Massentierhaltung: Das gedopte Huhn

Die Hühner gackern leise. 24 drängen sich auf einem Quadratmeter. Sie trippeln auf und ab, können nicht vor, nicht zurück. Es gibt keinen Platz. Eines hat sich auf ein anderes gesetzt, sie beginnen aufeinander einzuhacken. Man kann sich vorstellen, wie das weiterginge. „Der rechte große Elektromast dort hinten“, sagt Jörg Weilbach und deutet über die kahlen Felder Richtung Osten. „Dort soll die Anlage hin.“ Mit ruhigen Händen holt er ein Tier nach dem anderen wieder aus dem ...

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Steinhöfel - Die Hühner gackern leise. 24 drängen sich auf einem Quadratmeter. Sie trippeln auf und ab, können nicht vor, nicht zurück. Es gibt keinen Platz. Eines hat sich auf ein anderes gesetzt, sie beginnen aufeinander einzuhacken. Man kann sich vorstellen, wie das weiterginge. „Der rechte große Elektromast dort hinten“, sagt Jörg Weilbach und deutet über die kahlen Felder Richtung Osten. „Dort soll die Anlage hin.“ Mit ruhigen Händen holt er ein Tier nach dem anderen wieder aus dem Käfig.

Die Tiere auf engstem Raum, das war nur eine Demonstration. Ein Bildmotiv für die Fotografen. Vielleicht haben sie sich das bei Greenpeace abgeguckt. Die Zustände, vor denen Jörg Weilbach und die anderen aus der Bürgerinitiative „Dörfergemeinschaft Steinhöfel“ warnen, werden mit dieser Inszenierung gar nicht in ihrem ganzen Ausmaß vor Augen geführt. Der Flyer, den sie haben drucken lassen, ist deutlicher. Dort sieht man das Bild eines Hähnchens, dem an vielen Stellen Federn fehlen, rosa Haut zu sehen ist. Krank sieht das aus. „Die Federn sind in der konventionellen Züchtung nur ein Hindernis“, sagt Jörg Weilbach. Die Tiere brauchen sie nicht. Sie verbringen ihr kurzes Leben in einem klimatisierten Stall.

Was man auf dem kleinen Foto nur erkennen kann, wenn man darauf hingewiesen wird: Die Brust der Tiere ist unnatürlich vorgewölbt. „Das gilt als Zuchterfolg“, sagt Kerstin Hellmich, die wie Weilbach Sprecherin der Initiative ist. Hühnchenbrust verkauft sich gut. „Aber die Tiere können sich wegen des Gewichts kaum auf den Beinen halten.“ 432.000 Hähnchen sollen in 35 Tagen schlachtreif gemästet werden, heißt es im Broschürentext. Sieben Mal pro Jahr. Es wird vor Geruchsbelästigung gewarnt und vor Nitratbelastung der Brunnen durch den Hühnerkot, der als Dünger auf die Felder kommen soll.

Hardenberg will verpachten

Die Hähnchenmastanlage ist in Steinhöfel geplant, einer kleinen Ortschaft nahe der Stadt Fürstenwalde im Land Brandenburg. Die Kontrahenten sind die Bürgerinitiative mit rund 40 Mitgliedern und, das macht die Sache ein wenig pikant, der Graf Gebhard von Hardenberg. Er möchte das Land, auf dem die Anlage entstehen soll, einem holländischen Unternehmen verpachten. Noch hat er keinen Bauantrag gestellt, aber darauf möchten die Leute von der Bürgerinitiative nicht warten. Denn ist das einmal geschehen, ist die Entwicklung kaum noch aufzuhalten.

