Marianne Birthler hat ihr Büro in einem schmucklosen DDR-Plattenbau nahe dem Alexanderplatz. Aber es ist hell und freundlich. Auf dem Schreibtisch steht eine Skulptur und an der Wand hängt gerahmt eine Kopie der "Stasiballade". Wolf Biermann hat sie Marianne Birthler geschenkt, als sie vor gut fünf Jahren ihr neues Amt als Stasibeauftragte antrat. Die beiden kannten sich damals noch nicht persönlich, aber ähnliche Erfahrungen, wie Biermann sie in der Ballade beschreibt, machte auch Marianne Birthler in der DDR. Im Gespräch erzählt sie davon.Frau Birthler, als Sie vor gut fünf Jahren Joachim Gauck nachfolgten, hat er Ihnen zig Kilometer Akten hinterlassen. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur schriftlichen Hinterlassenschaft der Stasi beschreiben?Eher vernünftig als herzlich.Lesen Sie denn noch regelmäßig Akten?Nein, jedenfalls bei weitem nicht so regelmäßig wie viele meiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, deren Geschäft es ist, sich Tag für Tag in die Akten zu vertiefen. Aber manchmal geht es um schwierige Entscheidungen. Und wenn ich dafür Verantwortung übernehme, muss ich den Sachverhalt genau kennen.Belasten Sie die Akteninhalte?Manchmal schon. Aber ich lese wie gesagt nicht täglich Akten - meine Aufgaben sind sehr vielfältig.Aber Sie kennen die Seelenlage Ihrer Mitarbeiter?Ich weiß, dass es für viele von ihnen nicht immer einfach ist. Tag für Tag, und das nun schon seit Jahren, diese Akten zur Kenntnis nehmen zu müssen, in denen ihnen wirklich schlimme Dinge begegnen, das bleibt nicht ohne Wirkung.Wie kann man sich entlasten?Manchmal ist es das Gespräch mit Kollegen. Eine Mitarbeiterin, die wochen- und monatelang Tonbandmitschnitte von Prozessen und Verhören abhörte - wirklich schwere Kost - erzählte mir, dass sie viel laufe, um diese Eindrücke zu verarbeiten. Jeder entwickelt so seine eigene Art und Weise, mit dem Gelesenen oder Gehörten umzugehen. Allerdings enthalten die Akten ja keineswegs nur unerfreuliche oder bedrückende Informationen. Als ich in der ersten Woche meiner Amtszeit zum ersten Mal ins Archiv ging, hatte ich große Angst, nun mit der dunklen, bedrohlichen Seite meines neuen Amtes in Berührung zu kommen. Doch am Abend bin ich dann ganz heiter nach Hause gegangen. Mich erfüllte eine große Genugtuung darüber, dass diese Akten heute zugänglich sind und nicht mehr im Dunkeln, und dass Stasi-Offiziere keine Macht mehr haben, mit diesen Akten nach eigenem Gutdünken zu verfahren und mit ihrer Hilfe Menschenleben zu zerstören.Und was hat Sie bei der Lektüre so heiter gestimmt?Mir ist bewusst geworden, dass die Stasi überwiegend über Leute geschrieben hat, die zum sympathischeren Teil der DDR-Bevölkerung gehörten. Leute, die unangepasst waren, widersprochen haben, die Widerstand geleistet haben oder sich geschickt entzogen haben, wenn das MfS sie anwerben wollte. Leute, die dem offiziellen Bild des DDR-Bürgers nicht entsprachen, waren ja bevorzugte Ziele der Beobachtung, und ihre Geschichten finden sich vorzugsweise in den Akten. Wir wüssten bei weitem nicht so viel über mutigen Widerstand, über den alltäglichen Versuch, einigermaßen anständig zu bleiben, wenn wir nicht die Stasi-Akten hätten. Sie beweisen, dass die DDR-Bürger kein Volk von Spitzeln und Verrätern waren.Sie lesen sicher auch viele private Dinge. Von Leuten, die Ihnen jederzeit begegnen könnten. Wie gehen Sie damit um?Davon lese ich am allerwenigsten. Die Akten gehen hier im Hause prinzipiell nicht von Hand zu Hand. Zwar muss einer unserer Mitarbeiter, bevor