Museum Barberini

In Potsdam wird der zeitgenössische Maler Klaus Fußmann ausgestellt

Passend dazu werden auch Arbeiten von Max Beckmann gezeigt.

Ingeborg Ruthe
5 Min
Eine Szene aus dem Fußmann’schen Welttheater der späten Moderne: „Die Schindung des Marsyas“ mit abstürzendem Künstler und nacktem Wahrheitssucher, 1981, Öl  auf Leinwand.

Eine Szene aus dem Fußmann’schen Welttheater der späten Moderne: „Die Schindung des Marsyas“ mit abstürzendem Künstler und nacktem Wahrheitssucher, 1981, Öl  auf Leinwand.

© Klaus Fussmann/privatsammlungen und Recom Art Berlin/Privatsammlungen

Barberini heißt seit 2017 der neue Publikumsmagnet inmitten der Brandenburgischen Landeshauptstadt. Das Potsdamer Kunstmuseum befriedigt offensichtlich den wiedererwachten Hunger nach figürlichen Bildern, sprich, einer Kunst, in der die Betrachter sich wiederfinden und die etwas erzählt.

Wohl darum hat das Haus nahe der Havel-Promenade inzwischen nachweislich mehr Besucher als Park und Schloss Sanssouci zusammen. Die letztes Frühjahr eingeweihte Museums-Attraktion ließ der IT-Pionier, SAP-Gründer und Kunstsammler Hasso Plattner nach dem Vorbild des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Palais Barberini, erbaut im Jahr 1771/72, rekonstruieren. In direkter Nachbarschaft zum Stadtschloss, Nikolaikirche und Altem Rathaus entstand so Potsdams Alter Markt in altem Glanz.

Max Beckmann und Klaus Fußmann werden ausgestellt

Drei Ausstellungen pro Jahr mit Leihgaben aus internationalen Museen und Privatsammlungen auf 2200 Quadratmeter Ausstellungsfläche verbinden die von Plattner eingebrachte Sammlung des Hauses mit Werken aus DDR-Zeit und mit internationaler Kunst der frühen und der Nachkriegsmoderne bis zur Kunst nach 1989. In kurzen Abständen finden dazu Podien, Debatten, Symposien statt. Der Zugang ist vollständig barrierefrei, es gibt ein Café, ein Atelier für Kunstvermittlung, einen kleinen, feinen Museumsshop. Und einen agilen Besucherservices, auch für Schulen und Kindergärten.

Einsames Menschenkind vor der unberechenbaren Natur: „Hella K. als Gehende“, 1974. Klaus Fußmann bildet schon immer  meist Freunde und Verwandte ab. 

Einsames Menschenkind vor der unberechenbaren Natur: „Hella K. als Gehende“, 1974. Klaus Fußmann bildet schon immer  meist Freunde und Verwandte ab. 

© Klaus Fussmann/privatsammlungen und Recom Art Berlin/Privatsammlungen

Das jüngste Ausstellungsereignis an diesem Wochenende ist wieder ein Coup, gewidmet gleich zwei namhaften malenden „Männern“ der zurückliegenden wie der heutigen deutschen Kunstgeschichte. Thematisch gibt es unübersehbar Verbindungen, was erklärt, wieso Museumsgründer Hasso Plattner beider Bilder sammelt: Mal-Kommentare zum Zeit- und Weltgeschehen. In der ersten Etage des Museums sind 112 Werke des Mal-Genies des frühen 20. Jahrhunderts, Max Beckmann (1884-1950) ausgebreitet.

In Fußmanns' Werk ist etwas bedrohliches eingezogen

Und im den Sälen darunter hängen 39 Tafeln des in Berlin und in Schleswig-Holstein lebenden Landschafts- und Menschenmalers Klaus Fußmann. Er wird am 24. März achtzig Jahre alt und man sieht, obwohl im Stil ganz anders, die geistige und emotionale Wahlverwandtschaft zu Beckmanns neusachlich bis expressiv-melancholischem Welttheater.

Fußmanns gewohntermaßen in dick gesetzten Farben leuchtenden, das Leben, vor allem die Natur feiernden Blumenbilder und deutsche Landschaften, ob in flirrender Sommerhitze der Ostseeküste oder im eisklirrenden Winter der Mittelgebirge, haben in den letzten Jahrzehnten einen melancholischen Zug bekommen, ja, genaugenommen ist sogar ist etwas Beunruhigendes, Bedrohliches in die Bilder eingezogen. Man sieht keine „blühenden Landschaften, trotz strahlendblauer Himmel, zärtlicher Wolken überm Meer oder sanfter Abenddämmerung. Die Dargestellten sind oftmals Freunde, Verwandte, aber auch Märchenfiguren oder Helden antiker Sagen.

