Mario Frank hat für seine Biografie in Moskauer Archiven geforscht. Die in Berlin hat er nicht genutzt

Fünf Gründe für Ulbrichts Aufstieg

Gerd Herzog
6 Min

Im Archiv der Komintern in Moskau liegt ein Fragebogen, den Walter Ul- bricht in den dreißiger Jahren im Moskauer Exil ausfüllte. In die Spalte "Wenn sie ungläubig sind, von welchem Alter an?" hat er eingetragen, er sei mit vier Jahren ungläubig geworden. Und er hat dabei sicher nicht lächeln müssen wie der Leser seiner Biografie. Wachsamkeit und Disziplin, wenn die Partei etwas wissen wollte, war nichts, worüber man in Moskau lächeln sollte. Das wird in Mario Franks Ulbricht-Biografie sehr deutlich. Frank ist der Erste, der die Moskauer Archive der Komintern - sie sind seit einiger Zeit der Forschung zugänglich - für eine Biografie Ulbrichts genutzt hat. Dort in Moskau hatte Ulbricht schon in den zwanziger Jahren eine bezahlte Anstellung bei der Kommunistischen Internationale bekommen; und dort hat er später, im Exil, die Grundlage für seine Parteikarriere gelegt.Fünf Gründe für den Aufstieg Ulbricht gebe es, schreibt Frank: sein Machtbewusstsein, seinen Opportunismus, sein Wissen um die Macht der Parteiverwaltung, seine guten Kontakte zu den Sowjets und zuletzt seinen Fleiß. Die Kombination dieser Eigenschaften habe ihn zu einem erfolgreichen und unbarmherzigen Gegner gemacht, erst im täglichen Überlebenskampf zwischen den Exilanten im Hotel "Lux" und danach im Politbüro der SED. Auseinandersetzungen mit ihm seien für seine Gegner mitunter tödlich gewesen. Hans Kippenberger, der als hoher Funktionär der KPD, aus seiner Antipathie gegen Ulbricht nie einen Hehl gemacht hatte, verlor den Machtkampf 1935. Er wurde aus allen Parteigremien entfernt, damit dem stalinistischen Terror preisgegeben, in einem der Moskauer Schauprozesse zum Tode verurteilt und ein Jahr später hingerichtet.Mit derselben Unerbittlichkeit hat sich Ulbricht nach 1945 in Deutschland gegen seine Gegner durchgesetzt. Sein Machtbewusstsein hat ihn die Krisenjahre des Ostblocks überstehen lassen: 1953 mussten Zaisser und Herrnstadt, 1956 Wollweber und Schirdewan gehen, nachdem sie sich in der SED gegen ihn gewandt hatten. Die Machtwechsel in der UdSSR hat Ulbricht dank seinem rigorosen Opportunismus überstanden, der sogar Kommunisten überraschte. Ende der sechziger Jahre war Ulbricht der letzte noch unter Stalin an die Macht gelangte Führer eines Ostblocklandes. Er hat die Macht der Partei nie unterschätzt und sich immer auf informelle Kanäle verlassen. Das sicherte ihm nicht nur innerhalb der SED seine Stellung, sondern auch im Umgang mit den anderen Parteiführern des Ostblocks. Besonders nützlich seien seine persönlichen Beziehungen zu sowjetischen Führern gewesen: Mit Chruschtschow hat Ulbricht 1942 in Stalingrad gemeinsam das Weihnachtsfest gefeiert: "So ein Ereignis vergißt man nicht. " Und auch Ulbrichts Fleiß hat nie nachgelassen, so wie ihm auch seine robuste Gesundheit und seine Begeisterung für tägliche sportliche Übungen den entscheidenden Wettbewerbsvorteil an der Spitze der SED verschafft haben. Wenn sich andere in der Volkskammer und in Parteiversammlungen schon mal ein Schläfchen gönnten, habe Ulbricht hellwach auf seinem Platz gesessen und jedes Wort aufmerksam verfolgt. Privatleben habe er keins gehabt.Zweifelsfrei war dieser graue Mann geeignet, die graue DDR zu führen. Dass dieses Land sein Lebenstraum war, glaubt man seinem Biografen sofort. Und auch, dass Ulbricht in seinem Wesen ein Kleinbürger war, wie Frank schreibt, entspricht den Erwartungen des Lesers. Genau darin aber liegt die Crux dieser Biografie: Sie entspricht allzu sehr den Erwartungen. Und sie kann ihnen entsprechen, weil der Autor den Ausgang der Geschichte als von Anfang an unumstößlich betrachtet. Wir wissen um die prominente Rolle Ulbricht und kennen den Erfolg seiner Methoden - aber wäre die Geschichte