Menschen ihre Unterlagen lesen, die Unterlagen vorher durchsehen, um die Interessen Dritter zu schützen. Denn selbstverständlich werden private oder gar intime Details, etwa Informationen darüber, welche Krankheit der Nachbar hatte oder welcher Kollege alkoholsüchtig war, anonymisiert. Auch hausintern gehen wir mit solchen Details so diskret wie möglich um - in der Regel werden die Unterlagen nur von einer einzigen Person gelesen.Reizt es Sie nicht, über Leute zu lesen, die Sie persönlich kennen?Akten von Personen aus meinem persönlichen Umfeld lese ich prinzipiell nicht. Ich möchte, wenn ich mit Freunden oder Kollegen umgehe, nicht mehr über sie wissen als sie über mich.All Ihre Bekannten müssen denken, Sie würden ihre Akte kennen.Stimmt, manche scheinen das zu vermuten. Sie irren sich aber.Gibt es eine Verschwiegenheitspflicht?Ja, das sowieso. Aber über manche Dinge will ich nicht nur schweigen, ich will sie gar nicht wissen. Was meine Freunde mir nicht erzählen wollen, geht mich nichts an - es würde mich vielleicht auch befangen machen.Nach welchen Kriterien lesen Sie denn heute noch Akten? Nehmen wir den Fall der Schauspielerin Jenny Gröllmann. Der hat ja eine gewisse Öffentlichkeit. Ist das ein Fall, wo Sie sagen, das lese ich selbst?Diese Akte habe ich überflogen. Die Details interessieren mich gar nicht so sehr. Aber ich wollte einen Begriff davon haben, wie bedeutsam dieser Fall ist. Und ich muss für meinen Hinterkopf eine persönliche Einschätzung haben - auch wenn ich in der Öffentlichkeit Einzelfälle selten kommentiere. Da bin ich zumeist sehr zurückhaltend, denn im Ton, den ich anschlage, in meiner Wortwahl, schlägt sich ja immer ein Stück Bewertung nieder.Sie könnten öffentliche Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausstellen.Könnte ich, und es reizt mich manchmal sogar. Zum Beispiel, wenn es um Fälle geht, die ich für eher harmlos halte, weil es sich bei der IM-Tätigkeit um eine kurze Jugendsünde handelt, die schon sehr lange zurückliegt. Doch auch in solchen Fällen gibt es bei uns immer noch die Akte eines inoffiziellen Mitarbeiters, und diese muss von uns auch als IM-Akte herausgeben werden. Ich stelle solche Unbedenklichkeitsbescheinigungen öffentlich dennoch nicht aus.Wo ist das Problem?Wenn ich der Öffentlichkeit drei Mal gesagt habe, diesen und diesen Fall können Sie vernachlässigen, und es beim vierten Mal nicht tue, käme dies einer Verurteilung gleich.Und wie denken Sie über den Fall Gröllmann?Sie müssen wissen, dass wir IM-Akten nur herausgeben, wenn nach Aktenlage eindeutig festzustellen ist, dass jemand willentlich und wissentlich mit dem MfS zusammengearbeitet hat. So sind wir auch im Fall Jenny Gröllmann verfahren. Dieser Fall ist im Übrigen schon mehrere Jahre bekannt, wenn ich mich recht erinnere, wurde er einige Zeit nach Beginn meiner Amtszeit öffentlich. Deshalb stellte das, was Ulrich Mühe vor kurzem in einem Buch erwähnt hat, überhaupt keine Neuigkeit dar. Das ist nur durch den Film ...Das Leben der Anderen... aufs Neue interessant geworden. Deswegen ist es für mich auch erstaunlich, dass Jenny Gröllmann jetzt gegen die Feststellung, sie sei IM gewesen geklagt hat, seinerzeit aber nicht.Für die Medien sind Meldungen über die Stasi-Verstrickung einzelner Personen, möglichst prominenter, nach wie vor am interessantesten.Für mich und viele meiner Kollegen ist das schon längst nicht mehr so. Uns interessieren andere Dinge.Was interessiert Sie?Die Akten, in denen sich spiegelt, wie DDR-Leben ausgesehen hat. Meine