„Zeitsprung“ malte Fußmann 1983, da herrschte noch der  Kalte Krieg. Aber heute ist das so aktuell wie damals.

„Zeitsprung“ malte Fußmann 1983, da herrschte noch der  Kalte Krieg. Aber heute ist das so aktuell wie damals.

© Klaus Fussmann/privatsammlungen  Copyright Scan: Recom Art Berlin

Und manchmal sehen diese aus wie Soldaten, im Tarnanzügen, in einem Kampfgebiet, das sonst eher Idylle wäre: Wald, Strand, Wiesen, Felder. „Was hab’ ich bloß hier zu suchen?“, scheint sich der eine oder andere zu fragen. All das, auch die einsame Strandläuferin vor einer Wolkenwand über der See oder der Mann in einer Sandkuhle zwischen abgestorbenen Bäumen, sind lesbar als Metapher: Quo vadis? „Wohin gehst du?, Adam, wohin du, Eva? Was macht ihr Menschen mit Eurer Welt?“, fragt das Johannes-Evangelium.

Seit den 80er-Jahren blendet Fußmann sich in die Landschaft ein

Der vielbelesene und kunstgeschichtskundige Fußmann greift in etlichen Bildszenen sogar ins Vokabular der italienischen Commedia dell’ Arte, mit ratlosem, nackten Harlekin auf einer Waldlichtung, mit verzweifelt geigender Columbine, die zur Häutung des Marsyas aufspielt. Im Bild stürzt eine Gestalt mit Gemälde ab. Ein Selbstporträt?

Auf seinen in früheren Jahren noch mit romantischer Stimmung durchzogenen Natur der deutschen Landschaften befinden sich Gestalten, die Gesichter verzerrt, aber erkennbar. Doch sie gehen mit Strand, Wald, Feld keine harmonische Symbiose ein. Man erlebt die Motive eher als Bildstörungen, die eine fast dystopische Stimmung verbreiten: Schreckstarr liegt ein Mann mit roten Handschuhen vor Büschen am Strand, weil dicht über ihm ein Kampfflugzeug in die Urlaubs-Idylle dröhnt. Entstanden war das Bild in der Zeit des Kalten Krieges. Heute dringen die Katastrophenmeldungen per Fernsehen und Internet in unsere Wohnzimmer.

An anderer Stelle stürzt eine Figur an einem Fallschirm kopfüber auf den Sandstrand zu, Symbol des abstürzenden Ikarus. Und ein Mann läuft panisch weg aus der Szene, vielleicht ist es Sisyphos, der es satt hat, den Stein immer wieder nach oben zu rollen. Oder womöglich könnte es auch Prometheus sein, der das irdische Theater verlässt, derweil ein anderer Mann verstört – oder stoisch? – in den aus dem Wasser ragenden Fels hockt und sich an einen kahlen Baumast klammert, als müsse er sich damit verteidigen.

Ein tragischer Held aus der abendländischen Antike: „Abstürzender (Ikarus)“, gemalt 1987.

Ein tragischer Held aus der abendländischen Antike: „Abstürzender (Ikarus)“, gemalt 1987.

© Klaus Fußmann, Copyright Scan: Recom Art

Noch ein Selbstporträt? Seit den 80er-Jahren blendet Fußmann sich in die Landschaft ein. Er erscheint auf großen Spiegeln im Freien, verzerrt oft und manchmal wie eingefroren in einem Eisblock.

Die abwägende, differenzierende Art dieses Malers, der sich, wie einst schon Beckmann, nicht um Moden , gar Dogmen – realistisch oder abstrakt – schert, geht mit den aggressiven, zumindest aufgeregten Hervorbringungen der Moderne, gerade in ihrer Spätzeit, mit dem unsinnigen – westlichen – Verdikt des Figürlichen gelassen und souverän eigensinnig um. Seinen Bildern wie den oft dazu gelieferten klugen, philosophischen Gedanken fehlt gänzlich diese gewisse postmoderne Arroganz, mit der die Malerei des 20. Jahrhunderts pauschal abqualifiziert, gar für „tot“ erklärt wurde. Er steht zum „Geschauten“, zur Figürlichkeit, aber jede Art von Kunst ist für ihn auch eine gewisse Form der Abstraktion.

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