Männer tragen wieder Bauch - Frauen auch

Gleichgültigkeit und Selbstoptimierung

Der Mom Bod ist die totale Kapitulation vor Heidi Klum und dem Körperdiktat der ewigen 16-Jährigen. Allerdings: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.

Philipp Fritz
3 Min
Bereits 2005 wusste die Sängerin Sarah Connor, dass auch nach einer Geburt ein Bauch wieder flach sein kann. Sie ist die Urmutter des Mom-Bod-Hypes.

Bereits 2005 wusste die Sängerin Sarah Connor, dass auch nach einer Geburt ein Bauch wieder flach sein kann. Sie ist die Urmutter des Mom-Bod-Hypes.

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Eines steht fest: Männer sind selbstgefälliger und selbstzufriedener als Frauen. Das hat spätestens der Hype um die so genannten „Dad Bods“ und „Mom Bods“ gezeigt. Auch wenn viele Männer die Anerkennung des Dad Bods beklatscht haben, wurde das Konzept ihnen von außen übergestülpt – dass sie davor schon selig und gut beplauzt an Stränden liegen konnten, ist eine Randbemerkung.

Der Mom Bod ist ein leicht nachvollziehbarer in seiner Grundidee emanzipatorischer Impuls. Warum auch sollten nur Männer zu ihren aus der Form geratenen Bäuchen stehen dürfen? Leider kehrt der Mom Bod sich in das Gegenteil dessen um, was er sein will. Auf Instagram präsentieren sich Frauen mit ihren Mom Bods in Trainingskleidung: Schlanke Bäuche, hochgezogene Shirts, Schwangerschaftsstreifen, dünne Ärmchen, hier und da auch mal Speck, aber immer der Wille, ihn zu verbrennen.

Es gilt der affirmative Satz: Ich kann es schaffen! Oder besser: Ich kann es immer noch schaffen! Das ist wahrscheinlich der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Bods: Gleichgültigkeit bei den Männern, ein Selbstoptimierungszwang bei den Frauen. Die Mom Bods sehen trotz ihrer Bemühungen einfach nicht so jung und glatt und straff aus, wie es ein gängiges Schönheitsideal will. Das geht alles mächtig nach hinten los, da die Mom Bods ungewollt das Körperdiktat der ewigen 16-Jährigen anerkennen. Sie wollen, dass man ihnen auf die Schulter klopft, weil sie zum Beispiel trotz einer Geburt so aussehen wie sie aussehen. Es ist wie mit dem Grundschulzeugnis, auf dem zu lesen ist: war stets bemüht.

Wie Cola ohne Zucker

Kulturphilosophisch sind beide Bods symptomatisch für den heutigen westlichen Menschen, der überindividualisiert alles will, aber nicht bereit ist, zu zahlen. Um mit dem populären slowenischen Kulturkritiker Slavoj Žižek zu sprechen: Wer Cola trinken möchte, weiß, wie zuckerhaltig diese ist und muss in kauf nehmen, zuzulegen oder er kennt sein Maß. Cola ohne Zucker, Coke Zero, hat ihre Essenz verloren und der Konsument mit ihr das Maß.

Wer als Mann in seinen Dreißigern häufig fettige Pizza isst, der geht eben auf; wenn eine Frau ein Kind zur Welt gebracht hat, dann hat das Spuren am Körper hinterlassen. So ist das eben, das ist der Preis, den man zahlen muss. Sich dagegen aufbäumen und es auf Instagram zeigen, das muss man nicht.

Ja, Kate Middleton hat sich kurz nach ihrer Geburt makellos und frisch der Presse entgegengeworfen. Allerdings hat sie nicht ihren Bauch in die Kameras gehalten, immerhin.

Die Mom Bods sind die totale Kapitulation vor Heidi Klum – als würde ein Textilhersteller den mickrigen Lohn seiner Kinderarbeiter etwas anheben. An der Schlechtigkeit der Sache ändert das nichts. Schlimmer noch: Der Blick auf das große Problem wird versperrt und so ein unsäglicher Zustand zementiert. Es gibt kein richtiges Leben im Falschen! Dabei bleibt’s!

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