Rio Ferdinand schaut wieder bei der Arbeit Videos. Nicht heimlich, sondern mit der ausdrücklichen Genehmigung des Chefs. Sein Trainer bei Manchester United hat ihn dazu aufgefordert, David Moyes hat schließlich Rio Ferdinand vom Ersatzmann zur Stammkraft befördert. Und so hat der Abwehrspieler nun Aufnahmen vom Leverkusener Stefan Kießling studiert, auf den er an diesem Mittwoch in der Champions League trifft (20.45 Uhr/ZDF).
Talentschatz: Sonntag läuft in Großbritannien „The Class of 92“ im Kino an − eine Dokumentation über Uniteds Paul Scholes, Ryan Giggs, David Beckham, Nicky Butt und die Neville-Brüder Gary und Phil. „Sie erzählt von sechs jungen Männern, die mit dem Verein die Welt eroberten“ (Independent).
Geldschatz: Man United behauptete 2011/12 den dritten Platz der nach ihren Einnahmen gelisteten europäischen Fußballklubs mit 395,9 Millionen Euro hinter Real Madrid (512,6) und dem FC Barcelona (483), aber vor dem FC Bayern (368,4). 2012 belasteten den Klub 523,1 Millionen Euro Schulden.
Erfahrungsschatz: Seit 1993 gewann Manchester United 13 seiner 20 nationalen Meistertitel. Bevor United sich 1999 gegen Bayern München und 2008 gegen den FC Chelsea die Champions-League-Trophäe sicherte, wurde der Klub 1968 schon einmal Europapokalsieger der Landesmeister.
„Er bewegt sich sehr gut“, hat Ferdinand in einer Pressekonferenz von United zu dem Duell gesagt. Schon vorm Hinspiel in Old Trafford im September (4:2) habe er festgestellt, dass Kießling Gefahr ausstrahle. „Wir wissen, dass wir in Bewegung sein müssen, damit er nicht viele Chancen bekommt, denn er vermag sie erfolgreich abzuschießen.“
Es ist ein gutes Zeichen für Rio Ferdinand, 35, dass sein Arbeitgeber ihn wieder für würdig befindet, eine Pressekonferenz und ein Spiel zu bestreiten. Es ist ein schlechtes Zeichen für den Arbeitgeber selbst. Moyes hat Ferdinand in die Reserve beordert, jetzt tritt der Coach mit dem letzten Aufgebot in Leverkusen an. Michael Carrick fehlt wegen eines maladen Sprunggelenks, Marouane Fellaini wegen einer Gelb-Roten Karte.
Robin van Persie, Nemanja Vidic und Shinji Kagawa sind angeschlagen. „Ich hoffe, Robin und Nemanja kehren so schnell wie möglich zurück“, sagte Moyes der Zeitung The Guardian. „Aber garantieren kann ich das nicht.“ Laut britischen Medien könnte Assistenztrainer Ryan Giggs sein Comeback geben, zwei Tage vor seinem 40. Geburtstag. Erst 18 Jahre alt ist Adnan Januzaj, vielleicht spielt auch er.
Platz sechs in der Premier League
Ausgerechnet jetzt diese Personalnot. „Jedes Spiel ist wichtig“, sagte Moyes, „doch das Spiel in Leverkusen ist besonders wichtig.“ Der Trainer kämpft gegen enormen Druck an. Moyes ist nach dem mäßigen Start als Nachfolger von Sir Alex Ferguson bei Manchester United in die Kritik geraten. In der Premier League liegt seine Mannschaft auf dem sechsten Rang, aus Sicht der verwöhnten Fans ein unhaltbarer Zustand.
In der Champions League sieht es mit Gruppenplatz eins zwar besser aus. Verliert United aber in Leverkusen und siegt Schachtjor Donezk erwartungsgemäß gegen Real Sociedad, würde wiederum United zum Abschluss gegen Schachtjor über ein Remis nicht hinauskommen, könnte dies den Abgang in die Europa League bedeuten. Europa League, die zweite kontinentale Klasse, eine Tragödie von nationalem Ausmaß! Ein Aufschrei bahnt sich an.
Wie prekär sich die Lage in der englischen Öffentlichkeit darstellt, zeigt ein Blick in die Zeitungen der Insel. Der Telegraph etwa fordert nicht weniger als das: „David Moyes muss die Aura wiederherstellen, die Manchester United unter Sir Alex Ferguson hatte.“ Der Kommentator verwendet den Begriff Naturgewalt und verweist darauf, dass sich unter Ferguson bei den Spielern ein Gefühl der Unbesiegbarkeit eingestellt habe, waren sie erst einmal in Führung gegangen. Unter Moyes dagegen würden viele Punkte verschlampt, es fehle die Abgebrühtheit früherer Jahre.
Zum Beispiel am Sonntag: In Cardiff vermasselte sich United wieder mal selbst den Sieg, nach 91 Minuten erzielten die Gastgeber das 2:2. Der Frust sitzt tief, manchmal dient er als Ansporn zu Toren, manchmal ist er hinderlich: Zwar erzielte Wayne Rooney das 1:0 in der 15. Minute, bleibenden Eindruck hinterließ der Angreifer jedoch mit einem rüden Foul sieben Minuten zuvor, bei dem er, entnervt von seinem Bewacher Jordan Mutch, diesem in die Hacken trat. „Im Nachhinein war das ein schlechter Zweikampf“, wird Rooney auf der Internetseite der BBC zitiert: „Der Schiedsrichter hat richtig gehandelt.“ Der Schiedsrichter gab Rooney die Gelbe Karte, hätte genaugenommen dem 28-Jährigen aber Rot zeigen müssen.
Der Assistent lob sich selbst
Um Rot zu sehen, ist es nach Ansicht von Moyes zu früh. Er weiß, dass sein Vorgänger Ferguson ebenfalls Zeit benötigte, um jene Aura zu etablieren, derer sein United nun gerühmt wird. Auch Ferguson hatte einen holprigen Start. Das Ende war Entspannung pur für Ferguson, glaubt man jedenfalls seinem damaligen Assistenten Mike Phelan. Der Daily Mail sagte der 51-Jährige, er habe die letzten fünf Jahre die Arbeit des Cheftrainers verrichtet. Warum er dann jetzt ohne Anstellung ist, verriet Phelan dem Blatt nicht.
Kein Grund, Rot zu sehen, hat auch Rio Ferdinand auf der Pressekonferenz gemeint. Sicher, die Leverkusener liefen viel, spielten mit guten Positionswechseln und schnellen Pässen. „Sie haben ein gutes Team“, sagte Ferdinand: „Doch wir haben ein besseres.“ Genau das könnte für Trainer Moyes zum Problem werden. (BLZ)
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