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Es gibt wirklich sehr unterschiedliche Bedarfe. Ich habe beispielsweise das dringende Bedürfnis, etwas zur geplanten Pflegereform zu schreiben, meine Mutter hat das dringende Bedürfnis, betreut zu werden, während Nina Warken offensichtlich das Bedürfnis hat, Geld zu sparen. Das würde ich auch gerne, gestaltet sich aber schwierig.
Ich pflege meine Mutter seit neun Jahren, davon die letzten drei bei mir zu Hause. Ich bin von einer vollen Stelle sukzessive auf 60 Prozent runtergegangen, um die Pflege gewährleisten zu können. Dabei kann ich mir das eigentlich gar nicht leisten. Mathematisch betrachtet bedeutet es, dass ich nicht nur weniger Geld im Monat zur Verfügung habe, sondern am Ende auch weniger Rente bekomme.
Zum Glück erhalte ich als pflegende Angehörige etwas Rente von der Pflegekasse. Wenn es nach Nina Warken ginge, würde diese zukünftig deutlich reduziert. Bedarfe sind, wie bereits erwähnt, sehr unterschiedlich. Mich persönlich wird das nicht mehr treffen, denn meine Mutter wird zeitnah in einem Seniorenheim aufgenommen.
Dieser Schritt bedarf viel Geld. Die Rente der meisten Frauen in der Generation meiner Mutter ist ziemlich bescheiden. Da fällt mir meine eigene Rente ein. Aufgrund der Pflege wird sie geringer ausfallen. Aufgrund von drei Kindern wird sie noch geringer ausfallen. Diese drei (tollen) Kinder unterstütze ich derzeit mit 60 Prozent Gehalt bei ihrer Ausbildung. Drei zukünftige Steuerzahler. Aber das ist noch mal eine andere Baustelle, erklärt jedoch, warum ich nicht so sparsam bin wie Nina Warken.
So ist die Reform zum Scheitern verurteilt
Zurück zur Reform. Die Bedarfe meiner Mutter und mir mussten jüngst angepasst werden. Meine Mutter ist inzwischen so schwer dement, dass ich mich entscheiden musste: entweder meine Arbeit aufgeben und kein Geld haben oder meine Mutter in ein Heim geben und kein Geld haben. Ich habe Letzteres gewählt; auf diese Weise komme ich zumindest doch noch zu etwas mehr Rente. Ich kann mir das Lachen an dieser Stelle kaum verkneifen, obgleich mir eigentlich zum Heulen zumute ist.
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Jetzt wird’s noch mal mathematisch. Ich habe alles ausgerechnet. „Wir schaffen das.“ Ich stemme den Eigenanteil der Heimkosten. Mit dem, was ich „zur Verfügung“ habe, und den jährlichen Zuschüssen der Pflegekasse. Wenn Frau Warken ihren Bedarf des Sparens jedoch durchsetzt, werden diese nur alle 18 Monate greifen. Dann bin ich mit meiner Mathematik am Ende.
Oder schlicht gesagt: Dann muss ich einen Kredit aufnehmen. Oder? Ich beantrage Sozialhilfe und Frau Warkens Reform ist zum Scheitern verurteilt. Sie wird längerfristig nicht sparen, sondern am Ende draufzahlen.
Aus einer Reform, so lese ich, gehen immer Gewinner und Verlierer hervor. Ich frage mich ernsthaft, wer hier gewinnen kann.
Anett Diestel lebt seit 1996 in Berlin und arbeitet als Architektin an einer Universität in der Denkmalpflege. Nebenberuflich schreibt sie Texte, mit denen sie u.a. auf gesellschaftliche Dysfunktionen aufmerksam machen möchte.
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