Es sind diese Impulse: eine Mischung aus kreativem Prozess und spiritueller Wahrnehmung. Da ist etwas Besonders, sagt Jen, wenn sie über die Geburt eines „Mapapus“ spricht. Jennifer Arndt-Lind ist sozusagen Geburtshelferin im Geburtshaus in Tostedt in Niedersachsen, einer roten Holzhütte mitten im Wald. Mapapus, was für MamaPapaPuppe steht, das sind ganz besondere Stofftiere. Sie sind Seelentröster aus der Kleidung geliebter Menschen.
"Glaubst du wirklich, dass ein Stofftier deinen Opa zu dir zurück bringt?" Fragen wie diese lassen Katja kalt. Auch sie hat einen Mapapu zu Hause. Er sitzt auf einem alten Schaukelstuhl. Oder auf der Couch. Und manchmal sogar auf dem Nachttisch neben dem Bett. Im September 2018 musste Katja ihren geliebten Opa für immer gehen lassen. "Es war so, als wäre ein Stück von mir mitgegangen", erinnert sie sich. Sie suchte etwas Greifbares, eine bleibende Erinnerung, die ihr über den Schmerz hinweghelfen konnte.
"Es war schnell klar, welche Sachen ich an Jen und Hendrik schicke: den geliebten roten Pulli, den Opi zu jedem besonderen Anlass trug - sein Erkennungszeichen. Dazu die passenden Hosenträger, eine Jahrzehnte alte Weste und seinen Hut, den ich als Kind schon immer stibitzt hatte". Und dann begann die Wartezeit.
Rund 30 Mapapus werden im Monat genäht
Rund 30 Mapapus näht Jen pro Monat. Die Anfragenzahl ist mittlerweile so groß, dass sie fünf Mitarbeiter beschäftigt. Ein schöner, wenn auch nicht immer leichter Job. „Ich arbeite mit der tollsten Energie überhaupt zusammen – nämlich mit der Liebe. Wenn ich darauf meinen Fokus setze, geht es mir gut“, sagt Jen. „Natürlich sind wir auch mal traurig. Meistens sind es aber Tränen der Rührung. Weil da jemand unendlich doll geliebt wird.“ Zu 95 Prozent nähen Jen und ihr Team für die Hinterbliebenen verstorbener Menschen.
Entstanden ist die Idee der Mapapus aber aus einer anderen Motivation heraus. Jen und ihr Partner Hendrik haben je ein Kind mit in die Familie gebracht – eine klassische Patchwork-Situation. Die beiden älteren Kinder pendeln zwischen ihren getrennt lebenden Eltern hin und her. „Als dann das erste von zwei gemeinsamen Kindern auf die Welt kam, war das für die beiden Großen gefühlsmäßig kompliziert. Wer gehört wohin? Wie ist wer mit wem verbunden? Wo ist mein Platz und wie kann ich den finden? Wo ist eigentlich oben und wo unten?“, erinnert sich Jen an die Anfänge.
„Wir wollten ihnen diese Situation leichter machen und ihnen etwas zur Eltern-Orientierung mitgeben: ein Kuscheltier, ein Freund und Mitpendler, der sowohl Mama als auch Papa irgendwie gleichermaßen in sich trägt. Geliebte T-Shirts sind vertraut, versinnbildlichen uns, riechen nach uns und lassen sich hervorragend zusammennähen.“
Der erste Mapapu wurde geboren – und sah dem heutigen noch gar nicht ähnlich. Er war ein Rüsseltier. Verschiedene Formen wurden probiert, Mapapus gingen auch an Freunde. WG-Mitglieder ließen sich „zusammennähen“, ein besonderes Tauf-Geschenk wurde gesucht. „Als wir dann für ein trauerndes Kind einen Mapapu aus der Kleidung seines verstorbenen Bruders genäht haben und erfahren durften, wie sehr wir dem Kind in seiner Trauerarbeit helfen konnten und nach wie vor helfen, haben wir uns selbst noch einmal ganz klar vor Augen geführt, wieviel Seelenheil so ein Mapapu in die Welt bringen kann. Es war uns schlagartig klar, dass wir den privaten Bereich verlassen mussten“, sagt Jen. Das war 2013.
