des Europapokals 1972 war fast besiegelt, als Fans des Gegners Glasgow Rangers den Rasen stürmten, mit Flaggen und Fanschals. Millionen Fernsehzuschauer in der UdSSR erhielten einen Eindruck von einer farbenfrohen und lautstarken Fankultur. „Die britische Szene war weltweit Vorbild“, sagt Hardy Grüne, Fanforscher und Herausgeber des Magazins Zeitspiel. „Wir haben alle bei denen abgeschaut.“

Ab Mitte der 1970er Jahre etablierten sich Fanszenen vor allem bei den Moskauer Vereinen. Anhänger von Spartak fertigten ihre Schals zum Teil aus den roten Pioniertüchern, und trugen diese auch in Schulen oder Straßenbahnen. Doch der Einparteienstaat sah in den Fans bald eine Bedrohung: wegen ihrer undurchsichtigen Hierarchien, hemmungslosen Emotionen, mitunter wegen ihrer Schlägereien und Schmährufen. Und das in einer angespannten Zeit: nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979, dem westlichen Olympia-Boykott 1980 in Moskau, dem Aufkommen der Demokratiebewegung um Solidarnosc in Polen.

Die Angst der Partei

Gruppen, die nicht der Einheitsnorm entsprachen, mussten mit Repression rechnen, auch Fans wegen ihrer „westlich-bourgeoisen Subversion“. Das Mindestalter für Stadionbesucher wurde auf 16 angehoben, Flaggen und Schals verboten. Wer dagegen verstieß, musste mit Festnahme rechnen – und dem Verlust von Arbeitsplatz, Ausbildung oder Studium. „Fankultur ist immer auch Jugendkultur, es geht um das Ausloten von Grenzen“, sagt Grüne. „Doch in der Sowjetunion hatte man Angst, dass in den Stadien politischer Protest entstehen könnte.“

Am Oktobertag 1982 zeigten Fans im Lenin-Stadion verbotene Schals und Mützen, tranken Alkohol, es kam zu Auseinandersetzungen. Ordner ließen nur einen Ausgang offen, um Fans leichter festnehmen zu können. In der Nachspielzeit fiel das 2:0 für Spartak. Zuschauer am Ausgang eilten auf einer schmalen Treppe zurück. Das Stahlgeländer brach zusammen, Fans stürzten auf Beton, es entstand eine Massenpanik. Die meisten Opfer waren zwischen 14 und 19 Jahre alt, mehr als 500 Menschen wurden verletzt. Die Miliz legte die Leichen vor dem Lenin-Denkmal ab, das Stadion wurde abgeriegelt.

Schuldsuche bei den Fans

Nur die Zeitung Wetschernaja Moskwa schrieb beiläufig über einen Vorfall: „Während des Fußballspiels im Luschniki-Stadion hat es einen Unfall gegeben. Unter den Zuschauern gab es Verletzte.“ Die staatliche Zensur hielt Details zurück, berichtet Manfred Zeller. Der Osteuropa-Historiker hat die sowjetische Fankultur ausgiebig erforscht und interne Dokumente studiert. Pläne von Gedenkaktionen seien frühzeitig unterbunden worden: „Selbst wenn Angehörige der Opfer sich auf Friedhöfen trafen, wurde das durch den KGB dokumentiert.“

Die Sicherheitskräfte sahen die Schuld für das Massensterben bei den Fans. Sie verschärften die Repression, mit Hilfe des Komsomol, der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei, in der etliche Fußballanhänger organisiert waren. Gemäßigte Fans bezeichneten den Druck als „Terror“ und gaben ihr Hobby auf. Andere vernetzten sich im Untergrund für mehr Gewalt.

Hooligans wachsen heran

Ein Wandel wurde erst in der Perestroika angestoßen. „Unter Michail Gorbatschow hat die Sowjetführung versucht, lokale Initiativen zu fördern und offizielle Fanklubs zu installieren“, sagt Manfred Zeller. „Zugleich war der harte Kern der Fangruppen bereits stark radikalisiert. Es war kaum möglich, zu differenzieren zwischen friedlicher und gewalttätiger Fankultur.“ Folgen, die das Heranwachsen einer Hooligangeneration bis heute begünstigen.

Erst 1989 veröffentlichte die Zeitung Sowetzki Sport einen großen Artikel über die Stadionkatastrophe. Andere folgten. Seit 1992 erinnert ein Denkmal an die Opfer, doch am Stadion fällt es nicht sofort ins Auge.

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