Die Argumente der Gegner, die über die elenden Bedingungen sprechen, unter denen die Tiere leben, über die Antibiotika, die ihnen an zehn der 35 Lebenstage verabreicht werden und die Lkws, die das Futter heranfahren, das Fleisch abtransportieren, sind nicht neu. Doch es geht um mehr in diesem Streit, um größere Fragen. „Wie soll unser Dorf in 50 Jahren aussehen?“, fragt Jörg Weilbach. Das ist die Dimension. Es geht um die Zukunft, darum, was für eine Landwirtschaft man möchte, ob sie bäuerlich oder industriell organisiert sein soll. Am Ende geht es darum, wie man leben will.

Jörg Weilbach ist ein kräftiger Mann von 49 Jahren. Seinen Händen sieht man an, dass er mit ihnen arbeitet. Er trägt eine olivfarbene Hose, einen olivfarbenen Pullover, schwere schwarze Schuhe. Im Oderbruch ist er geboren, hat Agraringenieur studiert und war zu DDR-Zeiten LPG-Bereichsleiter, verantwortlich für 2000 Hektar Land. Jörg Weilbach ist kein Träumer. „Mit dem K 700 so lange geradeausfahren, bis der Tank halbleer ist, das war damals das Ideal“, sagt er. Der K 700 war ein Traktor, und die Idee war, so große bereinigte Flächen zu schaffen, dass sich dem Fahrzeug kein Hindernis entgegenstellte. Jörg Weilbach sagt, dass ihm schon damals der Bezug zur Landwirtschaft gefehlt hat. Zu dem, was er darunter versteht. Ökologie war in diesen Zeiten kein großes Thema. Es sei aber vorgekommen, dass Umweltschützer an ihn herantraten. „Das brütete in einem“, sagt er. Er hat jedenfalls zu DDR-Zeiten dafür gekämpft, nicht jeden Graben zuzuschütten oder wenigstens auf einer Seite Bäume und Sträucher stehen zu lassen, als Nistplatz für die Vögel, als Rückzugsort für das Wild. „Wenn man das vorsichtig gemacht hat, hat es funktioniert“, sagt Jörg Weilbach.

Gebhard Graf von Hardenberg lebt noch nicht sehr lange in der Gegend. Aber die Familie hat hier starke Wurzeln. Sein Großonkel Carl-Hans Graf von Hardenberg gehörte zum Kreis der Männer, die das Attentat auf Adolf Hitler planten. Der Graf wurde in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht, die Güter von den Nazis enteignet. Anfang der 90er-Jahre bekam die Familie das Land zurück, und Gebhard Graf von Hardenberg, der bis dahin einen Landwirtschaftsbetrieb in Niedersachsen geführt hatte, ging mit seiner Frau und den Kindern nach Lietzen in Brandenburg.

Wenn man diesen Ort sieht, kann man verstehen, dass jemand sich entscheidet, hier ein neues Leben anzufangen. Eine romanische Kirche, das Herrenhaus, ein aus grob behauenem Granit erbauter Getreidespeicher stehen nahe beieinander auf einer Anhöhe. Von hier oben sieht man einen kleinen See. Die roten Ziegeldächer ragen steil in den Himmel. Zu DDR-Zeiten wurden hier 7000 Schweine gehalten. „Es sah aus wie in einer Schweinefabrik“, sagte Gebhard Graf von Hardenberg damals einer Journalistin. Heute sagt er nichts.

„Der Graf möchte sich zu der Hähnchenmastanlage nicht äußern“, sagt Frau Lippert, die in der Gutsverwaltung arbeitet. Dann ist das Gespräch beendet. Dabei gab es eine Zeit, in der der Graf gern öffentlich über sich und seine Pläne für seine wiedergewonnen Ländereien gesprochen hat. Er sagte damals, dass er sich verantwortlich fühle für die Leute hier, dass er der Familie gegenüber in der Pflicht stehe, sich anständig zu verhalten. Und dass er sich nicht wohlfühlen würde, wenn es anderen schlecht ginge.

„Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs.“ Frank Schürer-Behrmann zitiert aus dem Buch der Sprüche 12, 10. „Erstaunlich, was so alles in der Bibel steht“, sagt er. Frank Schürer-Behrmann ist der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Strausberg-Fürstenwalde, ein jungenhafter Typ, seit zehn Jahren auf diesem Posten. „Wir beschäftigen uns schon seit einiger Zeit mit schöpfungsethischen Dingen“, sagt er. Die Synode, die im November im Dom St. Marien in Fürstenwalde zusammenkam, hat jedenfalls beschlossen, die Politiker dazu aufzurufen, alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, den Bau der Hähnchenmastanlage zu verhindern.

„Eine Züchtung von Hühnern, die ob ihrer übergroßen Brust nicht laufen können, die in Käfigen gehalten werden, in denen sie sich nicht bewegen und ihrer Art entsprechend sozial verhalten können, die bis zum Tode gedopt werden, um dann unter Qualen getötet werden, können und wollen wir nicht gutheißen“, heißt es in der Beschlussvorlage. „Lassen wir diese Tierhaltung zu, stellen wir auch unsere Gottesbeziehung infrage, weil wir seine Geschöpfe missachten.“ Von den 52 Synodalen stimmten 50 dafür. In der Beschlussvorlage für die Synode wird auf ein weiteres Problem der Massentierhaltung aufmerksam gemacht. Da die Deutschen vor allem Hähnchenbrust und -keulen essen, werden die Reste der Tiere exportiert, vor allem nach Afrika. 42 Millionen Tonnen Hähnchenfleisch sind es im vergangenen Jahr gewesen. Das hat Brot für die Welt recherchiert. Das Hühnerfleisch aus Deutschland ist billiger als das aus Afrika, was die Existenz der Kleinbauern dort zerstört.

Massentierhaltung hat zugenommen

Renate Wels, die Bürgermeisterin von Steinhöfel, weiß nichts von solch möglichen Verbindungen nach Afrika. Sie sitzt in ihrem Büro in der Gemeindeverwaltung gegenüber der Dorfkirche. Sie ist 60 Jahre alt, parteilos, zuständig für 4500 Bürger in zwölf Ortsteilen. Die Arbeitslosenrate liegt bei 20 Prozent. Daran würde auch die Mastanlage nichts ändern. Mehr als zwei, drei Arbeitsplätze werden dadurch nicht entstehen. Viel kann sie gegen eine solche Mastanlage nicht tun. „Wir sind nicht Genehmigungsbehörde“, sagt Renate Wels. „Wir müssen auf die Kontrollorgane vertrauen.“ Als die Bürgermeisterin von den Plänen für die Hähnchenmastanlage erfahren hat, hat sie einen Bus gechartert und ist mit ein paar Gemeindevertretern und Mitgliedern der Bürgerinitiative nach Herzberg gefahren, in die dortige Hähnchenmastanlage. „Wir durften überall rein, die haben alles offengelegt“, sagt sie. „Und wir haben nichts gerochen.“

Dann erzählt Renate Wels von Bomben, die vor einiger Zeit auf dem Flugplatz in Neuendorf gefunden worden sind. „Da hatten wir Angst“, sagt sie. Es sieht so aus, als gäbe es für sie Wichtigeres als eine Hähnchenmastanlage, von der womöglich noch nicht einmal eine Geruchsbelästigung ausgeht.

Die Behörde, die Tiermastanlagen in Brandenburg genehmigt, sitzt in Frankfurt (Oder). Das Landesumweltamt. Dort kann man erfahren, dass die Massentierhaltung in Brandenburg in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Seit 2008 sind jedes Jahr Mastplätze für Hunderttausende Hähnchen in Betrieb gegangen. Für mehr als eine Million liegen Anträge vor.

