Die deutschen Bundeskanzler waren alle nicht besonders kunstsinnig oder intellektuell aufgeschlossen. Dieser Generalbass durchzieht Norbert Seitz' lesenswertes Buch. Gerade in den Gründungsjahren des jungen Staates beschreibt Seitz das Verhältnis zwischen Macht und Geist als "stets latenten Konflikt". Konrad Adenauer tendierte mehr zum Kölner Millowitsch-Theater als zur Avantgarde. In der Kunst interessierten ihn nur die alten Meistern. Aus allen intellektuellen Debatten hielt sich der greise Kanzler heraus, die teils ätzend scharfe Kritik von Schriftstellern an seinem patriarchalischem Regierungsstil ertrug er stoisch.Über Ludwig Erhard, den glücklosen Nachfolger Adenauers, fällt Seitz' Urteil nicht viel günstiger aus. Zwar suchte er zeitweise das Gespräch mit "Männern des Geistes", erregte auch Aufsehen mit Sep Rufs puristischem Kanzlerbungalow. Doch war er tief gekränkt, als sich die Intellektuellen auf Willy Brandts Seite schlugen und sein eigenes Lebenswerk, die soziale Marktwirtschaft, unter Beschuss nahmen. Auf Rolf Hochhuth konterte er im Wahlkampf 1965 mit einer Wutattacke, die an ihm haften blieb: "Da hört der Dichter auf, da fängt der ganz kleine Pinscher an." Auch mit seiner bedeutendsten Kunstinitiative, dem kompromisslosen Kanzlerbungalow in der Bauhaus-Tradition, hatte Erhard wenig Glück. Es gab viel öffentlichen Hohn und keiner der Nachfolger fühlte sich hier wohl.Interessant sind Seitz' Ausführung über Willy Brandt. Nach dem bildungsbeflissenen Kurt Georg Kiesinger, dessen Vorliebe für romantische Gedichte ihn dem Spitznamen "König Silberzunge" eintrug, kamen sich Politik und Geist nun erstmals näher. Linke Autoren feierten Brandt als Hoffnungsträger, zahllose Künstler widmeten ihm Werke, und als erster Kanzler sprach er auf einem Literatenkongress. Doch insgesamt halten die Legenden der Bewunderer über seinen Kunstsinn und seine Belesenheit der Realität nicht stand. Selbst die Witwe Brigitte Seebacher rückt in ihrer Biografie da einiges zu Recht.Ähnlich erscheint bei Seitz der kühle Helmut Schmidt, der als Pianist und Liebhaber der Expressionisten in Erinnerung geblieben ist. Doch habe, so Seitz, bei ihm die Reserve vor dem Neuen überwogen; die meisten Avancen aus den intellektuellen Szenen seien am Hinweis auf den Kulturföderalismus abgeprallt. Seitz' Einschätzung mag hier ebenso übertrieben sein wie die allzu negative Bilanz von Helmut Kohls Kunstengagement. Der Ablehnung von Christos Reichstagsverhüllung oder der aufgeblasenen Kollwitz-Pietà in der Neuen Wachen steht die überragende, von Seitz etwas heruntergespielte Rolle Kohls beim repräsentativen und architektonisch anspruchsvollen Ausbau des Berliner Regierungsviertels gegenüber.Und Gerhard Schröder? Zu Recht nennt Seitz die Einführung des Staatskulturministers als seine folgenreichste Innovation. Wie seine Vorgänger gibt er sich als bodenständig, räumt freimütig ein, dass er nie ein großer Leser war, findet aber große Befriedigung in der Beschäftigung mit der bildenden Kunst. Den Maler Immendorff nimmt er mit auf Staatsbesuch, den Duzfreund Lüpertz lädt er zur Verschönerung des neuen Kanzleramts ein.Bei Schröders Unterstützung des Sammlers Flick verliert Seitz, der Redakteur der SPD-nahen Frankfurter Hefte, seine Urteilsfähigkeit. In dem Streit hierüber habe er sich "auf die Seite der Kunstfreunde" geschlagen. Jeder Flick-Kritiker ein Kunstbanause? Nach großenteils lehrreicher wie unterhaltsamer Lektüre schließt man verärgert das Buch.------------------------------Foto: Norbert Seitz: Der Kanzler und die Künste. Die Geschichte einer schwierigen Beziehung. Siedler Verlag, München 2005. 192 S., 18 Euro.
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