LUST UND LEID EINER METROPOLE - Australien, Brasilien, China . - die Welt ist in Berlin sozusagen um die Ecke. Denn Menschen aus 182 Ländern leben mit ihrer Kultur und ihren Traditionen in der Stadt. Eine Entdeckungsreise, Teil 10: Kongo: Von Gott zu Marx und zurück

Bevor der Pfarrer seine Predigt beginnt, ermahnt er die Gemeinde. Auf dem Weg zur Kanzel bleibt Lo-Lowengo Botembe stehen. "Was ist los?", fragt er. Sein Kopf wackelt leicht, er lächelt. "Manche haben vielleicht zu viele Kartoffeln gegessen in Deutschland, oder zu viel Schweinefleisch." Pfarrer Botembe ist kein Hasspredigers. Er ist Bundesverdienstkreuzträger mit einem speziellen Sinn für Humor. "Ihr klatscht wie Touristen", ruft er und schlägt zur Demonstration seine Hände verhalten zusammen, die Ellenbogen an den Körper gepresst. "Wir sind eine afrikanische Kirche!", ruft der Pfarrer weiter, jetzt holt er mit beiden Armen weit nach oben aus, bevor er die Hände in einem satten Klatschen zusammenprallen lässt: "So!"Wer zum ersten Mal einen Gottesdienst der Afrikanischen Ökumenischen Kirche besucht, dem wäre es bis dahin nicht langweilig vorgekommen. Die Kirche der Berliner Stadtmission duckt sich zwischen Plattenbauten hinter der Frankfurter Allee, an diesem Sonntag haben sich nur ein Dutzend Menschen versammelt. Doch sie zögern nicht, die Rasseln und Trommeln zu nehmen, die auf den Stühlen liegen. Nach einem kurzen Gebet singen und tanzen sie.Was ihr Pfarrer daran zu zurückhaltend findet, wird klar, als er selbst vorn steht. Er schließt leicht die Augen, beginnt zu singen und wiegt sich im Rhythmus. Lo-Lowengo Botembe ist 64 Jahre alt, er hat einen beachtlichen Bauch, aber nichts an seinem Tanz sieht ungelenk aus. Auch die drei Halbwüchsigen in den weiten Hip-Hop-Hosen stehen jetzt nicht mehr breitbeinig da und gucken auf den Boden, sondern klatschen. Mit Schwung.Von den Regierungen vergessenJeder der drei ist höchstens 20, jeder von ihnen ist allein gekommen, sie tragen ihre Mützen tief in die Stirn gezogen. Wenn man sie sieht, muss man an einen Satz des Pfarrers denken. Die Afrikaner in Deutschland sind wie Waisenkinder, sagt er. "Sie sind von ihren Regierungen vergessen, ihre Botschaften kümmern sich nicht um sie, die Deutschen erst recht nicht."Lo-Lowengo Botembe sagt das in seinem Büro in den Räumen der Afrikanischen Ökumenischen Kirche, die er vor 15 Jahren in Berlin gegründet hat, als Zufluchtsort für die, die sonst keine Zuflucht hatten. Eine Art Waisenheim für Afrikaner aller Länder, auch für die, die nicht an Jesus Christus oder gar nicht an Gott glauben. Die Afrikanische Ökumenische Kirche feiert Messen. Wichtiger sind Lo-Lowengo Botembe aber ihre anderen Aufgaben: "Beratung, Betreuung, Begleitung." In allen Lebenslagen will er den Afrikanern in Berlin beistehen. Auch andere Migranten und selbst Deutsche kommen mit ihren Sorgen zu ihm. "Ein Mensch ist ein Mensch", sagt Botembe. Jedem müsse man helfen. Bei der Berliner Amtskirche gerate das manchmal in Vergessenheit: "Die Kirche lässt den kleinen Mann oft alleine." Auch ihn, als er 1990 eine Pfarrstelle suchte. Er fand keine. Auch deshalb hat er 1991 seine eigene Gemeinde gegründet.Botembe hatte gerade sein Theologiestudium beendet, er war fast 50 Jahre alt. Den Teil seines Lebens, der damals schon hinter ihm lag, hatte er in Afrika und Europa, in Kongo, der Bundesrepublik und der DDR verbracht. Er hatte im Kongo die Kolonialherrschaft und die Befreiung, in der BRD den Kapitalismus und die Kapitalismuskritik