Es klingt beinahe wie ein Luxusproblem – allerdings nur, wenn man sich die desolaten Zustände am Lageso und in manchen Notunterkünften vor Augen hält, die noch im Herbst vorigen Jahres herrschten. Tatsächlich läuft die Registrierung von Flüchtlingen und auch der Leistungsbezug im Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) inzwischen deutlich besser als noch vor Kurzem: Im März kamen nach Angaben von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) erstmals seit 20 Monaten weniger als tausend neue Flüchtlinge in Berlin an.
Registriert würden alle innerhalb eines Tages. Und auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bewältigt immer mehr Anträge auf Asyl, so dass es – bei einer durchschnittlichen Anerkennungsquote von 50 Prozent – demnächst Tausende anerkannter Flüchtlinge in Berlin geben wird. Czaja schätzt ihre Zahl auf mindestens 10.000 noch im Sommer dieses Jahres.
Überlasteter Markt
Das wäre rund ein Viertel der zurzeit 43.000 in Flüchtlingsheimen, Turnhallen, Hostels oder Großunterkünften wie am Flughafen Tempelhof untergebrachten Menschen. Jetzt schon leben laut Sozialverwaltung etwa 3000 Anerkannte immer noch in diesen provisorischen Bleiben, obwohl sie das rechtlich nicht mehr müssten. Das Problem: Es gibt nach wie vor nicht genug Wohnungen für sie. Der Markt ist bei günstigem Wohnraum ohnehin überlastet – und die von Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) angekündigten Mobilen Unterkünfte für Flüchtlinge (MUFs) auf 60 über die Stadt verteilten Standorten lassen auf sich warten. Die ersten beiden MUF-Projekte in Marzahn-Hellersdorf, jeweils für rund 450 Flüchtlinge, werden frühestens Ende des Jahres bezugsfertig sein, teilte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung jetzt mit. Ebenso sieht es bei den zwölf von Berlins Wohnungsbaugesellschaften projektierten Leichtbauten aus. Das heißt: Bis ins kommende Jahr hinein wird es für viele Tausend Menschen, darunter etliche Familien, weiterhin nur Provisorien geben können.
Das wissen auch die Bezirke, deren Jobcenter für Flüchtlinge zuständig sind, sobald ihre Anerkennung da ist. Marzahn-Hellersdorfs Sozialstadträtin Dagmar Pohle (Linke) spricht von „ersten kleinen Erfolgen“ bei der Vermittlung von Wohnungen für Flüchtlinge. Denn sie brauchen meist Begleitung und Beratung bei Besichtigung, Bewerbung, Anmietung und auch den ersten Schritten in einer eigenen Wohnung. „Selbst bei uns im Bezirk gibt es aber kaum Leerstand“, sagt Pohle. Es sei schwer, geeignete Wohnungen zu finden. Daher würden die meisten anerkannten Flüchtlinge vorerst in den Unterkünften bleiben, notfalls auch vorerst in Turnhallen. Auch Stadträtin Pohle rechnet nicht mit einer spürbaren Entspannung im laufenden Jahr.
Bausenator Andreas Geisel (SPD) und Finanzsenator Kollatz-Ahnen haben sich mit ihrem CDU-Kollegen Czaja geeinigt, dass in den innen variabel gestaltbaren Leichtbau-MUFs – die jahrzehntelang halten und auch etwa als Studentenwohnungen geeignet wären – von Anfang an zur Hälfte Wohnungen, zur anderen Hälfte Gemeinschaftsunterkünfte entstehen. Zunächst war nur ein Viertel für Wohnungen vorgesehen.
Renovierung nötig
Um möglichst schnell auch die immer noch rund 50 von Flüchtlingen bewohnten Turnhallen in Berlin frei zu bekommen, sollen bis Mitte Juni die ersten neuen Container-Unterkünfte aufgestellt sein. Derzeit würden alle Angebote von Firmen geprüft, die sich auf eine europaweite Ausschreibung beworben hatten, teilte die Finanzverwaltung mit. Bis Ende April würden die Zuschläge erteilt, ab Juni könnten dann in rascher Folge Container an 30 Standorten in der Hauptstadt aufgestellt werden, von denen 26 schon feststehen. Die provisorischen Unterkünfte halten etwa drei Jahre lang und bieten Platz für bis zu 15.000 Geflüchtete. Die jetzt noch rund 10.000 in Turnhallen untergebrachten Menschen könnten dann umziehen. Die veranschlagten Kosten von 78 Millionen Euro für die Container würden eingehalten, hieß es. Die dann wieder freien Turnhallen müssen allerdings zunächst wieder für den Schul- und Vereinssport hergerichtet werden, weil die lange intensive Nutzung als Dauerunterkunft Spuren hinterlässt.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de