Lieblingsgeschichten in den Akten sind die, die erzählen, wie Menschen sich dem Zugriff der Staatssicherheit entzogen haben. Was schwer war. Jeder, der in der DDR gelebt hat, ahnt oder weiß, vor was für einer Entscheidung Menschen standen, zu denen die Stasi irgendwann kam und sagte, Sie interessieren uns, mit Ihnen wollen wir zusammenarbeiten. Wir wissen zwar heute, dass denjenigen, die nein gesagt haben, nichts passiert ist. Aber damals konnte man das nicht wissen. Und trotzdem hat über die Hälfte derer, die angeworben werden sollten, nein gesagt. Das waren keineswegs alles Helden, die sich das Hemd aufgerissen und "Mit mir niemals!" gerufen haben. Die meisten haben sich ihre Tricks ausgedacht, um der Stasi zu entkommen.Gibt es da bestimmte Hitlisten?Ja. Ich war in den 80er Jahren in der evangelischen Jugendarbeit tätig, und wir wussten, dass die Stasi auch Minderjährige anwirbt. Wir haben den Jugendlichen immer gesagt: Wenn die was von euch wollen, dann redet euch bitte nicht um Kopf und Kragen, sondern sagt einfach, ihr findet das zwar interessant, aber ihr redet über alles mit eurem Pfarrer. Heute wissen wir: Das hat hundertprozentig geholfen. Denn das hieß im Jargon der Stasi Dekonspiration. Für die Stasi war Dekonspiration aber ungefähr so etwas wie für den Teufel das Weihwasser.Manche haben auch ihren Parteisekretär informiert.Auch das kam vor. Die lustigste Geschichte, die ich mal gehört habe, ist zwar nicht verbürgt, aber durchaus möglich: Sie handelt von einem Journalisten, der darauf baute, dass die Stasi nach militärischer Manier die Sekundärtugenden schätzte. Also kam er zum ersten Date eine Stunde zu spät. Das hat der Führungsoffizier nicht goutiert, doch der Journalist bekam eine zweite Chance. Und da kam er angetrunken. Er hat nie wieder von der Stasi gehört.Solche Stasi-Geschichten haben bisher öffentlich kaum eine Rolle gespielt.Geschichten von Menschen, die nein zur Stasi sagten, sind ein Schatz, der erst noch gehoben werden muss, denn sie erzählen von den positiven, den ermutigenden Erkenntnissen aus den Stasi-Unterlagen. Natürlich dürfen wir die Überwachung, die Geschichten, bei denen Menschen zerstört worden sind, nicht mit Niedlichkeiten übergehen. Ich erlebe immer wieder, dass der Begriff Zersetzung, und was an Programm dahinter steckte, in der breiten Öffentlichkeit noch unbekannt ist.Florian von Donnersmarck hat auch in Ihrem Haus für den Film "Das Leben der Anderen" gedreht. Er ist ein Riesenerfolg geworden. Wie finden Sie ihn?Mir gefällt er. Ich habe ihn mehrfach gesehen. Ich habe ihn auch weiterempfohlen. Trotz der Kritik, die ich an ihm habe.Wie haben Sie den Film gesehen, mit ehemaligen Kampfgefährten?Kampfgefährten! (lacht). Ich hatte mir die DVD angesehen, bevor der Film in die Kinos kam, weil ich wusste, dass ich danach befragt werden würde. Ich mag es, erst einmal mit Freunden zu diskutieren, bevor ich mich öffentlich zu einem komplizierten Thema äußere. Wolf Biermann war gerade zu Besuch, ich habe noch ein paar Freunde eingeladen und gesagt: Bitte schaut euch mit mir diesen Film an, ich will mit euch darüber reden. Das hat natürlich Spaß gemacht. Wir waren keineswegs alle einer Meinung und haben nach dem Film zwei, drei Stunden heftig gestritten.Wo war der Dissens?Es ging nicht nur um Details. Wir alle fanden den Film gut gemacht und wirkungsvoll und waren uns einig, dass eine Geschichte, wie sie da geschildert wird, nie passiert ist. Und nie hätte passieren können. Während die einen nun meinten, dann dürfe man auch nicht den