Mehr als Karl Marx: Chemnitz und sein kulturelles Erbe

Das sächsische Chemnitz wird gern unterschätzt. Dabei hat die Stadt einiges zu bieten – und wurde sogar zur Kulturhauptstadt Europas gekrönt.

Dirk Engelhardt
7 Min
Das Karl-Marx-Denkmal an der Straße der Nationen in Chemnitz.

Das Karl-Marx-Denkmal an der Straße der Nationen in Chemnitz.

© Schöning/imago

In Reiseführern wird Chemnitz oft mit Worten wie „Chemnitz ist keine Liebe auf den ersten Blick“ oder ähnlichen Worthülsen beschrieben. Besucher sollen vorgewarnt werden, dass sie keine reizende Altstadt wie in Görlitz und keine Kulturstadt wie Berlin erwartet. Wenn man dann noch in Betracht zieht, dass Chemnitz im Zweiten Weltkrieg zu 85 Prozent zerstört wurde, kann man ahnen, dass die touristische Vermarktung der Stadt keine leichte Sache ist.

Trotzdem hat Chemnitz den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 erreicht. Das will ja etwas heißen, und es lohnt durchaus, sich die Stadt etwas näher anzusehen. Besucher erinnern sich meist als Erstes an den riesigen Kopf von Karl Marx, der der Stadt eine Zeit lang seinen Namen Karl-Marx-Stadt gab. Der 40 Tonnen schwere Kopf aus Bronze zählt zu den größten Porträtbüsten der Welt, immerhin ist er über sieben Meter hoch. Als der Kopf 1971 feierlich enthüllt wurde, nahmen 250.000 DDR-Bürger an den Feierlichkeiten teil, sogar der Urenkel von Karl Marx war mit dabei. Karl Marx selbst war nie in Chemnitz, deshalb war der Name irgendwie immer schon aufgesetzt.

Ähnlich wie Eisenhüttenstadt war Karl-Marx-Stadt als sozialistische Musterstadt geplant. Die breiten Alleen und die Vorzeige-Plattenbauten in der Innenstadt erinnern daran. Zeugnisse aus der Vorkriegsära sind eher rar gesät. Dazu zählt das Kaufhaus Schocken am Stefan-Heym-Platz, in dem heute das Staatliche Museum für Archäologie seinen Sitz hat. Erbaut wurde es in den 20er-Jahren von Erich Mendelsohn; prägnant ist die Fassade mit ihren horizontalen, halbrunden Fensterbändern, die wie ein Erker am Gebäude hängen. Der Stefan-Heym-Platz ist eigentlich gar kein Platz, sondern eine riesige, leere Fläche in der Innenstadt, die unwirtlich wirkt und Stadtplanern noch einige „kniffelig“e Planungsentwürfe abverlangt.

Das Kaufhaus Schocken in der DDR, heute das Staatliche Museum für Archäologie am Stefan-Heym-Platz.

Das Kaufhaus Schocken in der DDR, heute das Staatliche Museum für Archäologie am Stefan-Heym-Platz.

© Harry Härtel/imago

Betonwand am Theaterplatz

Nicht weit davon ist der Theaterplatz, der ohne einen einzigen Baum etwas trist und steinern wirkt. Der Theaterplatz liegt an der Straße der Nationen, an ihm haben das Städtische Theater, die Kunstsammlung Chemnitz, das Hotel Chemnitzer Hof und die Oper ihren Platz. Nach dem Mauerfall wurde er von Stadtplanern „aufgewertet“, wie es damals wahrscheinlich formuliert wurde. Jene Aufwertung bestand im Bau einer kleinen Arena aus Beton, die allerdings fast nie von Besuchern genutzt wird. Denn der Blick auf den Platz wird von einer frei stehenden Betonwand gestört, deren Sinn sich nicht erschließt. Und wer setzt sich gerne in eine Arena, um auf eine Betonwand zu blicken?

Im Stadtteil Rabenstein errichtete die DDR 1951 den ersten Kulturpalast der Republik. Er wurde nach sowjetischem Vorbild im Neoklassizismus errichtet und sollte der kulturellen Unterhaltung von Bergarbeitern dienen. Der Theatersaal fasste 950 Personen, außerdem gab es den Rosettensaal für Tanzveranstaltungen. Daneben entstand das Haus für Körperkultur mit Schwimmhalle und eine große Parkanlage. Aber vielleicht war das Projekt eine Nummer zu groß für Karl-Marx-Stadt, denn schon 1967 wurde der Kulturpalast schon wieder geschlossen; man sagt, der Betrieb sei zu teuer gewesen. Anschließend nutzte ihn das DDR-Fernsehen als Produktionsort.

Opernhaus und die St. Petrikirche am Theaterplatz

Opernhaus und die St. Petrikirche am Theaterplatz

© Sylvio Dittrich/imago

Lost places en masse

Die Liste der Industrieorte in Chemnitz, die leer stehen, ist lang. Da wäre die Zahnrad- und Dampfmaschinenfabrik Hermann Michaelis, die Knopffabrik Pelzod & Mäser, die Textima an der Limbacher Straße, VEB Fahrzeugelektrik auf dem Sonnenberg, die Nadel- und Platinenfabrik „NAPLAFA“, die Wanderer-Werke oder die VEB Fettchemie FEWA, die das legendäre Spülmittel „Fit“ produzierte.

