Mein Bild der Woche

Der ganz alltägliche Horror

Alles hängt irgendwie mit allem zusammen. Nicht nur im Kosmos, auch im ganz normalen Alltag. Das ist die wichtigste Botschaft in den „Bildsystemen“ des englischen Malers Stephen Willats.

Ingeborg Ruthe
4 Min
"Code Breaker From Mothercare"

"Code Breaker From Mothercare"

© Stephen Willats Lizenz

„Code Breaker From Mothercare“ nennt Willats eine dreiteilige Serie von 1988/89 in Pink, Schwefelgrün und Tiefblau. Koordinierende Bezüglichkeiten werden durch strenge schwarze Linien bezeichnet, die Zeichen stehen für bestimmte Tätigkeiten und Verhaltensmuster: Die Mutter stillt und wiegt das Baby.

Für Willats bedeutet dieses Zeichen Natürlichkeit. Ein Schreibblock steht für eine Checkliste, ein Rechencomputer für Werte, eine Tackermaschine für Teuerung und eine Erwachsenenhand mit Babyhändchen bedeutet Beruhigung. Weitere Hinweis- und Warnschilder besagen: Es geht um Zufriedenheit, um Hilfestellung und den Verzicht auf riskante Tests.

Ironischer Blick auf Alltäglichkeiten

Die Bezeichnungen auf den beiden anderen Bildtafeln wirken teils ziemlich ironisch, da geht es ums Shoppen und den Genuss, der sich dabei einstellt oder auch nicht – für eine gestresste Mutter. Und dann sind da Zeichen und Signets, die vom Kochen übers Bügeln bis zum Traum vom Reisen in dem sarkastischen Statement münden „Die besten Jahre Deines Lebens“. Damit ist klar, Stephen Willats, geboren in London 1943 und damit längst im Großvater-Alter, weiß, was der Alltag einer arbeitenden Mutter abverlangt. Allein an multitaskem Kommunikationsvermögen, Organisationstalent, Netzwerken.

Dass jemand diese banalen Alltäglichkeiten so schön ironisch, zugleich tiefernst und fürsorglich in die Konzeptkunst erhebt, ist allerdings nicht alltäglich, aber eben typisch Willats. Die verschiedenen Alltagssysteme, die soziale Interaktion, die Lebens-Verhältnisse, die Bezüge, auch Abhängigkeiten der Menschen untereinander – beruflich wie privat – interessieren ihn seit Langem wie kaum etwas anderes. Und er untersucht mit anhaltender Neugier den Spielraum zwischen selbstbestimmtem Handeln innerhalb der von Normierungszwängen geprägten modernen Gesellschaft.

Enttäuscht von der Selbstbezüglichkeit, dem Narzissmus und der Kommerzialisierung der Londoner Subkultur in den 1980er-Jahren, der er sich lange zugehörig gefühlt hat, wandte Willats sich dem „Alltäglich-Normalen“ zu.

Simple „Geheimsprache“

Modernistische Wohnblocks am Stadtrand, immer offener werdende Familienstrukturen, die radikale Veränderung der Arbeitswelt – das sind die Dinge, die mehr und mehr Eingang finden in seine Bild-Zeichen-Welt. Daraus entwickelt er so etwas wie eine simple „Geheimsprache“. Er filtere, sagt er, wenn er etwa eine Straße entlanggehe, geradezu ein Mosaik an Zeichen heraus, die er dann in ein „Ordnungssystem“ eingruppiere: Fremdes, Vertrautes, Paralleles, Hilfreiches, Bedrohliches.

All diese Zeichen und Symbole sind da, ohne dass er sich einmischen kann oder will, ohne dass er etwas verändern könnte. Sie üben Macht aus auf all jene, die innerhalb dieser Zeichenkultur passive Rezipienten sind. Bei dieser Analyse indes belässt Willats es nicht: Er will wissen, wie die Leute mit den vorgefundenen, ihnen vorgesetzten Symbolen, Piktogrammen, Codes umgehen, welche Beziehungen sie zu ihnen aufbauen.

Dies bringt er dann in große und kleine, bunte, schräge, skurrile oder banale Bildformen. Mit Pop Art hat das nichts zu tun, Willats schafft keine Ikonen des Alltäglichen. Er hilft uns stattdessen, die Zeichen zu deuten, zu verstehen, ihren Wert, ihre Vertracktheit – auch ihre Dummheit und Diktatur zu erkennen.

Seine Kunst entlarvt Wichtigtuerei

Dieser Londoner ist das, was die heutige Kunst bei all ihrem Neuigkeits-geilen Gehabe keinesfalls anzubieten hat. Er führt das Super- und Stinknormale – und damit den ganz alltäglichen Horror – vor. Er malt und collagiert in seinen irritierend geordneten Bildtableaus, wie lachhaft irrig doch all unser lautes, wichtigtuerisches Gewese und Gestrebe ist.

Willats tut, mit typisch englischem Humor, was rar geworden ist: Er ist ganz unaufdringlich leise ironisch und subversiv.

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