Eindruck erwecken, als hätte es so etwas gegeben, meinten die anderen, dass das trotzdem in Ordnung sei. Zu letzteren gehörte ich. Es ist ja kein Dokumentarfilm.Es sieht so aus, als würde nach 15 Jahren der Beschäftigung mit den IM's jetzt die hauptamtliche Welt der Stasi in den Blick geraten.Ich finde es logisch, dass sich die Leute zunächst für die heimlichen Verräter interessierten, wissen wollten, wer von ihren Freunden, Kollegen sie möglicherweise verraten hat. Auch wollten die meisten nicht, dass frühere IM's wieder wichtige Funktionen übernehmen. Ich habe den Eindruck, dass sich diese Phase der Aufarbeitung allmählich dem Ende zuneigt.Ist Ihnen denn ein solcher hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter wie der Hauptmann im Film mal in Ihren Akten begegnet?Eben nicht. Den Fall, in dem jemand der eigenen Einsicht folgend, diejenigen, die er überwachen und verfolgen sollte, entlastet hat und Akten fälschte - den gibt es nur im Film.Gab es "menschliche" Stasi-Offiziere?Die Täter der Diktaturen sind zumeist normale, unauffällige Leute. Das ist das Unheimliche: Menschen, die liebevoll mit ihren Kindern umgehen und ihre Freunde nie verraten würden, verhalten sich erbarmungslos gegenüber Menschen, die in ihren Augen Feinde sind oder einfach nur, weil sie einen Befehl dazu erhalten haben. Aber selbst, wenn es Mitleid gegeben hätte: Die gegenseitige Kontrolle war sehr groß, und die Akten sind äußerst bürokratisch geführt worden. Wissen Sie, wir haben uns damals oft gefragt, was denken die sich, wenn sie uns beobachten. Die müssen doch neidisch werden. Da sitzen die einen halben Tag in ihrem Lada vor der Tür, hören die Musik, die aus unseren Fenstern kommt, sehen, wie wir uns lieben, wie wir tanzen und uns freuen. Welche Wirkung hat unser Leben auf diese armseligen Gestalten? Darüber haben wir manchmal auch Witze gemacht. Diese waren natürlich auch ein Kunstgriff, um unsere Angst zu bändigen. Indem wir die für arme Würstchen hielten, fühlten wir uns gleich ein bisschen stärker. Biermann hat das wunderbar in seiner Stasi-Ballade beschrieben, die hier bei mir an der Wand hängt.Wie können die Akten die Wirklichkeit widerspiegeln, wenn sie in einer vorgegebenen staatsbürokratischen Sprache abgefasst sind?Man muss sie nur richtig zu lesen verstehen. Natürlich kann jeder nur beschreiben, was dem eigenen Weltbild entspricht. Und die Stasi hatte ein fest gefügtes ideologisches Weltbild. Das muss man immer mitsehen, wenn man die Berichte der Offiziere liest. Aber dass Texte kritisch gelesen werden müssen, im Horizont der Welt der Autoren - das gilt doch für jede Quelle. Sogar die Bibel.Aber manche tun so, als seien die Stasi-Akten eine Art Evangelium.Wer Erfahrung damit hat, gewiss nicht. Aber innerhalb des Weltbildes der Stasi-Offiziere sind die Akten überaus korrekt geführt worden. Schließlich waren die Unterlagen ihr eigenes Arbeitsinstrument. Und sie hatten nicht das geringste Interesse daran, sich selbst in die Tasche zu lügen. Insofern muss man zwar textkritisch vorgehen, aber man sollte nicht davon ausgehen, dass die Offiziere geflunkert und die Wahrheit verbogen haben.Die haben doch auch ihre Pläne gehabt, die sie erfüllen mussten. Warum sollte das MfS die einzige Institution in der DDR gewesen sein, die bei der Abfassung von Planaufgaben und ihrer Erfüllung nicht ein bisschen frisiert hat?Alle Erfahrungen zeigen, dass die Akten nicht frisiert waren. Sie selber wurden ja nicht nach außen weitergegeben.Aber diejenigen, die das aufgeschrieben haben, wurden