Besondere Herausforderungen beim Nähen
Seelentröster aus der Kleidung Verstorbener
Rund 2.000 Mapapus hat Jennifer Arndt-Lind seit 2008 genäht.
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Aus der Kleidung Verstorbener näht Jennifer Arndt-Lind Seelentröster, sogenannte Mapapus.
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Der Mapapu, der an Katjas verstorbenen Opa erinnert, hat einen festen Platz auf dem Schaukelstuhl.
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Das Mapapu-Geburtshaus ist nur wenige Quadratmeter groß und liegt in Tostedt in Niedersachsen.
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Aus der Kleidung von Katjas verstorbenen Opa wurde mit der Hilfe von Jen ein Mapapu, ein Seelentröster für die Hinterbliebenen.
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Die Herausforderung, die das Nähen aus alter Kleidung mit sich bringt, liegt auf der Hand. Die Kleidungsstücke dürfen nicht zu schlabberig, müssen aber dehnbar sein. Auch zu dünne Stoffe lassen sich schlecht verarbeiten. Und dabei sollen es doch immer die Lieblingsstücke sein.
Viel tiefer aber geht ein anderes Problem: Wie zerschneidet man ein Teil, an dem jemand so unendlich hängt? Welches das Lieblingsteil eines geliebten Menschen war, das nach ihm riecht, das schlicht nicht zu ersetzen ist?
Etwas, das anfangs auch Jen selber schwer fiel. Heute weiß sie: Der Mapapu-Geburtsprozess zeigt viele Parallelen zu den verschiedenen Phasen der Trauerbewältigung auf. Angefangen bei der Aufgabe der alten Form über die Schaffung einer neuen. Diese neue Form mit Leben zu füllen bis hin zur Integration in das eigene Leben.
„Wir können niemandem sein verstorbenes Kind zurückgeben. Was wir geben können, ist eine bleibende Erinnerung zum Auf-den-Arm-nehmen. Die bringen wir dir auf die Welt“, erklärt Hendrik, der zwar nicht an der Nähmaschine sitzt, aber sich um alles neben dem Nähen kümmert, wie zum Beispiel die Gespräche mit den Trauernden.
Er war es auch, der den Erstkontakt zu Katja hatte, dem Katja von ihrem Leid, von ihrem verstorbenen Opa erzählte. „Er meinte, ich solle geduldig sein. Aber ich bin eher Speedy Gonzalez, das hat er schnell gemerkt", sagt sie.
Rund zwei bis drei Monate Wartezeit muss man aushalten, wenn man die Sachen für den Mapapu nach Niedersachen auf den Weg gebracht hat. Zehn bis zwölf Stunden dauert die Geburt eines einzelnen Seelentrösters. Zuschneiden, stopfen, Detailarbeit. Aus Opas Lieblingspulli und seinem Polo-Shirt wurde der Körper. Die Weste findet sich in Ohren, Füßen und als großes Herz auf dem Bauch des "Opapu" wieder. Die Hosenträger, die Knöpfe - all das drapierte Jen, die für die Details verantwortlich ist, liebevoll auf dem rund 45 cm hohen Stofftier.
"Als ich den Karton geöffnet habe, habe ich sofort Parallelen zu meinem Opi erkannt. Meine Mama und meine Oma waren dabei und so gerührt. Meine Oma hat den Mapapu direkt in die Arme geschlossen und mit ihm gesprochen, als würde Opa vor ihr sitzen", erzählt Katja von dem Moment vor nunmehr einem Jahr. "Nicht nur mir wurde die Leere genommen, sondern auch Mama und Oma ein Stück Vater und Ehemann zurückgebracht", sagt sie voll Dankbarkeit.
