Medizin-Comics

Nah am Patienten

Mediziner der Charité haben eine sehr anschauliche Form der Aufklärung entwickelt.

Gisela Gross
5 Min
Bilder aus dem Aufklärungs-Comic zur Herzkatheter-Untersuchung, entwickelt von Kardiologen der Berliner Charité.

Bilder aus dem Aufklärungs-Comic zur Herzkatheter-Untersuchung, entwickelt von Kardiologen der Berliner Charité.

© Brand/Gao/Hamann/Martineck/Stangl/Charité Berlin

„Koronarangiografie“, „Ballondilatation“, „arterieller Katheter“ – das sind Begriffe, mit denen viele Ärzte täglich zu tun haben. Sie stehen auch im Aufklärungsbogen für Patienten, die eine Linksherzkatheter-Untersuchung vor sich haben. Doch viele verstehen nicht, was gemeint ist. Denn die wenigsten haben ein Medizinstudium hinter sich. Und nur ein Teil der Patienten gibt die Begriffe zur Übersetzung ins Internet ein. Die Charité will ihre Patienten mit einer neuen Maßnahme besser informieren.

Mediziner der Charité Universitätsmedizin Berlin haben aus diesem Grund eine sehr anschauliche Form der Aufklärung entwickelt. Mit einem etwa 20-seitigen Comic informieren sie die Patienten über die Abläufe und Risiken dieses Routineeingriffs, ohne zu verharmlosen. In der Broschüre wird in Wort und Bild erklärt, wie die Herzkranzgefäße untersucht werden und wie sich der Patient danach verhalten sollte. Eine frühere Studie hatte gezeigt, dass viele Patienten trotz Aufklärung das Prinzip der Herzkatheteruntersuchung nicht vollständig erfassten und somit falsche Vorstellungen hatten.

Trotz der farbigen Illustrationen und der einfachen Sprache wirkt die Darstellung nicht simpel. Das Heft erinnert eher an sogenannte Graphic Novels – ins Comicformat übertragene Romane, meist für erwachsene Leser. Der Patient wird mit seinen Fragen, Sorgen und Ängsten ernst genommen, was im Medizinbetrieb viel zu selten geschieht. „Der Comic soll natürlich nicht das persönliche Gespräch mit dem Patienten ersetzen“, sagte die Kardiologin Verena Stangl, die den Medizin-Comic an der Charité mit einem Team entwickelte. Ihren Erfahrungen zufolge kommen dem Patienten die Nachfragen jedoch manchmal erst, wenn der Arzt gerade zur Tür hinaus ist. Ein Comic besitzt auch den Vorteil, dass der Patient die Geschwindigkeit beim Erfassen des Inhalts bestimmen kann.

Mehr Wissen und weniger Angst

Am Anfang gab es auch Unsicherheiten: Würden sich nicht manche Patienten veralbert fühlen, wenn man ihnen einen Comic in die Hand drückt? Die Rückmeldungen seien aber positiv gewesen, sagte Stangl. Eine kürzlich publizierte Studie mit Daten von rund 120 Patienten zeigte: Probanden, die die Bildergeschichte bekamen, hatten weniger Angst vor dem Eingriff und konnten mehr Fragen dazu richtig beantworten als Teilnehmer, die nur die Standard-Aufklärung mit Gespräch und Infobogen erhielten. Auch war die Comic-Gruppe laut der im Fachblatt Annals of Internal Medicine veröffentlichten Studie zufriedener mit der Aufklärung. Wie Stangl ankündigte, sollen auch für andere kardiologische Eingriffe Comics erarbeitet werden. Die Version zur Herzkatheteruntersuchung wolle die Uniklinik standardmäßig einsetzen. Auch andere Kliniken hätten Interesse signalisiert, so die Medizinerin.

Bisher ist von Patienten oft Eigeninitiative gefragt, wenn sie etwas nicht verstanden haben. Man kann zum Beispiel auf Internetseiten von Selbsthilfegruppen oder Stiftungen verständlich aufbereitete Angaben finden. Es gibt sogar „Diagnosen-Dolmetscher“ und Übersetzer für Arztbriefe. Aber viele ältere Patienten nutzen kein Internet. Außerdem muss man auch im Medizinbetrieb berücksichtigen, dass Menschen unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen haben. Erst in der vergangenen Woche regten Krebsforscher auf einer Konferenz in Berlin an, auch für die Aufklärung über das Thema Krebs und wichtige Präventionsmaßnahmen anschauliche Formen zu finden. Etwa zu Fragen wie: Welche Vorzüge hat eine Darmspiegelung? Wie bereitet man sich vor? Was passiert dabei und welche Risiken gibt es?

Das Gespräch ist nicht zu ersetzen

Ansätze wie ein Comic seien „prima“, wenn es im Gespräch gelinge, eine Brücke zu schlagen von den allgemeinen Infos hin zum Einzelfall, sagte Ansgar Jonietz vom Internetportal washabich.de. Auf der Internetseite können Patienten Arztbefunde kostenfrei von Medizinstudenten in verständliches Deutsch übersetzen lassen. Außerdem werden Kommunikationskurse für angehende Mediziner angeboten.

Es sei generell wichtig, dass Patienten nach einem Arzt-Gespräch etwas Schriftliches in die Hand bekommen, das sie zu Hause nachlesen können, sagte Jonietz. Beim Arzt seien Patienten manchmal aufgeregt, hinzu kämen Ängste und Sorge. Frage später die Familie nach, was der Arzt gesagt habe, könne es schwer fallen, die Einschätzung wiederzugeben.

Im Medizinstudium habe Kommunikation lange keine Rolle gespielt, sagte Jonietz, und auch heute sei der Anteil noch zu gering. Manchen Ärzten sei gar nicht bewusst, dass ihr Sprachgebrauch nicht allgemeinverständlich ist. In den Kursen gehe es um das Vokabular und das Vermitteln komplexer Sachverhalte.

„Wenn der Patient nicht versteht, was mit ihm passiert, ist er auch nicht bereit mitzuarbeiten“, sagte Jörg-Andreas Rüggeberg vom Berufsverband der Deutschen Chirurgen. Er ist aber etwas skeptisch, was Medizin-Comics im Allgemeinen anbelangt: Schriftliche Maßnahmen seien immer standardisiert, wichtiger sei es, im Gespräch auf den einzelnen Patienten einzugehen. „Das ist der Schlüssel.“ Nach Rüggebergs Erfahrung hat die Wissbegierde von Patienten ohnehin auch Grenzen, etwa wenn es um technische Details von Operationen geht. „Manche sagen, sie wollen es lieber gar nicht so genau wissen.“

„Wir müssen alles tun, um falsche Angespanntheit zu vermeiden, aber die persönliche Aufklärung ist nicht zu ersetzen“, sagte der Vorstandschef der Deutschen Herzstiftung, Dietrich Andresen. Als Kardiologe verdeutliche er Patienten die Abläufe einer OP jedes Mal aufs Neue, zum Beispiel mit Zeichnungen auf Papier, und er versuche auch sprachlich, sich auf sein Gegenüber einzulassen – etwa mit Begriffen aus dessen Berufsfeld, ergänzend zur Fachsprache. Diese Zeit müssten sich Ärzte auch im Klinikalltag nehmen. (dpa, BLZ)

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