von ihren Vorgesetzten danach bewertet.Was ich allgemein für die Akten gesagt habe, darf man nicht herunterrechnen auf jeden einzelnen IM-Bericht. Natürlich waren die auch subjektiv. Die Leute haben ihren Ehrgeiz entwickelt, oder haben Dinge nicht richtig verstanden. Das wiederum wusste auch die Staatssicherheit, weshalb sie im Zweifelsfall nie auf den Bericht eines einzelnen IM gebaut hat. So gesehen finden sich natürlich in den Akten viele deutungsbedürftige Sachverhalte und Beobachtungen. Das geht aber nicht so weit, dass die Stasi jemanden zum IM erklärt hätte, der das gar nicht war. Dafür gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt.Noch mal zum Fall Gröllmann. Ihr Aktenführer bei der Stasi ist bereit, eidesstattlich zu erklären, Jenny Gröllmann habe nicht gewusst, dass sie als IM geführt wird. Kann man ihm glauben?Das ist eine sehr häufig angewandte Verteidigungs-Strategie, mit der wir uns oft auseinander setzen müssen. Wir dürfen Akten zu IM's wirklich nur herausgeben, wenn wir sicher sind, dass es sich um wissentliche und willentliche Mitarbeit handelt. Also die Möglichkeit der Unkenntnis ausgeschlossen ist. Allein aus der Tatsache, dass wir die Akte Gröllmann als IM-Akte herausgegeben haben, ergibt sich meine Antwort.Haben Sie heute dienstlichen Kontakt mit früheren hauptamtlichen Mitarbeitern?Das ist nicht notwendig.Und persönlichen?Bei einem Klassentreffen saß ein früherer Klassenkamerad neben mir, von dem sich herausstellte, dass er in all den Jahren hauptamtlich für die Staatssicherheit gearbeitet hat. Als Pressesprecher, wie er mir erzählte.Ein Pressesprecher bei der Staatssicherheit!?Ja, das hat mich auch gewundert. Ich gehe davon aus, dass es etwas anders war.Ist der Rechtsstaat mit Schreibtischtätern zu milde umgegangen, und ist er vielleicht heute noch zu nachsichtig?Natürlich dürfen in einer Demokratie rechtsstaatliche Prinzipien nicht vernachlässigt werden, auch nicht, wenn es darum geht, eine Diktatur aufzuarbeiten. Aber das ist das Dilemma. Das Instrumentarium des Rechtsstaates ist erdacht und entwickelt worden, um Konflikte und Probleme, die innerhalb eines Rechtsstaates auftauchen, zu lösen. Dafür taugt es auch. Wenn man aber versucht, damit das Unrecht einer Diktatur aufzuarbeiten, gerät es an seine Grenzen. Es ist, als ob man versucht, mit einem ganz filigranen Besteck ein Steak zu zerschneiden. Hier liegt die Quelle für viel Bitterkeit bei den Opfern der Staatssicherheit und der DDR-Justiz, deren Leben zerstört wurden und von denen nicht wenige jetzt auf Sozialhilfe angewiesen sind oder sehr niedrige Renten bekommen, während ihre Peiniger straffrei davongekommen sind und stattliche Renten kassieren. Das ist bitter.Viele Jahre waren hauptamtliche MfS-Leute froh, wenn sie von der Justiz und von den Medien in Ruhe gelassen wurden. Sie waren organisiert, haben sich getroffen, aber jetzt suchen sie die Öffentlichkeit, schreiben Bücher, machen Präsentationen. Warum gerade jetzt?Mit den Renten ist die materielle Grundlage gesichert, jetzt wollen sie sich offenbar um den Überbau kümmern. Nein, im Ernst: Der Kampf um die Köpfe ist noch im Gange. Die alten Tschekisten versuchen jetzt, panisch das Ruder herumzureißen, weil sie - nicht ganz zu Unrecht - spüren, dass sich ihre Deutung der DDR nicht durchsetzen wird. Vor Jahren haben sie ja schon das zweibändige Buch "Die Sicherheit" herausgegeben. Das war der Auftakt dieses offensiveren Verhaltens. Im Unterschied zu dem eher verdrucksten der Vorjahre. Für mich ist das ein Anzeichen dafür, dass