Mapapus haben Taschen für Geheimnisse
Auf dem Rücken hat ihr Opapu eine Geheimnistasche, wie alle Mapapus. Diese so wichtigen Kleinigkeiten werden in mühevoller Handarbeit angebracht, damit sich nichts verziehen kann. Alle Augen stickt Jen per Hand. Dem Paket, in dem der Mapapu schließlich auf Reisen geht, liegt eine offizielle Geburtsurkunde mit einem Vorher-Nachher-Bild bei.
Für Jen sind die Geschichten über den Verstorbenen inspirierend. Auf diese Weise fließen wichtige Details in den Seelentröster. Rund 2.000 von ihnen hat sie seit 2008 genäht. Sie, die eigentlich gar nicht nähen kann. Die sich vor zwölf Jahren in der Schwangerschaft mit ihrer Tochter Fee eine Nähmaschine für 15 Euro auf dem Flohmarkt gekauft hatte, um Babyklamotten zu nähen.
Das hat sie dann nie getan. Und bis heute gibt sie Kleidung in die Änderungsschneiderei. "Ich kann nur Mapapus nähen. Eine Hose zu kürzen, wäre mir schon ein Graus. Und ich will es auch gar nicht lernen", sagt sie mit einem Augenzwinkern.
Entsprechend sind auch die Workshops, die Jen anbietet, absolut anfängertauglich. Wer will, näht sich seinen Mapapu unter Jens Anleitung selber. "Das sollte eigentlich jeder tun, denn es ist die perfekte Art mit der Trauer umzugehen", sagt die ausgebildete Sterbe-Amme, die auch psychologisch mit Rat und Tat zur Seite steht. Zwei Tage, viele Tränen, intensive Gespräche - und am Ende erblickt ein Seelentröster das Licht der Welt. So läuft das meistens ab. "Einem Mapapu auf die Welt zu helfen, ist ein symbolischer Akt. Darin liegt eine gewisse Akzeptanz, das loszulassen was war, dem Verlust eine neue Form zu geben und mit den eigenen Händen eine Erinnerung zum In-den-Arm-nehmen zu erschaffen.“
Angst, Wut, Sinnlosigkeit aber auch viel Freude, Liebe und schöne Erinnerungen – die Emotionen überschlagen sich regelrecht in so einem Workshop. „Die Teilnehmer machen sich den Wandel, der durch den Tod des geliebten Menschen stattgefunden hat, buchstäblich begreifbar. Bei den meisten Menschen entsteht im Laufe des Geburtsprozesses eine symbolische Kommunikation zu den Verstorbenen“, sagt Jen.
Auch bei ihr. Sie sei ein tief gläubiger Mensch. Zwar höre sie keine Stimmen. „Aber ich habe sehr früh ein Gefühl dafür entwickelt, dass die Verstorbene von oben mitbestimmen, wie ihr persönlicher Mapapu am Ende aussehen soll.“ Oft näht sie zwei Paar Ohren, weil das erste beim Ranhalten so gar nicht passen will. Einmal, erzählt Jen, habe sie die Krawatte eines verstorbenen Polizisten schief angenäht. „Das sah so schlotterig aus, und ich hatte Angst, damit zu weit gegangen zu sein. Aber es fühlte sich richtig an.
Zwei Tage später bekam ich von der Witwe einen Anruf: Der Mapapu sei perfekt, sie lachte und weinte am Telefon und erzählte, dass sie ihrem Mann jeden Morgen die Krawatte gerade rücken musste.“ Geschichten dieser Art gebe es viele. Da, wo Impulse sind, kämen die meist aus einer Verbundenheit zu den Verstorbenen. Besser, sagt Jen, kann sie es auch nicht erklären. Rational sei das alles nicht nachvollziehbar.
Aber was ist schon rational, wenn es um das Trösten der Seele geht. Auch Katjas Mapapu ist viel mehr als ein Stofftier. „Er tröstet mich, ich kann ihm von meinen Problemen erzählen und es ist wirklich so, als gäbe er mir eine Antwort, Ratschläge und Tipps bei all dem, was ich noch vor mir habe.“
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