OBERHOF, im November. Es hat erst vor wenigen Minuten aufgehört zu regnen. Schwer hängt die feuchte Luft in den Wäldern beiderseits der schmalen Landstraße. Sie führt direkt in das Urlauberstädtchen Oberhof, dabei ist sie nur ein Schleichweg weitab der Hauptstraßen, den fast nur die Einheimischen benutzen. Matthias Leich sitzt auf dem Beifahrersitz und gibt dem Fahrer Anweisungen: nach links, nächste Kreuzung geradeaus, dann halbrechts. Leich ist dreiunddreißig Jahre alt und kennt sich in den thüringischen Wäldern rings um Oberhof perfekt aus, so, als wäre er hier aufgewachsen und nicht in der Saalestadt Naumburg. "Da liegt Günther Mechau, und da hinten der Johann Roth", sagt er plötzlich und zeigt mit der Hand in das feuchte dunkle Grün rechts der Straße. "Und da" - er deutet nach links -, "da ist der Crawford."Der Crawford. Roth. Mechau. Matthias Leichs Topographie der Oberhofer Wälder hat ihre ganz eigenen Fixpunkte. Es sind Wrackteile abgestürzter Flugzeuge, tiefe Bodentrichter und verstreute Skelettteile abgeschossener Piloten. Zeugnisse einer Luftschlacht am Himmel über Oberhof, die am Ende des Zweiten Weltkrieges tobte. Matthias Leich kennt die Orte im Dickicht der Wälder, die von dieser Schlacht erzählen. Er hat sie gefunden bei seinen stundenlangen Streifzügen durch das Unterholz, wenn er mit einem kleinen Spaten oder bloßen Händen das freilegte, was in der Septembernacht vor achtundfünfzig Jahren vom Himmel fiel. Es war am 11. September 1944. Von Großbritannien aus waren Jäger der amerikanischen 55th Fighter Group und Bomber der 100th Bomber Group der US-Air-Force gestartet, um die Ölraffinerien im sächsischen Schwarzheide anzugreifen. Als der Kampfverband den Ärmelkanal überquerte, wurde in Welzow bei Cottbus Alarm ausgelöst. Das Jagdgeschwader 4 der deutschen Luftwaffe stieg auf, um den Angriff abzuwehren. Über Oberhof trafen die feindlichen Flugzeuge zuerst aufeinander. Eine Luftschlacht begann, die sich vom Thüringer Wald bis über das Erzgebirge erstreckte und in der die Deutschen klar unterlegen waren. Zwar gelang es ihnen, einige gegnerische P-51-Jäger abzuschießen. Aber die eigenen Verluste waren größer. Brennend stürzten viele Maschinen in die Wälder. Die Bomberstaffel der Amerikaner kam fast vollständig bis Schwarzheide durch und zerstörte die Raffinerien. Auf dem Oberhofer Friedhof wurden nach dem 11. September 1944 symbolische Gräber für die deutschen und ein amerikanisches Opfer der Luftschlacht angelegt. Die Gräber tragen die Namen der getöteten Piloten; viele von ihnen sind leer, weil niemand die Leichen der Männer in den Wäldern suchte.Zu den über Oberhof abgeschossenen US-Piloten gehörte Lieutenant William M. Lewis. Seine Maschine zerbarst nach einem Treffer in einem Waldstück an dem Forstweg von Oberhof nach Tambach. Laut einem überlieferten Wehrmachtsfernschreiben vom 13. September 1944 hatte Lewis keine Chance, den Absturz zu überleben. In dem Fernschreiben heißt es: "Zustand des Flugzeugs: 99 Prozent Bruch. Schicksal der Besatzung: Flugzeugführer in zahllose kleine Teile zerrissen." Matthias Leich steht jetzt im Wald und zeigt von einem Hang hinunter auf eine kleine Schneise. "Dort ist das Flugzeug abgestürzt", sagt er. Man sieht ein Loch im Boden, in dem ein kleines Holzkreuz steht, an dem Kunstblumen