es in der Tat noch offen zu sein scheint, als was die DDR einmal in die Geschichte eingeht.Für viele Menschen aus der DDR war das Leben im Land nicht zuallererst ein Leben in der Diktatur. Sie haben den Alltag stärker in der Erinnerung.Deshalb brauchen wir, um noch einmal darauf zurückzukommen, Filme wie "Das Leben der Anderen". Er schildert auf eine sehr überzeugende Weise, wie verheerend, wie zerstörend sich selbst eine weitgehend unblutige Diktatur auf Menschen auswirkt. Dass Menschen in der DDR - sieht man einmal von der Grenze ab - nicht mehr um Leib und Leben fürchten mussten, hat ja manche dazu verführt zu meinen, das sei gar keine richtige Diktatur gewesen."Good bye Lenin!" war ein Alltagsfilm.Natürlich, mit Spreewaldgurken, viel zum Lachen. Aber wenn man genau hinguckt: Eine Frau ist mitten in den Demonstrationen 1989 ins Koma gefallen. Sie konnte sich nur mit einer Illusion am Leben halten, und als sie die Wahrheit begriffen hatte, hat sie es nicht überlebt. Das ist die Story in diesem lustigen Film. Und die ist überhaupt nicht mehr komisch.Viele ehemalige DDR-Bürger verstehen unter Alltag FDGB-Reisen, schöne Betriebsfeste und sichere Arbeitsplätze.Wenn ich vom Alltag der DDR rede, dann meine ich, dass es nicht nur um das Thema Staatssicherheit, Verfolgung und Repression geht, sondern beispielsweise auch um die Gleichschaltung von Bildung und Medien. Dass ich meinen Kindern am Frühstückstisch sagen musste, worüber sie in der Schule nicht sprechen dürfen. Ich meine die kleine Münze der Diktatur. Die Einschränkung des Lebens, die manche schon gar nicht mehr gespürt haben, weil sie sich nicht mehr bewegten. Es gibt ja diesen schönen Spruch: Wer sich nicht bewegt, spürt keine Ketten. Auch dass ich als einzelne Bürgerin nicht das Recht hatte, mich gegen staatliche Gewalt zu wehren. In der Debatte um die BND-Bespitzelung wurde ich jetzt öfter gefragt, ob das nicht das gleiche sei wie früher die Stasi. Meine Antwort war nein: Alleine die Tatsache, dass wir öffentlich darüber reden können, macht den großen Unterschied aus.Sie haben mal gesagt, siebzehn Millionen Menschen seien in der DDR eingesperrt gewesen.Ich habe wütende Briefe gekriegt. Ich sei eine kalte Kriegerin, ein Briefschreiber hat mich mit Goebbels verglichen. Dabei sind das doch banale Feststellungen, nicht wahr? Mir ist das wichtig, damit nicht der Eindruck entsteht, nur die, die in den Gefängnissen saßen, waren arm dran, aber der Rest hat eigentlich prima gelebt.Es gibt aber genug Leute, die sagen, wir wollen nicht ständig Diktaturfragen erörtert haben. Wir leben wesentlich mit der Erinnerung an die schönen Seiten der DDR. Was sagen Sie denn denen?Es gibt ein Menschenrecht auf Desinteresse. Ich kann ihnen meine Wahrheit nur hinhalten wie einen Mantel. Ob sie den anziehen oder nicht, kann ich nicht beeinflussen. Aber ich bestehe auf meinem Recht, diesen Mantel hinzuhalten. Wir werden damit leben müssen, dass viele Menschen vieles nicht wissen wollen. Meiner Ansicht nach letztlich zu ihrem eigenen Schaden. Man schneidet doch eigenes Leben ab, wenn man vor einem Teil der Wirklichkeit die Augen verschließt. Wie viele Menschen sind krank davon geworden, dass sie die Wahrheit nicht zulassen!Das klingt jetzt etwas angestrengt.Wahrheit ist anstrengend. Ich jedenfalls finde Menschen lebendiger und anregender, die ehrlich zu sich selbst sind.Es gibt viele, die nicht reflektieren und die auch in der DDR desinteressiert waren. Das ging auch in der Diktatur. Die haben doch das Menschenrecht auf ...Irrtum.Das