der 68er, in der DDR den Sozialismus und seinen Zusammenbruch von 1989 erlebt. Er hatte als Chemiefacharbeiter, Berufsschullehrer und Erzieher gearbeitet, Marx gelesen und Ingenieurwesen studiert. "Die Arbeit als Priester ist die Summe von allem, was ich bis dahin getan habe", sagt er. Eine Rückkehr ist sie auch, zur Religion seiner Kindheit.Lo-Lowengo Botembe wird 1942 geboren, in Kinshasa. Die Stadt heißt zu der Zeit noch Léopoldville, und Lo-Lowengo wird auf den Namen Pierre getauft. Ein französischer Name, so wie der der Stadt, die nach dem belgischen König benannt und Hauptstadt von dessen Kolonie Belgisch-Kongo ist. 100 000 Menschen leben in den 1940er-Jahren in Léopoldville, eine Grenze trennt die schwarzen und die weißen Bewohner. Am Abend brauchen die Schwarzen einen Sonderausweis für den weißen Teil. Botembes Vater ist Stadtbeamter, er erzieht Pierre christlich und schickt ihn in gute Schulen. 1960 wird der Kongo unabhängig, 1962 geht der 20-jährige Pierre Botembe nach Deutschland, um in Pforzheim Chemiefacharbeiter zu lernen.Es ist die Zeit, in der die Afrikaner überwiegend als Praktikanten und Studenten nach Deutschland kommen und nicht als Flüchtlinge. Es ist auch die Zeit, in der es in Deutschland mehr Arbeit gibt als Leute, die sie erledigen können. Botembe findet nach der Ausbildung einen Job in West-Berlin, fünf Jahre arbeitet er bei Siemens als Akkordarbeiter. Er kommt mit der 68er-Bewegung in Kontakt, protestiert gegen den Vietnamkrieg und die Ausbeutung der Dritten Welt. Schließlich zieht er in das sozialistische Deutschland. In Ost-Berlin besucht er eine Abendschule, studiert, liest die kommunistischen Klassiker und vergisst Gott endgültig. "Ich wollte von Religion nichts wissen. Zu Hause nannten sie mich Karl Marx." Botembe gerät ins Schwärmen, wenn er von dieser Zeit auf beiden Seiten der Mauer erzählt. "Wir haben über Lenin diskutiert und zu den Rolling Stones getanzt." Die Energie und Solidarität dieser Zeit finde er heute nirgends mehr.Ende der 1970er-Jahre will er zurück in den Kongo, doch da herrscht der Diktator Mobutu. Das Land heißt jetzt Zaire, erst als Mobutu 1997 die Macht verliert, wird es in Demokratische Republik Kongo umbenannt. Botembe bleibt in Berlin, lebt weiter zwischen Ost und West, beschäftigt sich mit Philosophie und Naturwissenschaften. Irgendwann ändert er seinen Vornamen in Lo-Lowengo, nach dem Stammesnamen seines Volkes, und beantragt einen deutschen Pass. Aus dem Kongolesen mit französischem Namen wird ein Deutscher mit kongolesischem Namen.Dialektische ErklärungenSein Leben ist in Ordnung, bis er sich in ein Buch über Kristalle vertieft. "Ich musste wissen, wer diese unglaublichen Formen gemacht hat." Er fragt seinen Philosophie-Professor an der Humboldt-Universität. Dessen Antwort, die Materie habe keinen Anfang und kein Ende, enttäuscht ihn. Der Mann mit dem Spitznamen Marx stellt fest, dass der Marxismus ihm fundamentale Fragen nicht beantworten kann. Er stürzt in eine Krise: "Ich hatte keinen Glauben mehr und keine Philosophie. Das war eine innere Qual."Wenn es Gott geben sollte, wird er sich zeigen, denkt er. Gott zeigt sich ihm - als Lichterscheinung, von der Botembe mit großem Ernst spricht. Bald spielen seine zwei Töchter in der Kirche Geige, seine drei Söhne ministrieren. Botembes Frau und die Kinder haben die anderen Systemwechsel nie mitgemacht, sie haben ein festes Zuhause in West-Berlin. Der Vater studiert nach seiner religiösen Erweckung in Ost-Berlin