Der Meeresspiegel an den Küsten der Welt liegt im Schnitt rund 30 Zentimeter höher als in den meisten wissenschaftlichen Gefahrenanalysen angenommen. Das ist das zentrale Ergebnis einer am Mittwoch im Fachjournal Nature veröffentlichten Studie der Universität Padua und der Universität Wageningen. Die Abweichung könnte dazu führen, dass bei einem Meeresspiegelanstieg von einem Meter bis zu 37 Prozent mehr Landfläche überflutet wird und 77 bis 132 Millionen Menschen zusätzlich betroffen wären.
Die Forschenden Katharina Seeger (Universität Padua) und Philip Minderhoud (Universität Wageningen) werteten 385 begutachtete Studien der vergangenen 15 Jahre aus. Ihr Ergebnis: Mehr als 99 Prozent der untersuchten Arbeiten verknüpften Meeres- und Landhöhendaten fehlerhaft. Rund 90 Prozent stützten sich auf sogenannte Geoidmodelle – mathematische Darstellungen des Erdgravitationsfeldes –, statt tatsächlich gemessene Wasserstände heranzuziehen.
Das Problem liegt laut Minderhoud in einem „methodischen blinden Fleck“, wie NBC News den Forscher zitiert: Geoidmodelle berücksichtigen keine realen Einflussfaktoren wie Gezeiten, Winde, Meeresströmungen, Temperatur oder Phänomene wie El Niño. Dort, wo Meer auf Land trifft, entstehen dadurch teils erhebliche Abweichungen. Im indo-pazifischen Raum kann der gemessene Meeresspiegel mehr als einen Meter über dem im Modell angenommenen Wert liegen, so die Studie.
Risiko für Überflutungen deutlich höher
Besonders betroffen sind Regionen im Globalen Süden, in Südostasien und im Pazifik – also Gebiete, in denen bereits jetzt die meisten Menschen durch steigende Meeresspiegel gefährdet sind. Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der nicht an der Studie beteiligt war, bestätigte laut der Nachrichtenagentur AP die Tragweite: Das Risiko extremer Überflutungen sei für viele Menschen deutlich höher als bislang gedacht.
Matt Palmer von der Universität Bristol bezeichnete die Ergebnisse als Beleg dafür, dass die Auswirkungen steigender Meeresspiegel „systematisch unterschätzt“ worden seien. Jonathan Bamber, Direktor des Bristol Glaciology Centre, zeigte sich nach eigener Aussage „aufrichtig überrascht“. Er betonte allerdings, dass die Studie nicht die Prognosen über den künftigen Anstieg selbst verändere, sondern die Ausgangsbasis korrigiere.
Auch kritische Stimmen
Nicht alle Fachleute teilen diese Einschätzung vollständig. Gonéri Le Cozannet vom französischen geologischen Dienst sagte, die Autoren übertrieben die Auswirkungen auf Risikostudien etwas – das Problem sei grundsätzlich bekannt, wenngleich die Methodik verbesserungsfähig sei. Robert Kopp von der Rutgers University ergänzte, dass lokale Planer ihre Küstensituation in der Regel kennen und entsprechend handeln.
Die Studienautoren fordern eine Neubewertung bestehender Küstenrisikoanalysen und bessere Standards in der Forschung – mit möglichen Konsequenzen für politische Entscheidungsträger, Klimafinanzierung und Küstenanpassung.
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