Recht auf ihre eigene Wahrnehmung.Viele Menschen ziehen es vor, nur in ihrem ganz privaten Alltag zu leben. Die gab es auch in der Nazizeit. Mir ist der Schriftwechsel meiner Eltern aus dem Krieg überliefert. Vier Jahre lang haben sie sich Tag für Tag geschrieben. Da geht's ganz überwiegend um ganz persönliche Dinge, obwohl damals nicht nur Diktatur herrschte, sondern auch noch Krieg. Später hat meine Mutter, die ein politischer Mensch ist, viel darüber nachgedacht, wie es dazu kommen konnte.Privates Leben ist auch gelebtes Leben.Natürlich, und ich habe absolut kein Recht, das zu verurteilen. Aber in dem Moment, wo jemand den Anspruch erhebt, politisch zu denken, stellen sich bestimmte Anforderungen.Haben Sie ein unglückliches Leben in der DDR geführt?Aber nein, schon gar nicht als Privatperson, beruflich oder als Mutter. Aber darüber zu reden ist etwas ganz anderes, als das politische System der DDR zu beschreiben, auch in seinen Auswirkungen auf mein Leben in der DDR. Ich habe den Eindruck, dass viele diese Perspektiven nicht auseinander halten. Vielleicht liegt es daran, dass es nicht wirklich Öffentlichkeit in der DDR gab. Es gab den politischen Raum, der war unzugänglich für uns, und den privaten. Öffentlichkeit, die nicht staatlich gelenkt ist, existiert in Diktaturen nicht. Deshalb haben sich viele Leute ausschließlich als Privatpersonen gesehen, nicht als Bürgerinnen und Bürger eines Landes. Wenn heute jemand sagt, die DDR war eine Diktatur, dann sind sie persönlich gekränkt, weil sie glauben, ihr persönliches Leben würde damit diskriminiert. Das ist ein fatales Missverständnis. Wenn ich von Diktatur spreche, beleidige ich doch keinen Menschen persönlich.Warum ist Ihnen die Auseinandersetzung eigentlich so wichtig?Weil ich den Eindruck habe, dass in unserer Gesellschaft Demokratie, Recht und Freiheit als Werte nicht genug wertgeschätzt werden. Um zu erkennen, wo sie gefährdet sind, müssen wir uns über die prinzipiellen Unterschiede zwischen Demokratien und Diktaturen klar werden. Und um diese zu beschreiben, reicht es nicht, Häftlinge zu zählen. Man muss über den Verlust von Freiheit, von Recht, von Demokratie in Diktaturen nachdenken. Dann ist man besser im Stande, eine Demokratie lebendig zu halten und ihren Wert zu verteidigen.Wo sehen Sie Gefährdungen?Ich hab den Eindruck, dass manche Leute meinen, es gäbe so eine Art Naturrecht auf Demokratie. Etwas, das zu selbstverständlich genommen wird, lässt man leicht verkommen.------------------------------Zur PersonFoto: (2) Marianne Birthler wurde 1948 in Berlin geboren. Nach einer Tätigkeit im DDR-Außenhandel beschloss sie 1976, noch einmal ganz von vorn anzufangen und begann eine fünfjährige Fernausbildung zur Katechetin und Gemeindehelferin in der evangelischen Kirche.Sie wurde Jugendreferentin im Stadtjugendpfarramt von Berlin. Vor allem in der "Initiativgruppe für Frieden und Menschenrechte" machte sie keinen Hehl aus ihrer oppositionellen Haltung gegenüber dem Staat DDR.In der letzten DDR-Volkskammer war Birthler Sprecherin von Bündnis 90, später Bildungsministerin in der Brandenburger Landesregierung unter Manfred Stolpe. Im Oktober 1992 trat sie wegen dessen Stasi-Verstrickungen protestierend von ihrem Amt zurück. Kurz darauf wurde sie Sprecherin des neuen Bündnis 90/Die Grünen.Im September 2000 wurde Marianne Birthler Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staats- sicherheitsdienstes der DDR. Sie ist geschieden und hat drei Töchter.
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