an der Humboldt-Universität Theologie. Der Konfrontation der Weltanschauungen wegen. Als er fertig ist, fällt die Mauer.Pfarrer Botembe sagt immer noch: "Der Marxismus ist ein Teil der Wahrheit." Die lange Schulung, in dieser Art zu denken, merkt man daran, wie er die Welt erklärt. Warum geht es den Afrikanern in Deutschland schlechter als anderen Migranten? "Sie sind wirtschaftlich die Schwächsten. Daraus folgt, dass sie auch politisch und juristisch die Schwächsten sind." Eine dialektische Erklärung. Sie geht weiter: "Wenn es für Deutsche wirtschaftlich schwerer wird, dann wird es für die Afrikaner noch viel schwerer." Der Pfarrer und Marxist will sich deshalb jetzt auch als Kapitalist versuchen. Seine Kirche will eine Handelsgesellschaft gründen. In Berlin fehlten Unternehmer-Vorbilder wie in Paris oder London, wo weit mehr Schwarze leben. Dort sei auch der Zusammenhalt besser. In Berlin gebe es keine starke, geeinte Community, sagt Botembe. "Alle kämpfen allein um ihr Überleben."Wer gut vorbereitet ist, kann den Kampf gewinnen. Botembe hat seine fünf Kinder auf ein Leben als Schwarze in Berlin vorbereitet. "Sie waren alle in Sportvereinen, sie waren alle mal Klassensprecher." Er erzählt stolz, dass er Vater einer Internistin, einer Dozentin, eines Küchenchefs, eines Werbers und eines Geschäftsmannes ist. "Sie haben zwei Heimaten, Kongo und Deutschland. So wie ich."Im Gottesdienst singt Botembe das Lied, das die Gemeinde ermuntern soll, auf Deutsch. Seine Predigt hält er in Deutsch und Lingala, einem Idiom aus der afrikanischen Familie der Bantu-Sprachen. Lingala wird in der Demokratischen Republik und der Republik Kongo, der Zentralafrikanischen Republik und Angola gesprochen. Offiziell leben etwa 500 Menschen aus den beiden Kongo-Staaten in Berlin. Dazu 1 150 Angolaner, zumeist ehemalige Vertragsarbeiter der DDR. Lingala hat französische, portugiesische und Kisuaheli-Worte aufgenommen. Ein Wort gibt es in der Sprache, die vokalreich und sanft klingt, bis heute nicht: Einsamkeit. Dieses Wort hat Lo-Lowengo Botembe erst in Deutschland kennen gelernt.Am Montag lesen Sie: Warum ein Australier Schnabeltier-Theater spielt.------------------------------FRAGEWas war die Kongo-Konferenz?Auf unrühmliche Weise ist Berlin mit der Geschichte der beiden Kongo-Staaten verbunden: Zwischen November 1884 und Februar 1885 wurde hier die so genannte Kongo-Konferenz abgehalten. Bei der Konferenz, von Reichskanzler Bismarck auf Wunsch des belgischen Königs Leopold II. einberufen, teilten die Kolonialmächte Afrika rund um das Becken des Kongo-Flusses neu untereinander auf. England, Portugal, Frankreich und Belgien waren in Streit geraten über ihre Anteile am fremden Land. An der Konferenz nahmen außerdem die USA, die Türkei, Österreich-Ungarn, Dänemark, Italien, die Niederlande, Portugal, Russland, Spanien, Schweden-Norwegen und Deutschland teil. Nach drei Monaten einigten sich diese Staaten auf die so genannte Kongoakte. Sie legten die Grenzen in Afrika fest, ohne Afrikaner zu beteiligen.Unter anderem wurde der "Freistaat Kongo" ausgerufen - der im Gegensatz zu seinem Namen Privateigentum des belgischen Königs wurde. Der Wettlauf um das noch wirklich freie Afrika nahm in der Folge zu: Bis 1914 stand dann der ganze Kontinent - außer Liberia und Äthiopien - unter europäischer Herrschaft.------------------------------Foto: Lo-Lowengo Botembe kam 1962 von Kongo nach Deutschland, um Chemiefacharbeiter zu lernen. Seit 1991 ist er Pfarrer in ...