und eine US-Flagge befestigt sind. Darunter steht auf einem Messingschild der Name von William Lewis. Er war vierundzwanzig Jahre alt, als er starb.Im vergangenen Juli hat an dieser Stelle ein Bergungsteam vom Central Identification Laboratory Hawaii (CILHI) der US-Army nach den Überresten des Lieutenants gesucht. Weltweit hat die CILHI achtzehn solcher Teams im Einsatz, um die Skelette amerikanischer Soldaten aus vergangenen Kriegen zu bergen und nach Hawaii zu schaffen. Dort wird versucht, die Knochen mit aufwändigen DNA-Analysen zu identifizieren, um sie anschließend auf dem Heldenfriedhof von Arlington beizusetzen. Matthias Leich trägt ein Basecap mit dem Logo der CILHI. Es ist ein Dankeschön der Amerikaner für Leichs Unterstützung, denn er hatte das Team betreut und in das Waldstück geführt, wo Lewis vor achtundfünfzig Jahren abgestürzt war. Unterstützt von Freiwilligen aus der Gegend gruben die Spezialisten einen Monat lang mit Hacke und Spaten behutsam die Erde um und siebten jede Schaufel durch, um Zähne und Knochensplitter zu finden. Am Ende konnte das Team einige wenige Wirbel-, Rücken- und Fußknochen mit nach Hawaii nehmen. Eine schmale Ausbeute, aber die Männer von CILHI waren zufrieden. "Sie haben gesagt, wenn William Lewis jetzt noch identifiziert werden kann, dann war die ganze Aktion nicht umsonst", sagt Matthias Leich. Seit zwei Jahren sucht Leich in den Oberhofer Wäldern nach den im September 1944 abgestürzten Flugzeugen. Da ist noch einiges zu finden, denn große Teile der Gegend waren zu DDR-Zeiten Staatsjagdgebiet. Das Gelände war jahrzehntelang umzäunt und bewacht, niemand kam einfach so rein. Auch nach der Wende hat es sich un- ter den Militaria-Sammlern und -Händlern nicht sehr herumgesprochen, dass es um Oberhof herum etwas zu holen gibt.Matthias Leich ist froh darüber. "Das ist eine Mafia, die plündern nur das, was sich verkaufen lässt", sagt er. "Auch wenn sie Tote finden, interessiert sie daran nur die Ausrüstung, die Knochen schmeißen sie einfach weg." Er dagegen verkaufe nichts von dem, was er findet, obwohl er dafür von Sammlern viel Geld verlangen könnte, sagt er. Und er lege die Metallsplitter und Waffenreste, die er ausbuddelt, auch nicht zu Hause in die Schrankwand. Findet er Teile von den Maschinen oder den Waffen, dann arbeitet er sie auf und schafft sie ins tschechische Kovarska, in das dortige Museum, in dem er ehrenamtlich mitarbeitet. Das "Museum der Luftschlacht über dem Erzgebirge" in Kovarska dokumentiert anhand originaler Unterlagen und mit Leichs Fundstücken aus den Oberhofer Wäldern die Ereignisse vom September 1944. "Dort ordnen wir die Teile aus den Wäldern den jeweiligen Flugzeugen zu und der Crew, deren Namen wir aus den Dokumenten haben", erklärt er. "Da ist dann zum Beispiel ein Motorenteil, das ich gefunden habe, nicht irgendein Wrackstück, sondern gehört zum Flugzeug von Unteroffizier Johann Roth, geboren am 4. Dezember 1921, der bei der Luftschlacht ums Leben kam. Da hat Geschichte dann plötzlich einen Namen und für manche, die den Roth kannten, auch ein Gesicht."Und hat sie auch wieder richtige Helden für die alten und neuen Kameraden? "Nein", sagt Matthias Leich. "Natürlich pilgern auch Alt- und Jungnazis in das Museum, aber das kann man nicht verhindern." Er selbst hat mit