Machen wir rüber?

Dieter Krause erinnert sich an seine Kindheit im Ost-Berlin der 1950er Jahre

Birgit Walter
4 Min

Das Gedächtnis ist kein Videorecorder, den man bei Bedarf anwerfen kann, um alte Ereignisse abzuspulen. Jede Erinnerung ist eine hochkomplexe Rekonstruktion gespeicherter, codierter und vor allem dramatisch überlagerter Informationen. Sie fällt auch je nach Nutzungshäufigkeit immer wieder anders aus. Dieter Krause, 70 Jahre, ist ein phänomenaler Rekonstruierer. Er beschreibt den Kollwitzplatz, die Höfe und Ruinen seines Kiezes in den 1950er-Jahren, seine Wohnung und die Läden der Gegend, als würde er gerade alles durch eine Kamera sehen. Er erinnert sich selbst an die Dekorationen der Schaufenster und die Regale im Lebensmittelladen „mit Gläsern und Tüten luftig aneinander ausgerichtet.“ Er weiß die Namen der Hausbewohner, Lehrer und Mitschüler aller Klassen, obwohl er zwei Mal von der Schule flog. Allerdings schreibt er auch alle Namen gnadenlos auf.

Mich verblüffen solche Fähigkeiten. Ich habe meine Kindheit zwei Kilometer weiter verbracht, in der Goldaper/Ecke Kniprodestraße, einige Jahre später, aber noch in den Fünfzigern. Mein Vater fuhr wie seiner jeden Morgen endlose Strecken mit dem Rad zur Arbeit, meine Mutter zu Hause besaß wie Frau Krause ein glitzerndes Brokatkleid. Sonntags zogen alle ihren Sonntagsstaat an, Vater setzte einen Hut auf, wir gingen spazieren, nicht beten. Stubenarrest, also nicht runter dürfen zu den anderen Kindern, war die schlimmste Strafe, denn das Leben spielte da draußen. Es ist ein wohliger Effekt, die eigene Kindheit wiederzuerkennen, eine Zeit, in der das Leben noch wie ein Überraschungspaket vor einem liegt und alles immer besser wird. Auch der unerschütterliche Fortschrittsglaube dieser Zeit erreichte gerade historische Dimensionen.

Damals waren die Straßen noch für Fußgänger da, für ein paar Lieferwagen und natürlich für spielende Kinder, nicht radikal okkupiert von parkendem blanken Blech. Auch damals verändert Technik das Leben, ein Mixer, ein Kühlschrank, eine Waschmaschine! Eines Tages reichten die Ersparnisse für einen Fernseher oder schließlich einen Trabant – die Ankunft alles Neuen begrüßte man begeistert, obwohl es vorher eigentlich nicht vermisst worden war.

Dieter Krause erzählt in „Kollwitz 66“ chronologisch von 15 Jahren seiner Kindheit. Die Familie wohnt parterre, zwei Zimmer ohne Bad, dafür mit sonnabendlichen Wannenbädern in der Oderberger Straße. Man lernt viel über das Leben in der geteilten Stadt, die Pendler, die beiden Währungen, die Wechselstuben, die verbindende S-Bahn und den damaligen Arbeiterkiez. Dort griffen die Ideologien nicht und an Feiertagen hingen keine Fahnen aus den Fenstern. Das Straßenbild aber veränderte sich mit den Jahren, die meisten privaten Läden gaben auf, weil sie nicht genug zu verkaufen hatten. Die DDR wollte Staatsläden und Kontrolle.

Im Kollwitzkiez war der Westen sehr nah. Frau Krause ging öfter da einkaufen, auch Dieter und seine abenteuerfreudige freche Jungs-Clique eroberte ihn hurtig, vor allem die Kinos und Läden mit Fix-und-Foxi-Heften. Außerdem putzte seine Mutter eine Wohnung für Westgeld. In die Ferien fuhren sie zu Verwandten nach Westdeutschland. Über allem schwebte die Frage, die wohl die allermeisten Ost-Berliner damals beschäftigte, ob sie nicht auch „rüber machen“ sollten. Tja. Tausende gingen noch kurz vor dem Mauerbau, viele zögerten. Sie müssten alles zurücklassen, noch mal ganz von vorn anfangen – und das hatten sie doch gerade erst. Die Krauses aus der Kollwitz 66 blieben im Osten.

Ihr Sohn studierte dann Philosophie an der Humboldt-Universität, war in den 1970er-Jahren Redakteur der Berliner Zeitung, bildete eine Oppositionsgruppe, nach deren Zerschlagung er die Redaktion verließ. Er arbeitete wieder an der Uni, für das Neue Forum und zuletzt zwanzig Jahre beim Stern. Krause hat was zu erzählen: Opposition an einer Staatszeitung und trotzdem zurück an die Uni? Wie ging das? Wie war es als Ostler beim Stern?

Doch als es spannend werden könnte, hört das Buch auf. Hat je jemand eine unspektakuläre Kindheit je auf 450 Seiten ausgebreitet? Gut, sie vermittelt dieses sehr plastische Sittenbild, ein paar Fakten zur Geschichte. Aber alles ufert aus in Geschwätzigkeit, statt wesentliche Akzente zu setzen. Es fehlt eine Verarbeitungsstufe. Möhreneintöpfe und Murmelqualitäten über mehre Seiten, jede Radiosendung, jeder Star, jeder Film, selbst der nicht gesehene, marschieren auf, Schlagertexte und Zitate ohne Ende. Krause, ein Reporter, schreibt leicht und anschaulich, was denn sonst, aber er zieht keine Spannungsbögen ein. Keiner erwartet Literatur, aber diese Figuren bleiben ohne Seele, selbst die Konturen der sehr präsenten Eltern muss man sich selbst zusammenpuzzeln.

1959 kauft die Familie einen Trabant, wir erfahren alles. Der Tag war sonnig, die Straßenbahnlinie hieß 72, Vater, Mutter, Kind fuhren zur Rennbahnstraße, ein geräumiger Hof erwartete sie, und dann kommt der Satz: „Das genaue Abholdatum muss ich leider schuldig bleiben.“ Schuldig? Als hätte Dieter Krause ein Erinnerungsbuch für die Familie geschrieben, leider mit dieser kleinen Lücke.

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