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Bevor der Pfarrer seine Predigt beginnt, ermahnt er die Gemeinde. Auf dem Weg zur Kanzel bleibt Lo-Lowengo Botembe stehen. "Was ist los?", fragt er. Sein Kopf wackelt leicht, er lächelt. "Manche haben vielleicht zu viele Kartoffeln gegessen in Deutschland, oder zu viel Schweinefleisch." Pfarrer Botembe ist kein Hasspredigers. Er ist Bundesverdienstkreuzträger mit einem speziellen Sinn für Humor. "Ihr klatscht wie Touristen", ruft er und schlägt zur Demonstration seine Hände verhalten zusammen, die Ellenbogen an den Körper gepresst. "Wir sind eine afrikanische Kirche!", ruft der Pfarrer weiter, jetzt holt er mit beiden Armen weit nach oben aus, bevor er die Hände in einem satten Klatschen zusammenprallen lässt: "So!"Wer zum ersten Mal einen Gottesdienst der Afrikanischen Ökumenischen Kirche besucht, dem wäre es bis dahin nicht langweilig vorgekommen. Die Kirche der Berliner Stadtmission duckt sich zwischen Plattenbauten hinter der Frankfurter Allee, an diesem Sonntag haben sich nur ein Dutzend Menschen versammelt. Doch sie zögern nicht, die Rasseln und Trommeln zu nehmen, die auf den Stühlen liegen. Nach einem kurzen Gebet singen und tanzen sie.Was ihr Pfarrer daran zu zurückhaltend findet, wird klar, als er selbst vorn steht. Er schließt leicht die Augen, beginnt zu singen und wiegt sich im Rhythmus. Lo-Lowengo Botembe ist 64 Jahre alt, er hat einen beachtlichen Bauch, aber nichts an seinem Tanz sieht ungelenk aus. Auch die drei Halbwüchsigen in den weiten Hip-Hop-Hosen stehen jetzt nicht mehr breitbeinig da und gucken auf den Boden, sondern klatschen. Mit Schwung.Von den Regierungen vergessenJeder der drei ist höchstens 20, jeder von ihnen ist allein gekommen, sie tragen ihre Mützen tief in die Stirn gezogen. Wenn man sie sieht, muss man an einen Satz des Pfarrers denken. Die Afrikaner in Deutschland sind wie Waisenkinder, sagt er. "Sie sind von ihren Regierungen vergessen, ihre Botschaften kümmern sich nicht um sie, die Deutschen erst recht nicht."Lo-Lowengo Botembe sagt das in seinem Büro in den Räumen der Afrikanischen Ökumenischen Kirche, die er vor 15 Jahren in Berlin gegründet hat, als Zufluchtsort für die, die sonst keine Zuflucht hatten. Eine Art Waisenheim für Afrikaner aller Länder, auch für die, die nicht an Jesus Christus oder gar nicht an Gott glauben. Die Afrikanische Ökumenische Kirche feiert Messen. Wichtiger sind Lo-Lowengo Botembe aber ihre anderen Aufgaben: "Beratung, Betreuung, Begleitung." In allen Lebenslagen will er den Afrikanern in Berlin beistehen. Auch andere Migranten und selbst Deutsche kommen mit ihren Sorgen zu ihm. "Ein Mensch ist ein Mensch", sagt Botembe. Jedem müsse man helfen. Bei der Berliner Amtskirche gerate das manchmal in Vergessenheit: "Die Kirche lässt den kleinen Mann oft alleine." Auch ihn, als er 1990 eine Pfarrstelle suchte. Er fand keine. Auch deshalb hat er 1991 seine eigene Gemeinde gegründet.Botembe hatte gerade sein Theologiestudium beendet, er war fast 50 Jahre alt. Den Teil seines Lebens, der damals schon hinter ihm lag, hatte er in Afrika und Europa, in Kongo, der Bundesrepublik und der DDR verbracht. Er hatte im Kongo die Kolonialherrschaft und die Befreiung, in der BRD den Kapitalismus und die Kapitalismuskritik der 68er, in der DDR den Sozialismus und seinen Zusammenbruch von 1989 erlebt. Er hatte als Chemiefacharbeiter, Berufsschullehrer und Erzieher gearbeitet, Marx