In der Adler-Arena, wo die olympischen Eisschnelllauf-Wettbewerbe ausgetragen werden, hängt eine schwarze Digitaluhr an der Wand. Sie zeigt untereinander in roten Zahlen die Zeiten von vier in dem Sport relevanten Städten an: Oben steht Sotschi, darunter Heerenveen in den Niederlanden, Calgary in Kanada und Nagano in Japan. Berlin, wo regelmäßig Weltcups stattfinden, Inzell, oder irgendeine deutsche Stadt fehlen. Die Uhr spiegelt die Hierarchie des Kufensports relativ exakt wieder.
Das 3000-Meter-Rennen der Frauen lieferte dafür weitere hinreichende Nachweise. Deutschlands derzeit beste Läuferin, die Berlinerin Claudia Pechstein, wirkte nach ihrem Lauf im viertletzten Paar gegen die Norwegerin Ida Njaatun heftig entkräftet, als sie nach 4:05,26 Minuten über die Ziellinie rauschte. Die Zeit reichte nicht, um an der bis dahin führenden Russin Olga Graf vorbeizuziehen. Da dämmerte Pechstein, dass ihr Medaillenschicksal für dieses Rennen besiegelt sein würde, weil nach ihr erst die Favoritinnen Martina Sablikova aus Tschechien und die Niederländerin Ireen Wüst an den Start gingen. Beide schoben sich vor Graf, Wüst holte sich Gold.
Pechstein hatte sich zuvor erschöpft auf eine Bank gelegt. Dann zog sie ihren Trainingsanzug über und verschwand aus dem Innenraum. Angesichts der Hektik wirkte es fast wie eine Flucht. Sie blieb auch nicht bei den Medienvertretern stehen, um erklärende Sätze zu ihrer Vorstellung zu hinterlassen. Und selbst als sie zurückkam, um das nachzuholen, hatte sie noch nicht genug Fassung gesammelt, um die Tränen der Enttäuschung unter Kontrolle zu halten.
„Es gleitet nicht so richtig“
„Gebt uns noch zwei Minuten“, bat ihr Lebensgefährte Mathias Große, der Pechstein von der Tribüne lautstark angetrieben hatte. Als Pechstein dann wieder zurückkehrte, mühte sie sich, so gefasst wie möglich zu wirken. „Ich bin nicht ganz zufrieden mit dem vierten Platz. Das ist die Holzmedaille bei Olympischen Spielen“, sagte sie, „ich bin selbst auch nicht so zufrieden mit meinen Geraden, die ich gelaufen bin. Da kam ich von Anfang an nicht so in den Rhythmus. Das ist am Ende das Enttäuschende, dass ich da im Wettkampf nicht so umsetzen konnte, was ich im Training geschafft habe.“
Pechstein weiß, dass ihr die Zeit davonläuft. Die zwei Jahre ihrer Dopingsperre durch den Eisschnelllauf-Weltverband (ISU) lassen sich nicht zurückholen. Am 26. Februar wollen sich die Münchner Richter in ihrem Schadensersatzprozess gegen die Föderation das nächste Mal äußern. Nachdem Pechstein in allen Instanzen vergeblich um die Aufhebung ihrer Sperre gekämpft hat, gilt es als relativ unwahrscheinlich, dass das Gericht ihrer Forderung nach etwa vier Millionen Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld recht gibt.
Sportlich können ihr die jüngeren Läuferinnen zwar in Deutschland nach wie vor nicht das Wasser reichen – die Berlinerin Bente Kraus lief gestern auf Platz elf, Stephanie Beckert, in Vancouver noch Silbermedaillengewinnerin, landete nur auf Rang 17 – doch international gestalten sich Erfolge längst schwieriger. „Olga Graf hat hier den Lauf ihres Lebens gemacht. Den versuch’ ich dann bei den 5 000 Metern zu machen, und dann sieht die Welt vielleicht schon wieder ganz anders aus“, sagte Pechstein. „Natürlich brauche ich mich nicht zu verstecken mit meinen 41 Jahren und Platz vier.“
Eis ist eine komplizierte Angelegenheit
Sie haderte mit der Beschaffenheit der Lauf-Oberfläche in der Halle. Eis ist eine komplizierte Angelegenheit. Was für den Laien schwer verständlich zu sein scheint, beeinflusst die Leistung des Eisschnellläufers sehr. Faktoren wie Eishärte, Eistemperatur oder Luftfeuchtigkeit lassen die Gleittauglichkeit erheblich variieren. „Im Training war das Eis eigentlich jeden Tag ein bisschen anders. Es gleitet nicht so richtig, man muss damit umgehen können“, sagte der Teamchef der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft, Helge Jasch, „Claudias Lauf war bis zur vierten Runde normal, danach war es technisch ein bisschen problematisch vor allem auf den Geraden. Und das hat dann auch ein bisschen die Rundenzeiten hochgetrieben und die paar Sekunden gekostet, die am Ende gefehlt haben.“
Pechsteins Kollegin Kraus hat auch „tendenziell gemerkt“, dass sie mit den acht Schritten, mit denen sie sonst über die Gerade laufe, selten hinkam: „Man musste immer wieder noch ’nen Schub geben, um nicht drei, vier Zehntel zu verlieren jede Runde. Das zeigt, dass es nicht so gleitfähig ist, wie man es sich erhofft.“ Allerdings hat auch Kraus bei der Russin Graf oder der Niederländerin Wüst gesehen, dass nicht allen Läuferinnen der Effekt gleichermaßen zu schaffen machte. Am Schluss hat sie Pechstein noch Mut gemacht: „Das ist das gelungene Sprungbrett für sie, über 5 000 Meter zu zeigen, was sie kann.“
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