Berlin - Die Frau ertastete Knoten in der Brust, doch ihre Ärztin unterließ es, eine Mammografie vorzunehmen. Der Patient hatte sich das Schlüsselbein gebrochen, aber die vom Chirurgen eingesetzte Metallplatte war zu kurz, so dass eine zweite Operation nötig war. Ein Orthopäde wollte ein Betäubungsmittel neben die Wirbelsäule spritzen, verletzte dabei aber die Lunge, was zu erheblichen Atembeschwerden führte. Alles eindeutige Behandlungsfehler, die der Medizinische Dienst der gesetzlichen Krankenkassen (MDK) im Auftrag von Patienten im vergangenen Jahr ermittelt hat. Die Zahl der berechtigten Beschwerden hat dabei im Vergleich zum Vorjahr leicht zugenommen.
Nachweis oft schwierig
14 663 Mal haben sich Patienten im vergangenen Jahr an den MDK mit der Bitte gewandt, die Akten von Behandlungen oder Eingriffen auf Fehler zu überprüfen. Das ist gegenüber 2013 ein leichter Anstieg. In einem Viertel der Fälle (3796) stellten die MDK-Gutachter fest, dass den Ärzten tatsächlich ein Behandlungsfehler unterlaufen war. Einen Anspruch auf Entschädigung gab es jedoch nur in einem Fünftel aller Beschwerdefälle. Denn ein Schadensersatzanspruch besteht nur, wenn der Zusammenhang zwischen dem nachgewiesenen Fehler und dem eingetretenen Schaden, die sogenannte Kausalität, eindeutig nachgewiesen wird. Das ist jedoch häufig sehr schwierig.
„Die Zahl der begutachteten Behandlungsfehlervorwürfe ist anhaltend hoch, insofern können wir als Medizinischer Dienst keine Entwarnung geben“, sagte MDK-Vizechef Stefan Gronemeyer bei der Vorstellung der aktuellen Statistik am Mittwoch in Berlin. Nach seinen Angaben stieg die Zahl der Fälle, bei denen es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Fehler und Schaden gab, von 17,4 auf jetzt 20,3 Prozent.
Gronemeyer warnte allerdings davor, aus den Zahlen Rückschlüsse über die Behandlungsqualität zu ziehen. Tatsächlich beschrieben die Zahlen des MDK nur einen Teil der Wirklichkeit. Viele Patienten nutzen für Beschwerden die Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen der Ärztekammern. Sie überprüfen im Jahr ungefähr 10 000 Beschwerden und kommen dabei auf eine ähnliche Fehlerquote wie der MDK. Darüber hinaus gibt es eine hohe Dunkelziffer an unentdeckten Kunstfehlern. Denn die wenigsten Patienten können unterscheiden, ob es sich bei Problemen um eine hinzunehmende Komplikation oder um Ärztepfusch handelt.
Quote in der Pflege am höchsten
„Uns geht es um einen offenen Umgang mit Fehlern, damit sie in Zukunft vermieden werden können“, sagte Gronemeyer. Zwei Drittel aller Kunstfehler betrafen Behandlungen in Krankenhäusern, ein Drittel der Vorwürfe richtete sich gegen niedergelassene Ärzte. Bei den meisten Fällen ging es um chirurgische Eingriffe. Spitzenreiter waren Knie- und Hüft-OPs. Die höchste Quote an bestätigten Behandlungsfehlern findet sich jedoch nicht in der Chirurgie, sondern in der Pflege: In fast 60 Prozent der erfassten 600 Fälle wurde ein Fehler bestätigt. Viel falsch gemacht wird in der Pflege zum Beispiel bei der Lagerung von Patienten. Oft kommt es hier zu Druckgeschwüren (Dekubitus), die nur schwer wieder heilen.
Hohe Fehlerquoten ermittelten die Gutachter auch in der Zahnmedizin. Fast 40 Prozent der untersuchten 1500 Behandlungen waren nicht korrekt ausgeführt. Erstmals konnte der MDK auch eine Statistik über sogenannte „Never Events“ vorlegen. Das sind definitionsgemäß Fehler, die nach menschlichen Ermessen nie hätten passieren dürfen. Dazu zählen etwa das Vergessen von Operationsbesteck, Schläuchen oder Tupfern im Körper des Patienten (2014: 34 Fälle), Operationen am falschen Körperteil (25 Fälle) und der Tod oder ein schwerer Schaden durch Medikationsfehler (falsches Medikament, falsche Dosis, falscher Zeitpunkt: neun Fälle). In einem Fall wurde sogar der komplett falsche Patient operiert.
„Wir brauchen eine neue Sicherheitskultur. Fehler müssen systematisch analysiert werden, damit sie in Zukunft vermieden werden können“, forderte MDK-Vizechef Gronemeyer. Sein Kollege Max Skorning, zuständig für die Patientensicherheit, betonte, „Never Events“ sagten beispielsweise nichts über das individuelle Versagen Einzelner aus. Vielmehr zeigten sie systematische Probleme im Behandlungsablauf auf. „Aus jedem Fehler muss gelernt werden“, so Skorning. Oft sei es sehr leicht, Fehler zu vermeiden: Damit verhindert wird, das ein Patient an der falschen Seite operiert werde, sollte die richtige Operationsstelle einfach mit einem Filzstift markiert werden.
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