gelesen und Ingenieurwesen studiert. "Die Arbeit als Priester ist die Summe von allem, was ich bis dahin getan habe", sagt er. Eine Rückkehr ist sie auch, zur Religion seiner Kindheit.Lo-Lowengo Botembe wird 1942 geboren, in Kinshasa. Die Stadt heißt zu der Zeit noch Léopoldville, und Lo-Lowengo wird auf den Namen Pierre getauft. Ein französischer Name, so wie der der Stadt, die nach dem belgischen König benannt und Hauptstadt von dessen Kolonie Belgisch-Kongo ist. 100 000 Menschen leben in den 1940er-Jahren in Léopoldville, eine Grenze trennt die schwarzen und die weißen Bewohner. Am Abend brauchen die Schwarzen einen Sonderausweis für den weißen Teil. Botembes Vater ist Stadtbeamter, er erzieht Pierre christlich und schickt ihn in gute Schulen. 1960 wird der Kongo unabhängig, 1962 geht der 20-jährige Pierre Botembe nach Deutschland, um in Pforzheim Chemiefacharbeiter zu lernen.Es ist die Zeit, in der die Afrikaner überwiegend als Praktikanten und Studenten nach Deutschland kommen und nicht als Flüchtlinge. Es ist auch die Zeit, in der es in Deutschland mehr Arbeit gibt als Leute, die sie erledigen können. Botembe findet nach der Ausbildung einen Job in West-Berlin, fünf Jahre arbeitet er bei Siemens als Akkordarbeiter. Er kommt mit der 68er-Bewegung in Kontakt, protestiert gegen den Vietnamkrieg und die Ausbeutung der Dritten Welt. Schließlich zieht er in das sozialistische Deutschland. In Ost-Berlin besucht er eine Abendschule, studiert, liest die kommunistischen Klassiker und vergisst Gott endgültig. "Ich wollte von Religion nichts wissen. Zu Hause nannten sie mich Karl Marx." Botembe gerät ins Schwärmen, wenn er von dieser Zeit auf beiden Seiten der Mauer erzählt. "Wir haben über Lenin diskutiert und zu den Rolling Stones getanzt." Die Energie und Solidarität dieser Zeit finde er heute nirgends mehr.Ende der 1970er-Jahre will er zurück in den Kongo, doch da herrscht der Diktator Mobutu. Das Land heißt jetzt Zaire, erst als Mobutu 1997 die Macht verliert, wird es in Demokratische Republik Kongo umbenannt. Botembe bleibt in Berlin, lebt weiter zwischen Ost und West, beschäftigt sich mit Philosophie und Naturwissenschaften. Irgendwann ändert er seinen Vornamen in Lo-Lowengo, nach dem Stammesnamen seines Volkes, und beantragt einen deutschen Pass. Aus dem Kongolesen mit französischem Namen wird ein Deutscher mit kongolesischem Namen.Dialektische ErklärungenSein Leben ist in Ordnung, bis er sich in ein Buch über Kristalle vertieft. "Ich musste wissen, wer diese unglaublichen Formen gemacht hat." Er fragt seinen Philosophie-Professor an der Humboldt-Universität. Dessen Antwort, die Materie habe keinen Anfang und kein Ende, enttäuscht ihn. Der Mann mit dem Spitznamen Marx stellt fest, dass der Marxismus ihm fundamentale Fragen nicht beantworten kann. Er stürzt in eine Krise: "Ich hatte keinen Glauben mehr und keine Philosophie. Das war eine innere Qual."Wenn es Gott geben sollte, wird er sich zeigen, denkt er. Gott zeigt sich ihm - als Lichterscheinung, von der Botembe mit großem Ernst spricht. Bald spielen seine zwei Töchter in der Kirche Geige, seine drei Söhne ministrieren. Botembes Frau und die Kinder haben die anderen Systemwechsel nie mitgemacht, sie haben ein festes Zuhause in West-Berlin. Der Vater studiert nach seiner religiösen Erweckung in Ost-Berlin an der Humboldt-Universität Theologie. Der Konfrontation der Weltanschauungen wegen. Als er fertig ist, fällt