diesen Leuten nichts zu tun und will es auch nicht. "Es geht hier doch nicht nur um Wehrmachtssoldaten oder Amerikaner und Briten, nicht um Gute und Böse. Indem wir die Flugzeugwracks und die Leichenteile dort draußen in den Wäldern nicht unbeachtet verrotten lassen, geben wir den Opfern und der Geschichte auch ihre Würde zurück", sagt er. Er erzählt von dem Besuch der Tochter des Lieutenant Lewis, Sharon Cross. Sie war im vergangenen Frühjahr nach Oberhof gekommen, und er hatte sie zur Absturzstelle ihres Vaters geführt. "Wenn Sie miterlebt hätten, wie die Frau an dieses Holzkreuz gegangen ist, dann würden Sie verstehen, was ich meine, wenn ich von der Würde der Toten rede", sagt er. Mit Ideologie oder Religion habe dies nichts zu tun. Es sei einfach eine Aufgabe, die erledigt werden muss. "Und ich mache das."Diese Sätze klingen wie eine Lebensmaxime. Und wenn Matthias Leich von seiner Arbeit und seinem Leben erzählt, das ihn nach Oberhof verschlagen hat, bestätigt sich dieser Eindruck. Etwa wenn er seine Arbeit im Thüringer Warenverteilzentrum des Otto-Versands beschreibt, wo er die Lieferfahrzeuge abfertigt und die Container für die einzelnen Regionen verteilt. Seit acht Jahren arbeitet er dort, pünktlich, gewissenhaft, zuverlässig. Zu spät gekommen sei er noch nie. Die drei Jahre davor habe er in Krefeld gearbeitet, auch dort beim Otto-Versand. Aus seiner Heimatstadt Naumburg im Osten sei er dort hingegangen, weil ihm sein Chef gesagt habe, er müsse Leute entlassen. "Ich sei doch jung und hätte eher eine Chance, woanders unterzukommen als die älteren Kollegen, meinte er", sagt Matthias Leich. "Das habe ich eingesehen und bin nach Krefeld gegangen."Als wir den Ort verlassen, an dem Lieutenant William Lewis vor sechs Jahrzehnten mit seiner Maschine abgestürzt ist, erzählt Matthias Leich von einem deutschen Flugzeugwrack, das er einige Kilometer entfernt gefunden hat. Er habe Teile der Bewaffnung und des Motors bergen können. Kürzlich nun stieß er bei seinen Grabungen auch auf ein Medaillon und mehrere Knochen. Sie gehören offensichtlich dem Piloten der Maschine, einem deutschen Unteroffizier, dessen Name auf einem der leeren Gräber auf dem Oberhofer Friedhof steht. "Wenn das ein Amerikaner wäre, käme CILHI sofort her. Aber die Deutschen kümmern sich nicht so sehr um solche Fälle", sagt Leich. Schon einmal habe er die Kriegsgräberfürsorge informiert, weil er Knochen gefunden hatte. "Die Antwort war: Grabt sie ein und stellt ein Kreuz drauf. Wegen einem kommen wir nicht."Leich will jetzt versuchen, die Überreste des Unteroffiziers in dessen Grab auf dem Oberhofer Friedhof beisetzen zu lassen. "Ich muss aber erst klären, ob das etwas kostet und woher ich das Geld dafür bekommen kann", sagt er. Aber eine Lösung werde er ganz sicher finden. "Ich kann den Mann doch nicht da draußen liegen lassen.""Wenn das Amerikaner wären, kämen die sofort her. Aber die Deutschen kümmern sich nicht so sehr um solche Fälle. " "Indem wir die Leichenteile nicht unbeachtet verrotten lassen, geben wir den Opfern ihre Würde zurück. " BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER Matthias Leich im Wald, neben sich die amerikanische Flagge. Hier fand er einen US-Piloten aus dem Zweiten Weltkrieg.
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