STUTTGART/KAISERSLAUTERN, 1. August. Die Sonne brennt in diesen Tagen ziemlich heftig auf das Trainingsgelände des VfB Stuttgart. Die meisten Profis krempeln deshalb die Ärmel ihrer T-Shirts hoch, um sich ein bisschen Kühlung zu verschaffen. Der Blick der Fans fällt dabei unwillkürlich auf die Oberarme von Markus Babbel. Links ziert ein stilisiertes Kreuz die braune Haut, rechts ein Bild der heiligen Maria mit den Initialen seiner Kinder und einem Engel.Die Tattoos sind nicht das einzige Andenken, das der Abwehrspieler von der britischen Insel mitgebracht hat. Babbel erzählt gerne von seinem neuen Selbstverständnis als Profi. "Früher habe ich mir dauernd Gedanken gemacht, was die Leute über mich denken", sagt Babbel. Kurz nach der verkorksten Euro 2000 trat er die Flucht an, vom FC Bayern zum FC Liverpool, weil ihn die Boulevardmedien fast allein für das Scheitern verantwortlich gemacht hatten. Dabei war Babbel einer der wenigen gewesen, der die Treue von Bundestrainer Erich Ribbeck zum müden Altstar Lothar Matthäus kritisch hinterfragte.Beim FC Liverpool jedenfalls haben sie sich gefreut auf Babbel, der schnell zum besten rechten Defensivspieler der Premier League wurde. Der Bayer aus Gilching fand an der Anfield Road eine andere Einstellung zu seinem Beruf. "Ich habe vor allem Disziplin gelernt. In England wird nicht so viel gejammert", sagt er. Die Jahre auf der Insel und natürlich das Guillain-Barre-Syndrom, eine heimtückische und seltene Nervenkrankheit, haben ihn verändert. Der heute 32-Jährige war damals dem Rollstuhl näher als dem Fußballplatz. Er weiß, wie viel Glück er hatte, dass die Atemmuskulatur nicht angegriffen wurde. Aber irgendwann reichte Babbel Anteilnahme allein nicht mehr aus, er wollte wieder spielen. Coach Gerard Houllier setzte aber weiter auf Schonung, schließlich wurde Babbel nach Blackburn ausgeliehen.C-Jugend-BekanntschaftJetzt also Stuttgart. Babbel ist wieder da, und auf seine alten Tage hat er noch einmal einen Trend begründet. Er ist neben Christian Nerlinger, Carsten Jancker (beide FC Kaiserslautern), Christian Ziege (Mönchengladbach) und Michael Tarnat (Hannover 96) einer von fünf ehemaligen Spielern, die ihre größten Erfolge beim FC Bayern feierten und jetzt überraschend den Weg zurück in die Bundesliga gefunden haben - und bis auf Jancker (Udinese Calcio) kommen sie alle direkt von der britischen Insel.Mit Nerlinger hat Babbel schon in der C-Jugend gespielt. Beide verbindet die Liebe zu Biergärten, Lederhosen, Haferlschuhen. Beide haben jenseits von München nicht nur glückliche Momente erlebt in ihrem Job . Nerlinger zog sich in seiner Zeit beim BVB einen Kreuzbandriss zu und war bei den Glasgow Rangers oft nur Zuschauer. "Die Zeit in Schottland hat mich reifer gemacht", so Nerlinger. Auch er hat sich daran gewöhnt, zweimal pro Woche hundertprozentigen Einsatz zu geben. "Aber insgeheim beneiden uns die britischen Spieler um unsere Winterpause", so Nerlinger.Konstruktiv im HintergrundIn England treten die Spieler immer nur in Pressekonferenzen auf, Eins-zu-Eins-Interviews gibt es nicht. "Da tut man sich schwerer, negative Dinge in der Öffentlichkeit zu sagen", so Nerlinger. Er ist nie zu den Boulevardreportern gerannt, das war schon beim FC Bayern und in Dortmund nicht sein Stil. Nerlinger ist stets ein Mann ohne Affären gewesen, aber nie einer ohne Eigenschaften. Er ist einer jener Spieler, deren Wert darin besteht, konstruktiv im Hintergrund zu bleiben. Es sieht so aus, als könne der auf der Insel Kampferprobte in Kaiserslautern gleich Leistungsträger sein.Bei Markus Babbel dagegen verlief der Einstieg beim 0:2 gegen Bremen im Ligapokal nicht nach Wunsch. Er verursachte einen Elfmeter und war auch sonst nicht immer auf Ballhöhe. Der Europameister von 1996, der 51-mal das Trikot der Nationalelf trug, wirkte aber erfrischend selbstkritisch, auch dies ein Mitbringsel von der Insel. Er sprach seine Defizite in Zweikampfstärke und Schnelligkeit nach erst zwei Wochen Training selbst an, schonungslos. So sind seine persönlichen Ziele in Stuttgart vorerst bescheiden. Er will dem VfB und auch sich selbst helfen. Aber tief drinnen hofft er schon, dass mit zunehmender Spielpraxis auch die alte Form wiederkehrt; selbst eine Rückkehr in die Nationalmannschaft will er nicht ausschließen.Daran verschwendet Christian Nerlinger keinen Gedanken. Wenn der 31-Jährige seinem Job nachgeht, hetzt er meist mit hochrotem Kopf Ball und Gegner hinterher. Es ist eine Arbeitsauffassung, die ankommt bei den Anhängern des FCK. Trainer Kurt Jara hat Nerlinger jetzt zum stellvertretenden Kapitän ernannt, hinter Timo Wenzel. Passt dieses Amt zum introvertierten Naturell? "Man muss nicht laut sein, um Gehör zu finden", sagt Nerlinger. Der Satz könnte auch von Markus Babbel stammen, übrigens. Oder von Christian Ziege, von Carsten Jancker und von Michael Tarnat.------------------------------Einmal Europa und zurück // Markus Babbel, 31, spielte von 1981 bis 2000 bei Bayern München, unterbrochen nur durch zwei Jahre beim Hamburger SV (1992 - 1994). Im Jahr 2000 wechselte er nach Liverpool, das ihn später nach Blackburn verlieh. Seit Juli 2004 steht er beim VfB unter Vertrag. Christian Nerlinger, 31, war bis 1998 beim FC Bayern, dann drei Jahre in Dortmund. 2001 ging er nach Glasgow - seit Juli ist er beim FCK.Carsten Jancker, 29, kam über Rostock, Köln und Wien zu Bayern. Ging 2002 nach Udine - seit Juli beim FCK.Christian Ziege, 32, wechselte 1997 von Bayern zum AC Milan. Spielte später u.a. in Liverpool und Tottenham - seit Juli in Gladbach.Michael Tarnat, 34, verließ Bayern im Jahr 2003, spielte ein Jahr bei Manchester City - seit Juli in Hannover.------------------------------Foto: Noch ist der Stuttgarter Markus Babbel weit von seiner alten Form entfernt. Sein größter Kritiker heißt: Markus Babbel.
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