Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.
In einem zuerst am 25. April 2026 in der Berliner Zeitung erschienenen Open-Source-Beitrag argumentiert Bernd Matthes, dass die Verbrennung von Kunststoffen der effizientere Weg sei als das Recycling. Seine Kernthese: Recycling sei energieintensiv und liefere nur minderwertige Produkte, während die Verbrennung den hohen Energiegehalt optimal nutze. Die Argumentation klingt eingängig, hat jedoch einige Haken.
Was heißt hier eigentlich „effizient“?
Matthes verwendet den Begriff „effizient“, ohne ihn zu definieren. Gegen Ende seines Beitrags stellt er das energieaufwendige Recycling der energieliefernden Verbrennung gegenüber und erklärt die Verbrennung kurzerhand zur effizienteren Option. Damit verengt er den Begriff auf die reine Energiebilanz: Was kostet das Recycling, was bringt die Verbrennung? Außen vor bleiben entscheidende Dimensionen.
Zum einen die Ressourceneffizienz: Wie viel Rohstoff wird insgesamt benötigt, um eine Funktion dauerhaft bereitzustellen? Zum anderen die Treibhausgaseffizienz: Wie viele Treibhausgase entstehen pro bereitgestellter Funktion? Schließlich die Energieeffizienz: Wie viel Energie kostet die Bereitstellung einer Funktion?
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Die Ressourceneffizienz
Wer Kunststoff verbrennt, vernichtet den Rohstoff unwiederbringlich: Für jedes neue Produkt muss erneut Erdöl gefördert, transportiert und raffiniert werden. Recycling durchbricht diese Einbahnstraße: Aus dem Altmaterial entsteht ein sogenannter Sekundärrohstoff, der neue Produkte ohne neues Erdöl ermöglicht. Ein Kreislauf.
In dem Artikel von Matthes wird dieser Prozess grundsätzlich als defizitär dargestellt: Das Material werde mit jedem Zyklus schlechter. Für das einfache Einschmelzen von gemischten Kunststoffen (z. B. Gelber Sack) trifft dieses sogenannte Downcycling zu minderwertigeren Produkten tatsächlich oft zu. Dort wird in Zukunft das chemische Recycling wichtig werden. Aktuell jedoch ist chemisches Recycling oft noch zu energie- und kostenintensiv.
Doch dass es auch anders geht, zeigt eine Laborstudie, die industrielle Prozesse unter realen Bedingungen nachbildet. Die 2021 im Fachjournal Sustainability veröffentlichte Untersuchung verfolgte den Kreislauf von PET-Flaschen über elf aufeinanderfolgende Zyklen. Dabei blieb die Materialqualität stabil. Der Schlüssel dazu ist ein thermisches Verfahren, das die durch das Recycling verkürzten Kunststoffmoleküle nach jedem Zyklus wieder chemisch repariert und verlängert.
Natürlich wird dabei in der Praxis auch ein Teil neuer Kunststoff beigemischt, jedoch lassen sich rund 75 Prozent Erdöl einsparen, und das ist entscheidend. Zudem ist anzumerken, dass dieses Verfahren nur bei Polykondensaten wie PET, nicht bei den mengenmäßig dominierenden Polyolefinen (PE, PP), funktioniert. Der Vorteil des Recyclings hängt aber nicht an dieser Qualitätserhaltung, er bleibt, wie in den nächsten Abschnitten aufgezeigt wird, selbst dann bestehen, wenn Material downgecycelt wird.
Wie im Artikel richtig aufgezeigt, werden nur ca. fünf Prozent des geförderten Erdöls für Kunststoffe verwendet. Dabei wird aber übersehen, dass sich der Kunststoffverbrauch laut einer Studie der OECD von 2019 bis 2060 fast verdreifachen könnte. Außerdem prognostiziert die Internationale Energieagentur, dass Petrochemikalien, also vor allem Kunststoffe, den größten Anteil am Wachstum der globalen Ölnachfrage bis 2050 ausmachen werden. Jede Tonne Kunststoff, die im Kreislauf bleibt, statt verbrannt zu werden, ist damit eine Tonne, die nicht neu aus Erdöl hergestellt werden muss. Wer Ressourceneffizienz ernst nimmt, kommt am Recycling nicht vorbei.
