Eine feuchte Spur legt der Mittsommerregen durch die Oberwallstraße. Man kann riechen, wo sie hinführt. Gebundener Baustaub, feuchte Zellulose der Sperrholzplatten, die als Pfützenstege Schmutz und Füße trennen: Tapeziergeruch − man kennt ihn vom Renovieren. Hier wird die Staatsoper Unter den Linden samt Intendanzgebäude saniert. Sani-Kabinen aus grauen Knickblechwänden dienen den Bauleuten nach der Arbeit zur Sanierung ihres gesellschaftsfähigen Zustandes. Zwischen ihnen und dem Intendanzgebäude, das wie ein mausbenagter Keks in der Landschaft steht, bubbern drei bullige Kompressoren ihr gut artikuliertes, aber rätselhaftes Mantra vor sich hin wie weiland die Hexen in Shakespeares „Macbeth“. „Nun, ihr geheimen, blauen Luftunholde! Was macht ihr da?“, fragt man sich und sie. Textsicher bubbern sie zurück: „Ein namenloses Werk“.
Vor zwölf Jahren uraufgeführt
„Tre atte senza nome“ − „Drei namenlose Akte“ hat der italienische Komponist Salvatore Sciarrino seine Oper „Macbeth“ nach William Shakespeare genannt. Vor zwölf Jahren wurde sie in Schwetzingen uraufgeführt. Jürgen Flimm, der Intendant der Berliner Staatsoper, die seit Oktober 2013 wieder in ihrem Haus Unter den Linden spielen wollte, aber von September 2010 bis heute noch immer im Schiller-Theater spielen muss − und zwar auf ungewisse Zeit −, Jürgen Flimm also hielt es nicht mehr aus in dieser namenlosen Traurigkeit. Und so hat er sich auf die aufklärerische Devise besonnen, wonach Theater die „Vorgänge hinter den Vorgängen“ zeigen soll. Da wurde nun Sciarrinos „Macbeth“ in einem Probensaal des alten Intendanzgebäudes inszeniert, damit alle, die es wollen, sehen können, was auf dieser Baustelle vor sich geht.
Das Haus sieht aus, als wäre der Bau erst vor sechs Wochen und nicht vor vier Jahren begonnen worden. Noch erkennt man im Casino den alten Anstrich in den Farben Karamell und Gurke-Hell. Noch sieht man im Saal die alten Gesimse, die jetzt unverbunden vor den ziegelkahlen Wänden hängen, gefertigt aus Stroh, Holz und Gips. Und die zwei korinthischen Säulen, graziler Gruß des Richard-Paulick-Rokokos um 1955, behaupten in heiterer Standhaftigkeit eine kulturelle Kontinuität von 1742 bis 2014.
So wie die wackeren Musiker des Opera Lab Berlin unter der Leitung von David Robert Coleman auf den Dackelbein-Sesseln der alten Innenausstattung des Hauses sitzen, so hat auch die Kostümbildnerin Birgit Wentsch den Fundus der alten Oper geplündert. Carola Höhn als Lady Macbeth, Stephen Chambers als Banquo, Timothy Sharp als Macduff und Katharina Kammerloher als Geist, Soldat und Werweißwasnoch tragen Gewänder und Perücken wie aus einem alten „Rosenkavalier“ oder „Figaro“. Aber alles sieht nach Plunder und Tand aus, nach Rokoko-Resterampe, nach geborgenem Müll einer Zeit, die noch den Aufwand der Idealisierung betrieben hatte. Jürgen Flimm und seine Co-Regisseurin Mara Kurotschka scheinen des Aufwands müde zu sein, aber nicht gänzlich ohne Liebe für jene Epochen, die wacher waren.
Der Auftritt der Geister beim Bankett zum Beispiel hat − inmitten dieses erschlafften Biergarten-Spektakels − noch einmal die Wucht und Größe vitalen Theaters: Sechs fellige Viecher, drei Meter groß, betreten den Saal, wolfszahnig, elchnasig und nasgehörnt, stets mit Geweih. So haben wir uns als Kind den Mummelluchs vorgestellt. Sechsjährige würden jetzt Herzrasen kriegen. Die Biester bringen Banquo um und speisen mit Macbeth. Sie sind die Dämonen seines Inneren. Er sieht sie und erschrickt.
Wie ein weiblicher Klaus Kinsky
Sciarrino, 1947 geboren, hat mit „Macbeth“ sein dramatischstes Stück geschrieben. Seine Musik erzählt genau von den Zuständen des Mannes und seiner Frau, die Schottlands König und seine Getreuen ermorden, aber zu warmblütig sind, diese Tat zu verkraften. Das Gewissen macht ihre Psychen porös. Carola Höhn − hoch und leicht singend, tief und voll sprechend − macht das so virtuos wie ein weiblicher Klaus Kinsky in einem Edgar-Wallace-Krimi. Otto Katzameier als Macbeth ist mit der klingenden Sprechakt-Malerei Sciarrinos ohnehin schon so verwachsen, dass er dieses Wimmern und Stöhnen, dieses hysterische Überschlagen ins Jodelregister bewältigt mit der Leichtigkeit einer Kaffeehauskonversation.
Die Instrumentalisten erweitern diesen Klangraum des Hechelns und Zitterns, des Schwellens und Bellens mit großer Kunst und einigem Vergnügen. Sciarrinos Musik packt mit klaren Kontrasten der Situationen, die sich in der Instrumentierung (oder im Fehlen derselben) abbilden. Es ist ganz alte psychologische, lautmalerische Musik, die sich durch die Szene unmittelbar mit Sinn erfüllt, eine Szene, die Flimm gestaltet wie den Gaukler-Sommerrummel des Hexenkessel-Hoftheaters. Mit Scheinwerfern von außen, durch die Fenster hindurch, erzeugt Olaf Freese phantasievoll den Schein der Sonne, die langsam um den Saal wandert.
Nur: Vorgänge hinter den Vorgängen sieht man hier nicht. Man hört in der Musik die Vorgänge im Innern der Handelnden. Diese Musik weiß − abgesehen von der klanglichen Klammer eines zyklischen Gewalt-Verhängnisses − nichts von komplexer Zeit. Sie kennt nur die Situation. Sie spricht die Augenblicksimperative von Blut, Schweiß und Speichel aus.
Einen kahlköpfigen Mann mit grauem Bart und knarrender Lederjacke neben mir sprechen diese Imperative so sehr an, dass er nach und nach seine Finger bis zum Mittelglied zwischen die Zähne schiebt und darauf herumkaut. Meinem bohrenden Blick begegnet er, die halbe Hand im Mund, verständnislos. Den kleinen Finger rechts hebt sich der Nuckelneurotiker zum Nachtisch auf. Dann hat er alles eingespeichelt und zieht nun vermutlich über Griffe und Türdrücker der S- und U-Bahnen seine feuchte Spur.
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