anders verlaufen, läsen wir heute eine Biografie Hans Kippenbergers, Wilhelm Zaissers oder Ernst Wollwebers. Bei Mario Frank ist alles folgerichtig: in seiner Jugend habe sich Ulbricht auf den Sozialismus festgelegt und in der Komintern auf den Stalinismus. Scheinbar alternativlos vollzog sich der Aufstieg, weil Mario Frank rückwärts blickt und dabei an jeder möglichen Gabelung des Lebensweges die richtige Entscheidung erkennt. Gedanken über andere Möglichkeiten macht er sich nicht.Was er mitteilt, ist dafür sehr knapp, gelegentlich einseitig und oft widersprüchlich. Die Deutschlandpolitik der DDR nach 1952 sei nur noch Propaganda gewesen, schreibt Frank. Das ist sicher keine gewagte These, aber die Frage lautet doch: Wem galt diese Propaganda? Der eigenen Bevölkerung? Den Westdeutschen? Der Sowjetunion? Ulbricht habe schon vor Kriegsende in seinen Vorstellungen von der Einführung des sowjetischen Modells in Ostdeutschland wenig taktische Rücksichtnahme gezeigt. Auf wen hätte er aber Rücksicht nehmen sollen? Auf die Bevölkerung der sowjetischen Besatzungszone? Auf die Besatzungsmacht? Vieles spricht dafür, dass Ulbricht andere Interessen hatte als die sowjetische Führung. Vielleicht war ja gerade die fehlende Rücksicht Ulbrichts Taktik. Frank schreibt, dass für Ulbricht die Vorgaben Stalins unantastbar gewesen seinen. Sich Stalins Willen zu widersetzen, sei für Ulbricht gar nicht vorstellbar gewesen. Auf der anderen Seite habe Stalin einen Drang zu einem eigenen ostdeutschen Separatstaat befürchtet. Wenn Stalin der allmächtige Führer war, als den ihn Frank beschreibt - warum musste er dann die Entstehung eines Separatstaates befürchten? Stalin scheint Ulbricht damals mehr eigenen Willen konzediert zu haben als heute sein Biograf.Ulbrichts Nachlass und die Akten seines Büros liegen im ehemaligen Zentralen Parteiarchiv der SED in Berlin. Mario Frank hat sie nicht genutzt, obwohl das Parteiarchiv heute als Teil des Bundesarchivs frei zugänglich ist. Möglicherweise erklärt dieser Verzicht die - im Vergleich zu den Moskauer Jahren - geringere Originalität der Beschreibung der Nachkriegszeit.Zu Recht betont Frank die Bedeutung der Wirtschaftsreformen der sechziger Jahre. Ihr Scheitern führte mittelbar zu Ulbrichts Sturz durch Erich Honecker. Der Versuch, die Produktivität zu heben und sie mit dem Lebensniveau in Einklang zu bringen, sei Ulbricht sehr früh sehr wichtig gewesen. Und er zeige Ulbrichts Weitsicht, denn für den wirtschaftspolitischen Richtungswechsel zu Beginn der sechziger Jahre habe es überhaupt keine Rückendeckung durch die KPdSU gegeben. Das "Neue ökonomische System" sei ausschließlich eine "Ulbricht-Reform" gewesen. Wenig später schreibt Frank aber, dass Ulbricht in der SED unangreifbar gewesen sei, weil er die Rückendeckung Chruschtschows gehabt habe. Aber ob dies der "objektiv richtige Weg" gewesen sei, wie Frank schreibt, muss mangels Möglichkeiten der Überprüfung unklar bleiben.Unklar aber bleibt vor allem, warum der Autor die ausführliche Arbeit von André Steiner zum "Neuen Ökonomischen System" nicht erwähnt, ebenso wenig wie andere Darstellungen zur Geschichte der DDR: weder Christoph Kleßmann noch Klaus Schroeder oder Charles S. Maier kommen bei ihm vor. Die Neuauflagen der Bücher von Hermann Weber und Dieter Staritz übersieht er. Gerade diese Arbeiten profitierten von der Öffnung der Archive seit dem Ende der DDR.Mario Frank: Walter Ulbricht. Eine deutsche Biografie. Siedler Verlag, Berlin 2001. 537 S. , 48 Mark. / Eröffnung des Deutschlandtreffens im Walter-Ulbricht-Stadion, 16. Mai 1964. "Begeistert folgten Horst Schumann, Walter Ulbricht und seine Gattin, Otto Grotewohl und seine Gattin, Erich Honecker, Paul Fröhlich und Professor Kurt Hager der Aufforderung des Stadionsprechers, bei den Gymnastikübungen mitzumachen. " (Von rechts nach links)

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