Die Energieeffizienz
Der Artikel von Matthes betrachtet die Energiebilanz nur für einen einzigen Nutzungszyklus und rechnet den produzierten Strom und die Wärme der Müllverbrennung gegen den Aufwand des Recyclings auf. Das Bild ändert sich jedoch komplett, sobald man die Energie einrechnet, die die alternative Produktion von neuem Kunststoff aus Erdöl erfordern würde.
Die Neuproduktion verschlingt enorme Mengen an Energie. Das mechanische Recycling kommt laut einer Untersuchung des Öko-Instituts für das UBA demgegenüber mit deutlich weniger aus: Durch den Einsatz von recyceltem Kunststoff lassen sich zwischen 33 und 50 Prozent des gesamten Energiebedarfs gegenüber der Neuproduktion einsparen.
Wie hoch diese Einsparung im direkten Vergleich zur Müllverbrennung ausfällt, hängt laut dem EU-Bericht allerdings stark von der Reinheit des Abfalls ab: Bei sortenreinen Kunststoffen, wie PET-Flaschen, ist die Energieeinsparung massiv. Das Recycling spart hier bei sortenreinem PET rund fünfmal so viel fossile Energie ein, wie die Müllverbrennung durch Strom und Wärme an Gegenwert liefert.
Bei bestimmten, stark vermischten oder verunreinigten Verpackungsfolien schmilzt dieser Vorteil jedoch. Hier ist das Sortieren, Waschen und Aufbereiten so aufwendig, dass die Energieeinsparung des Recyclings in etwa auf dem gleichen Niveau liegt wie die Energie, die eine Verbrennungsanlage zurückliefert. Nimmt man jedoch das europäische Ziel der Klimaneutralität ernst, müsste man bei der Verbrennung von Plastik zukünftig das entstehende CO₂ im Schornstein aufwendig abscheiden. Dieser Prozess verschlechtert die Netto-Energieausbeute der Anlage durch einen hohen zusätzlichen Energiebedarf.
Energiegewinnung in der Plastikmüllverbrennungsanlage
© Joerg Boethling/Imago
Die Treibhausgaseffizienz
Im Beitrag von Matthes wird hervorgehoben, dass die Verbrennung „nahezu rückstandsfrei“ sei. In Bezug auf Asche und Schlacke mag das zutreffen. Allerdings ist Kohlendioxid (CO₂) mit Abstand der größte „Rückstand“, und der wird in seiner Argumentation völlig außen vor gelassen. Daten des Umweltbundesamtes (UBA) veranschaulichen das Problem: Bei der thermischen Verwertung von einem Kilogramm Kunststoff entstehen durchschnittlich 2,5 Kilogramm klimaschädliche Treibhausgase.
Im Gegensatz dazu entlastet das mechanische Recycling das Klima in vielen Fällen massiv. Wie hoch diese Entlastung ausfällt, hängt laut einem aktuellen Bericht der EU-Kommission jedoch vom jeweiligen Abfall ab: Bei gut recycelbaren Hartkunststoffen, etwa aus Elektroschrott, spart das Recycling im Vergleich zur Verbrennung 1700 bis 2600 Kilogramm CO₂ pro Tonne ein.
Bei schwer trennbaren Mischkunststoffen aus dem Gelben Sack (wie dünnen Verpackungsfolien) ist die Bilanz bescheidener, aber immer noch positiv: Trotz des hohen Aufwands beim Sortieren und Waschen spart das mechanische Recycling hier gegenüber der Verbrennung noch rund 150 bis 465 Kilogramm CO₂ pro Tonne ein.