die Mauer.Pfarrer Botembe sagt immer noch: "Der Marxismus ist ein Teil der Wahrheit." Die lange Schulung, in dieser Art zu denken, merkt man daran, wie er die Welt erklärt. Warum geht es den Afrikanern in Deutschland schlechter als anderen Migranten? "Sie sind wirtschaftlich die Schwächsten. Daraus folgt, dass sie auch politisch und juristisch die Schwächsten sind." Eine dialektische Erklärung. Sie geht weiter: "Wenn es für Deutsche wirtschaftlich schwerer wird, dann wird es für die Afrikaner noch viel schwerer." Der Pfarrer und Marxist will sich deshalb jetzt auch als Kapitalist versuchen. Seine Kirche will eine Handelsgesellschaft gründen. In Berlin fehlten Unternehmer-Vorbilder wie in Paris oder London, wo weit mehr Schwarze leben. Dort sei auch der Zusammenhalt besser. In Berlin gebe es keine starke, geeinte Community, sagt Botembe. "Alle kämpfen allein um ihr Überleben."Wer gut vorbereitet ist, kann den Kampf gewinnen. Botembe hat seine fünf Kinder auf ein Leben als Schwarze in Berlin vorbereitet. "Sie waren alle in Sportvereinen, sie waren alle mal Klassensprecher." Er erzählt stolz, dass er Vater einer Internistin, einer Dozentin, eines Küchenchefs, eines Werbers und eines Geschäftsmannes ist. "Sie haben zwei Heimaten, Kongo und Deutschland. So wie ich."Im Gottesdienst singt Botembe das Lied, das die Gemeinde ermuntern soll, auf Deutsch. Seine Predigt hält er in Deutsch und Lingala, einem Idiom aus der afrikanischen Familie der Bantu-Sprachen. Lingala wird in der Demokratischen Republik und der Republik Kongo, der Zentralafrikanischen Republik und Angola gesprochen. Offiziell leben etwa 500 Menschen aus den beiden Kongo-Staaten in Berlin. Dazu 1 150 Angolaner, zumeist ehemalige Vertragsarbeiter der DDR. Lingala hat französische, portugiesische und Kisuaheli-Worte aufgenommen. Ein Wort gibt es in der Sprache, die vokalreich und sanft klingt, bis heute nicht: Einsamkeit. Dieses Wort hat Lo-Lowengo Botembe erst in Deutschland kennen gelernt.Am Montag lesen Sie: Warum ein Australier Schnabeltier-Theater spielt.------------------------------FRAGEWas war die Kongo-Konferenz?Auf unrühmliche Weise ist Berlin mit der Geschichte der beiden Kongo-Staaten verbunden: Zwischen November 1884 und Februar 1885 wurde hier die so genannte Kongo-Konferenz abgehalten. Bei der Konferenz, von Reichskanzler Bismarck auf Wunsch des belgischen Königs Leopold II. einberufen, teilten die Kolonialmächte Afrika rund um das Becken des Kongo-Flusses neu untereinander auf. England, Portugal, Frankreich und Belgien waren in Streit geraten über ihre Anteile am fremden Land. An der Konferenz nahmen außerdem die USA, die Türkei, Österreich-Ungarn, Dänemark, Italien, die Niederlande, Portugal, Russland, Spanien, Schweden-Norwegen und Deutschland teil. Nach drei Monaten einigten sich diese Staaten auf die so genannte Kongoakte. Sie legten die Grenzen in Afrika fest, ohne Afrikaner zu beteiligen.Unter anderem wurde der "Freistaat Kongo" ausgerufen - der im Gegensatz zu seinem Namen Privateigentum des belgischen Königs wurde. Der Wettlauf um das noch wirklich freie Afrika nahm in der Folge zu: Bis 1914 stand dann der ganze Kontinent - außer Liberia und Äthiopien - unter europäischer Herrschaft.------------------------------Foto: Lo-Lowengo Botembe kam 1962 von Kongo nach Deutschland, um Chemiefacharbeiter zu lernen. Seit 1991 ist er Pfarrer in Berlin.

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