Bereits im vergangenen Dezember ist in Hannover „Macht und Widerstand“, die Bühnenadaption des gleichnamigen 500-Seitenromans von Ilija Trojanow, in der Regie von Dusan David Parizek herausgekommen.
Am Dienstag feierte die Koproduktion im Deutschen Theater Berlin-Premiere, eine Woche nach der wenig zupackenden, textraschelnden Version von Kafkas „Amerika“, ebenfalls von Parizek inszeniert. Und wieder kommen Overheadprojektoren zum Einsatz, die Texte an die Wand werfen und zugleich die Figuren beleuchten.
Zweifelhafte Zeugen
In diesem Fall, es handelt sich um Abzüge aus Stasiakten, liegt ein feiner Sinn darin. Das Geschehen auf der Bühne, das Gesprochene und im Augenblick Erinnerte, wird überlagert, geknechtet und geschluckt von dem Festgehaltenen. Um es gleich zu sagen, die Gegenwart hat keine Chance, der Wahrheit mit Hilfe der gesammelten zweifelhaften Zeugnisse in Akten und in den Gedächtnissen auf die Spur zu kommen.
Berliner Premiere
Macht und Widerstand nach dem Roman von Ilija Trojanow in einer Bühnenfassung von Dusan David Parizek
Regie und Bühne: Dusan David Parizek, Kostüme: Kamila Polívková
Es spielen: Samuel Finzi (Konstantin Milew Scheitanow), Markus John (Metodi
Popow), Sarah Franke (Dora, Nezabrawka...) und Henning Hartmann (Hund, Vizepräsident, Bruder...)
Vorstellungstermine: 28. Okt.: 19.30 Uhr, 29. Okt.: 18 Uhr im Deutschen Theater
Karten und Informationen unter T.: 28441225 oder im Internet: deutschestheater.de
Es geht um die Geschichte von Konstantin (Samuel Finzi), der in den 1950er Jahren ein Stalin-Denkmal gesprengt hat, just als der „Vater aller Völker“ starb. Die bulgarische Staatssicherheit, personifiziert durch den vom Partisan zum Funktionär gewordenen Kommunisten Metodi Popow (Markus John), foltert Konstantin, hängt ihm eine Verschwörung an und sperrt ihn für viele Jahre ins Lager und in die Psychiatrie.
Die fremde Tochter
Die beiden begegnen sich nach der Wende wieder. Sie erhalten Gelegenheit, ihre Versionen der Geschichte auf der Bühne darzulegen. Der vereinsamte, auf die Vergangenheit fixierte Konstantin kriegt den selbstgerechten, anklagenden Ton nicht los und verprellt damit die Nachbarin, eine Krankenschwester, die ihn lieben könnte. Und Metodi rechtfertigt sich für das Gewesene, als er von einer Frau behelligt wird, die sich für seine Tochter ausgibt, die er ohne sein Wissen mit einer Lagerinsassin gezeugt haben soll.
Beide Frauen spielt Sarah Franke und scheint somit zuständig für das Eigentlich-Menschliche zu sein, für das direkt und unverstellt aus dem Herzen Sprechende. Dazu kommen ein paar Büttel, charakterlose Wendegewinnler, opportunistische Familienmitglieder und ein streunender Hund, die sämtlich von Henning Hartmann verkörpert werden – als blasse Vertreter der bedeutungslosen Gegenwart.
Schnüffeln und Zersetzen
Die Staatssicherheit ist ein großer Stoff für Romane, und mehr noch für die Bühne. Ihre Grundprinzipien sind Fiktion und Verstellung − die Vermischung von Wahrheit, Idee und Lüge. Ihre Mitarbeiter spielten Rollen, legten sich Legenden zu und schrieben mittels Zersetzung die Biografien ihrer Opfer in Echtzeit um. Konstantin fasst es so: „Gelegentlich hat es die Staatssicherheit mit der Wahrheitsfindung versucht.
Später hat sie sich damit begnügt, die Fakten den eigenen Bedürfnissen anzupassen, während von den Bürgern erwartet wurde, dass sie ihre Bedürfnisse den Gegebenheiten anpassen. Das ganze System basierte auf Lügen…“ Das ist natürlich ein scharfes Wort, man könnte das Lügensystem auch Ideologie nennen, ein gemeinsames Spiel von Staat, Partei und Bürgern. Und wenn man es recht bedenkt, erreicht der Markt Ähnliches – nur ohne Staatssicherheit und auf freiwilliger Basis. Aber wie gesagt, die beiden gealterten Widersacher dringen gar nicht zur Gegenwart vor, sie sind damit beschäftigt, ihre Rollen in der Vergangenheit zu deuten und längst selbst zu literarischen Figuren geworden.
Rettender Zynismus
Auf der Bühne gibt das Thema die Form vor. Das reicht von umstandslosem Rollenwechsel-Slapstick bis zur überzogenen pathetischen Geste – wenn Konstantin auf seinen Klagen herumkaut, als schmecke er noch den Gummiknebel, wenn er seine Finger bewegt, als wolle er sie von Blut und Schmutz befreien, und wenn ihm Tränen des Leids und der Ergriffenheit in die Augen steigen. Finzi weiß, wie man dick aufträgt. Während John mit einer schiefen billigen Brille zwischen Verbitterung und unverbrüchlichem Kampfesmut auch mal so etwas wie Altersmilde aufleuchten lässt. Der Zynismus ist für beide die letzte Rettung.
Ein thematisch und schauspielerisch lohnender, auch komischer Abend, der durch die gestalterische Zurückhaltung von Parizek in diesem Fall an Wucht gewinnt. Dieser Zweikampf der verbiesterten Greise vor den bohrenden, begreifen und lieben wollenden Blicken des Weiblichen (mag es auch ein Klischee sein) hält die Spannung, und der reale Hintergrund fährt einem immer wieder wie der Blitz in die gegenwartsweichen Knochen.
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