Leer steht auch die ehemalige Auto-Union-Hauptverwaltung an der Scheffelstraße. Sie wurde 1936 erbaut, als die Automarken Audi, DKW, Horch und Wanderer zur Auto Union fusionierten. Bis 1997 fungierte der Bau als Klinik, seitdem steht er leer. Zwar gab es verschiedene Versuche von Investoren, dem Bau eine neue Nutzung zuzuführen, doch bisher scheiterten sie allesamt.

Markant durch seinen 63 Meter hohen Uhrenturm ist der Wirkbau, in den 20er-Jahren sogar Deutschlands größtes Werk für Textilmaschinen. Die Gesamtfläche von 42.000 Quadratmetern ist heute gut saniert, und immerhin 25.000 Quadratmeter sind vermietet. Die Fabrikgebäude sind in einer Backsteinbauweise erbaut, wie man sie auch in Berlin-Kreuzberg noch oft sieht, wobei es in Kreuzberg mehr Hinterhöfe gibt.

Ein Ort, auf den die Chemnitzer zu DDR-Zeiten sehr stolz waren, war der Busbahnhof. 1968 entstand in Karl-Marx-Stadt der modernste Busbahnhof der DDR. Er wurde als Experimentalbau der Deutschen Bauakademie errichtet, wobei die Bussteige mit glasfaserverstärkten Kunststoffschalen überdacht waren, die sich je nach Bedarf verschieben ließen. Auch hier steht Veränderung an: Für die Kulturhauptstadt soll der alte Busbahnhof schließen, und an der Dresdner Straße soll ein neuer entstehen.

Leer stehende Fabriken in Chemnitz.

Leer stehende Fabriken in Chemnitz.

© Arcaid Images/imago

Ein Projekt der Kulturhauptstadt sind die Garagenhöfe in Chemnitz, wie sie sich in jeder ostdeutschen Stadt befinden. Die Zahl kann nur geschätzt werden, sie bewegt sich zwischen 3000 und 30.000 Garagen und sie sind über die ganze Stadt verteilt. Zu DDR-Zeiten wurden sie gemeinschaftlich mit einfachen Mitteln gebaut und fungierten lange Zeit als Orte der sozialen Begegnung. Hier bastelte man am hellblauen Trabi oder polierte den rot glänzenden Wartburg. 110 Architekturstudenten aus München haben sich der Garagenhöfe angenommen, sie genau untersucht und anschließend kartografiert. Sie sollen für die Kulturhauptstadt als baukulturelles Erbe der Stadt sichtbar gemacht werden, um sie perspektivisch zu erhalten und eventuell auch die „Garagengemeinschaften“ zu stärken.

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Ein weiteres Projekt, das gerade im Entstehen ist, ist der Kulturstandort am ehemaligen CVAG Betriebshof an der Zwickauer Straße, ein altes Straßenbahndepot. Durch Umnutzung und Weiterentwicklung der vorhandenen Architektur soll hier ein bedeutungsvoller Kulturort entstehen. Immerhin förderte das Programm „Wachstum und nachhaltige Erneuerung“ diesen Umbau mit 1,6 Millionen Euro. Die Themen des neuen Kulturortes: Bildung, Ernährung, Mobilität und Digitales.

Zuletzt fanden dazu schon zahlreiche Workshops statt, bei denen Chemnitzer Bürger ihre Ideen einbringen konnten. Innovativ ist das „Schlafkonzert“ im September, bei dem man in Hängematten liegend unter dem Motto „Wir schaukeln das gemeinsam“ die Decke der Halle bewundern kann und gleichzeitig einem Konzert lauscht – oder einschläft.

Innovative Kunst stößt bei den Chemnitzern nicht immer auf Begeisterung. So versenkte der Konzeptkünstler Roman Signer einmal ein Auto im Schlossteich, einen Skoda. Nachts leuchtete das Auto, es sah aus, als ob gerade jemand in den Teich gefahren war. Da kamen dann Leute und warfen die Scheiben des Autos ein, die halbe Stadt war in Aufruhr.

Am Busbahnhof in Karl-Marx-Stadt, 1971.

Am Busbahnhof in Karl-Marx-Stadt, 1971.

© Wolfgang Schmidt/imago

„Die Bewerbung von Chemnitz setzt nicht von ungefähr auf das Machen, auf den kreativen Prozess“, sagt Stefan Schmidke, der die Planung der Kulturhauptstadt leitet. „Vor allem in Osteuropa hat die Brutalität und Geschwindigkeit des Wandels in den letzten 30 Jahren viele Verletzungen hinterlassen, die im Verborgenen nachwirken. So haben sich unzählige Menschen aus der politischen Debatte zurückgezogen.“

Das ist der Grund, warum man in Chemnitz die Europäische Werkstatt für Kultur und Demokratie in der Hartmann-Fabrik zum Zentrum des Programms machte. Die Europäische Kommission hatte letztes Jahr noch gefordert, dass Chemnitz den Umgang mit Karl Marx überdenken sollte, die Folgen des Kommunismus würden zu wenig thematisiert, hieß es.

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