Martin Fleischhacker: Die Zeitung – Ein Nachruf: Das neue Geschäftsmodell

Es ist jetzt nicht mehr vom Tod der Zeitung die Rede. Man spricht davon, dass es sich um einen Konsolidierungsprozess handele. Es werde noch mehr Konzentration geben, möglicherweise werde die gedruckte Zeitung stärker orientieren müssen als informieren. Aber das Schreckgespenst vom Ende der Zeitung sei gebannt. Heißt es in den Zeitungskonzernen. Man wehrt die Schwarzseher ab wie lästige Fliegen. Das ist nur zu verständlich. Es hilft einem ja nichts, wenn dauernd nur der Untergang herbeigeredet wird. „Herbeigeredet“ ist allerdings vielleicht doch nicht das richtige Wort. Schließlich genügt es auch einem blutigen Laien, eine Zeitung nur einfach in die Hand zu nehmen, um zu sehen, dass es vielerorts nicht gut steht darum. Die Zeitungen werden dünner. Michael Fleischhacker hat sich die Lage genauer angesehen. Der österreichische Journalist war nach Arbeit in den Redaktionen von „Standard“ und „Kleiner Zeitung“ bis Oktober 2012 Chefredakteur von „Die Presse“. Gerade ist sein Buch „Die Zeitung – Ein Nachruf“ erschienen. Man findet darin die Titelseite des Economist vom 24. August 2006: „Who killed the Newspaper?“ Man könnte darin einen Trost finden und zum Beispiel sagen: „Totgesagte leben länger“. Aber das stimmt nur, wenn die Totgesagten für Lebensmittel sorgen. Danach sieht es, so analysiert Fleischhacker, allerdings nicht aus. Das Geschäftsmodell Tageszeitung ist bereits tot, meint er. Wenn die Einnahmen aus dem Verkauf einer Zeitung sich denen aus den Anzeigen nähern, wenn sie die gar übertreffen, dann ist die Zeitung, wie wir sie kannten, am ...

BLZ
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Es ist jetzt nicht mehr vom Tod der Zeitung die Rede. Man spricht davon, dass es sich um einen Konsolidierungsprozess handele. Es werde noch mehr Konzentration geben, möglicherweise werde die gedruckte Zeitung stärker orientieren müssen als informieren. Aber das Schreckgespenst vom Ende der Zeitung sei gebannt. Heißt es in den Zeitungskonzernen. Man wehrt die Schwarzseher ab wie lästige Fliegen. Das ist nur zu verständlich. Es hilft einem ja nichts, wenn dauernd nur der Untergang herbeigeredet wird. „Herbeigeredet“ ist allerdings vielleicht doch nicht das richtige Wort. Schließlich genügt es auch einem blutigen Laien, eine Zeitung nur einfach in die Hand zu nehmen, um zu sehen, dass es vielerorts nicht gut steht darum. Die Zeitungen werden dünner. Michael Fleischhacker hat sich die Lage genauer angesehen. Der österreichische Journalist war nach Arbeit in den Redaktionen von „Standard“ und „Kleiner Zeitung“ bis Oktober 2012 Chefredakteur von „Die Presse“. Gerade ist sein Buch „Die Zeitung – Ein Nachruf“ erschienen. Man findet darin die Titelseite des Economist vom 24. August 2006: „Who killed the Newspaper?“ Man könnte darin einen Trost finden und zum Beispiel sagen: „Totgesagte leben länger“. Aber das stimmt nur, wenn die Totgesagten für Lebensmittel sorgen. Danach sieht es, so analysiert Fleischhacker, allerdings nicht aus. Das Geschäftsmodell Tageszeitung ist bereits tot, meint er. Wenn die Einnahmen aus dem Verkauf einer Zeitung sich denen aus den Anzeigen nähern, wenn sie die gar übertreffen, dann ist die Zeitung, wie wir sie kannten, am Ende.

Woher kommt dann die Renaissance der Idee, mit Zeitungen ließe sich Geld verdienen? Die Frage ist leicht zu beantworten. Im Internet lässt sich mit Journalismus  kein Geld verdienen. Jedenfalls nicht für so viele und so viel, wie das in der Hochzeit der Zeitungsbranche möglich war. Die Unternehmen, die das in den letzten Jahren probiert haben, haben dabei viel bis sehr viel Geld verloren. Bei den Zeitungen dagegen schrumpfen die Gewinne, aber es bleibt – bei sehr vorsichtigen Kalkulationen – am Ende doch etwas übrig. Nicht zu vergleichen, was noch vor ein paar Jahren zu erzielen war, aber immerhin. Solange es keine Geschäftsidee für Journalismus im Internet gibt, ist es immer noch lukrativer, keine für gedruckten Journalismus zu haben. Fleischhacker hält natürlich Tabellen aller Art bereit. Aus einer seien zwei Zahlen zitiert: Im Jahre 2003 betrug die Gesamtauflage der Tageszeitungen in Deutschland 27,54 Millionen Exemplare. Im Jahre 2013 waren es noch 20,50 Millionen. Oder diese: Der Anteil der Zeitungen am Gesamtwerbeaufwand lag in Deutschland im Jahre 2006 bei 26,4 Prozent. Im Jahre 2012 waren es nur noch 19,3 Prozent.

Die Tageszeitung, wie wir sie kennen, ist ein Zeitgenosse des Warenhauses. Nicht nur, weil sie zu einem guten Teil von seinen Anzeigen lebte, sondern auch, weil sie von Politik über Wirtschaft, Feuilleton, Wissenschaft und Unterhaltung alle Bedürfnisse befriedigen wollte. Sie war ein Universalmedium. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung war und ist es. Aber auch der, das sagt schon sein Name, Reutlinger Generalanzeiger. Das Allgemeine war das Besondere der Zeitung. Das Allgemeine ist heute das Internet. Es ist allgemeiner als jede Zeitung es jemals sein könnte. Gleichzeitig aber bedient es die speziellsten Interessen. Es ist Warenhaus und Boutique in einem. Was dagegen, was damit tun? Fleischhacker hat – wie auch? – keine Antwort. Aber er meint doch: „Das Warten auf „das neue Geschäftsmodell für Medien im digitalen Zeitalter wird vergeblich sein, denn es ist eines der Wesensmerkmale dieses Zeitalters, dass es ein einzelnes, beliebig skalierbares Geschäftsmodell nicht mehr gibt. ‚One size fits it all‘ war gestern. Wir leben im Zeitalter der massenhaften Maßanfertigung… Um aus dem unausrottbaren ‚Prinzip Journalismus‘ erfolgreiche Produkte für die digitale Gegenwart und Zukunft abzuleiten, bedarf es einer Haltungsänderung bei Verlegern und Journalisten: Es geht nicht darum, dem Publikum zu erklären, warum das, was sie bisher gemacht haben, für sie unverzichtbar ist. Es geht darum, für das Publikum unverzichtbar zu werden.“

Michael Fleischhacker: Die Zeitung – Ein Nachruf, Brandstätter, Wien 2014, 152 Seiten, 19,90 Euro.

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