Wenn man mit Matthias Freude, dem Chef des Amtes, spricht, merkt man schnell, dass er kein Freund dieser Art von Tierhaltung ist. Oder genauer der damit verbundenen Bedingungen. Doch ob er eine Anlage genehmigt oder nicht, hängt allein von den im Bundesimmissionsgesetz festgelegten Kriterien ab. Da wird etwa der Ausstoß von Ammoniak geprüft, der Lärmpegel oder die Belastung des Grund- und Trinkwassers. „Der Kanon stellt nicht sicher, dass die Tiere auf eine Art und Weise gehalten werden, die die meisten sich vielleicht vorstellen“, sagt er. Es sei auch unerheblich, ob die Bürger eine solche Mastanlage wollen. Oder die Gemeinde. Auch die Verkehrsbelastung durch den Transport von Futter, den Abtransport des Fleisches spiele keine Rolle für die Genehmigung. Genau so wenig wie der Einsatz von Antibiotika. Und die Frage, ob das Fleisch überhaupt gebraucht wird.

Die Landschaft um Steinhöfel ist flach und wirkt karg, jetzt im Winter. Große Felder liegen zwischen kleinen Dörfern. Wir fahren zu Jörg Weilbachs Hof. Ein Bioland-Betrieb, er hat ihn nach der Wende aufgebaut, im Auftrag einer Behindertenwerkstatt. Weilbach arbeitet hier mit mehrfach behinderten und psychisch Kranken, wie sie schon zu DDR-Zeiten in den LPGs arbeiteten.

Schon wenn man den Hof betritt, hört man das Gegacker. „Das sind die Perlhühner“, sagt Weilbach. „Furchtbar, dieser Krach.“ Die Hühner sind in einem großen Freigehege untergebracht. Sie scharren nach Futter, baden im Sand. Auf dem Dach des Stalls sitzt eine Flugente. „Die Fleischqualität von Tieren, die sich bewegen können, ist viel besser“, sagt Jörg Weilbach. Abends koste es ihn manchmal eine halbe Stunde, alle Tiere in den Stall zu scheuchen. „Aber sonst holt sie der Fuchs.“ Nebenan hoppeln Kaninchen in einem Gehege.

Artgerechte Sitzstangen

Jörg Weilbach öffnet die Tür des Hühnerstalls. Dort gibt es Sitzstangen. „Die Tiere müssen aufbäumen können, das ist Vorschrift bei Bioland.“ Es ist artgerecht. Und es entspricht seiner Vorstellung von Landwirtschaft, sie soll etwas mit Natur zu tun haben.

Im Schlachthaus warten sie schon auf ihn. Weilbach bindet sich eine weiße Schürze um, betritt den hell erleuchteten Raum und klopft einem seiner jungen Mitarbeiter auf die Schulter. Sie ziehen Plastiktüten über die geschlachteten Enten und Hühner, dann kommen sie in den Kühlraum.

Draußen wartet Kundschaft. Ein Mann in einer grauen Wolljacke sagt, dass er hier sieben Enten und fünf Gänse hat schlachten lassen. Er hat sie übers Jahr selbst aufgezogen. Er kommt aus dem benachbarten Streitberg, dort betreibt er eine Obstbrennerei. Gefragt nach der Hähnchenmastanlage schüttelt er den Kopf. „Wir kennen das doch noch von den Großviehanlagen aus DDR-Zeiten“, sagt er. „Der Wald dahinter war braun, überdüngt.“ Die Gänse und Enten sind für den Nachbarn, für die Kinder, ihn und seine Frau. „Es ist was Tolles, etwas auf dem Teller zu haben, von dem man weiß, was drin ist“, sagt er. „Das ist der wahre Luxus.“

Jörg Weilbach erzählt eine Geschichte von seinem Vater, in der es im Grunde auch um Luxus geht. Der Vater stammt aus dem Vogtland, ist das älteste von neun Geschwistern. Er habe im Krieg Hunger gelitten, wurde Diplomlandwirt. „Und ich verzichte hier auf 50 Prozent des Ertrags, den ich mit konventionellen Methoden erreichen könnte“, sagt Weilbach. Sein Vater habe das akzeptiert. Vielleicht hat er verstanden, dass es für den Sohn ein Schritt in die Richtung war, die er für richtig hält. Und für die er nun kämpft.

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