Und selbst wenn diese Mischkunststoffe so stark verunreinigt sind, dass sie nur noch über energieintensive chemische Verfahren wie die Pyrolyse recycelt werden können, bleibt laut der EU-Studie ein Klimavorteil bestehen. Zwar verursacht das chemische Recycling durch seinen hohen Energiebedarf selbst hohe CO₂-Emissionen. Da aus dem Material jedoch wieder Kunststoff gewonnen wird und so die Produktion von neuem Plastik aus Erdöl wegfällt, ist die Bilanz unterm Strich immer noch besser, als wenn der Müll in der Verbrennung direkt in die Atmosphäre gejagt würde.
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Die aktuellen Herausforderungen des Kunststoffrecyclings
Wenn jetzt die Energieeffizienz, Ressourceneffizienz und die Treibhausgaseffizienz beim Recycling besser sind als beim Verbrennen, warum gehen dann Recycler trotzdem „reihenweise“ in die Insolvenz?
Diese Frage ist berechtigt, denn die Recyclingbranche steckt in einer tiefen Strukturkrise. Allein bis Ende 2025 brachen europaweit Recyclingkapazitäten von fast einer Million Jahrestonnen durch Insolvenzen und Schließungen weg, eine Verdreifachung gegenüber 2023. Die Ursachen liegen in den wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen:
Niedrige Ölpreise und globale Überkapazitäten in der Petrochemie machen neuen Kunststoff billiger als Rezyklat. Gleichzeitig überschwemmen billige, teils nicht normgerechte Rezyklate aus Drittstaaten den europäischen Markt. Die Energiekosten in Deutschland sind im internationalen Vergleich hoch, doch Kunststoffrecycler werden beim Industriestrompreis bislang kaum berücksichtigt, anders als Stahl oder Chemie. Es fehlt an verbindlichen Rezyklateinsatzquoten. Von den knapp 13 Millionen Tonnen Kunststoff, die in Deutschland verarbeitet werden, bestehen nur rund 1,9 Millionen Tonnen aus Rezyklat.
Viele Hersteller greifen trotz politischer Appelle weiterhin zur günstigeren Neuware. Zu viele Produkte werden nicht recyclingfähig gestaltet. Mischkunststoffe, Verbundmaterialien und mehrschichtige Verpackungen lassen sich mechanisch kaum hochwertig aufbereiten. Konsequentes „Design for Recycling“ ist nach wie vor die Ausnahme. Die Recyclingquoten sind zu niedrig. In Deutschland wurden 2023 nur ca. 52 Prozent der Kunststoffverpackungsabfälle stofflich recycelt, der Rest wurde verbrannt. Im Bau, in der Automobilbranche oder bei Elektrogeräten sieht es noch schlechter aus.
Mehr zu verbrennen, ist keine Lösung, es ist der Status quo. Die Daten sind klar: Recycling spart Ressourcen, senkt Emissionen und verbraucht meist weniger Energie. Was fehlt, ist der politische Rahmen: verbindliche Rezyklateinsatzquoten, faire Importkontrollen, Entlastung bei den Energiekosten und konsequente Vorgaben für recyclinggerechtes Produktdesign. Die europäische Recyclingindustrie steht am Scheideweg. Wenn jetzt Kapazitäten verloren gehen, fehlen sie, sobald neue EU-Recyclingquoten ab 2030 greifen. Wer es mit der Kreislaufwirtschaft ernst meint, muss das Recycling von Kunststoffen stärken. Doch was noch besser ist als Recycling, ist die Vermeidung und Wiederbenutzung von Kunststoffprodukten und Verpackungen.
Moritz Tackenberg studiert aktuell Umwelt- und Verfahrenstechnik in Augsburg und engagiert sich privat für Klimaschutz, z. B. im Rahmen der Jungen Klimakonferenz Deutschland (LCOY).
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
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