Also, Übermut war es nicht, der zwei erwachsene Männer zu diesem Experiment mit einer zerstörerischen Naturkraft trieb, gegen die bislang keine Macht der Welt ankommt. Es ist der Expeditionsdrang gewesen, die Neugier auf ein Naturphänomen, dem die beiden gefährlich nahe kamen und das sie nunmehr als Installation zwischen Kunst und Wissenschaft in die Öffentlichkeit eines – Berliner – Galerieraumes transformierten.
Die schwedischen Aktionskünstler Bigert & Bergstrom bauten eine Tornado-Wettermaschine – und zogen, zusammen mit dem kanadischen Meteorologen und „Sturmjäger“ Mark Robinson in den „Wetterkrieg“ durch den Mittleren Westen der USA. Dorthin, wo Tornados in unberechenbaren Abständen ihr heimtückisches Nature-Morte-Werk verrichten, wo die weiten Ebenen (die Great Plains) östlich des Hochgebirges (die Rocky Mountains) nördlich eines tropischen Meeres (der Golf von Mexiko) die Bedingungen für diese mörderischen Stürme schaffen.
Soviel vorweg: Den beiden Stockholmern, die seit 25 Jahren intensiv dem Thema Wetter als lebensbedrohliche Naturgewalt nachgehen, wie auch dem kanadischen Forscher ist nichts passiert. Nicht mal ihre seltsame Maschine, eine auf einen gelenkigen Auto-Hänger montierte imposante Trichter-Apparatur aus Kunststoff, Batterien, Messgeräten, ist zu Schaden gekommen.
Der „Sturm-Ableiter“ stünde sonst kaum im Galerieraum von Barbara Thumm, flankiert von einer großen schwarzen Kugel, von Parabolspiegeln, metallenen Kleiderbügeln, von denen geisterhaft Regenwasser tropft, von Fotocollagen, die das Ausmaß der Zerstörung nach Tornados belegen – und einer weißen Videokoje. Die hat die Form jener weißen Überlebensbunker, wie ein einfallsreich-geschäftstüchtiger Mann aus der Tornadoregion sie entwarf, sich patentieren ließ – und nun in einem Video stolz vorführt.
Wer sich in einen solchen Betonwürfel rettet, der übersteht den Sturm. Im Kreuzberger Galerieraum sowieso, auch wenn es einem beim Film „The Weather War“ etwas anders zumute wird. Da nämlich können wir die ganze so langwierige wie aufregende Expedition verfolgen, ins Auge des Sturmes blicken und zudem Interviews mit Klimaforschern erleben, etwa mit dem Russen Vladimir Pudov. Der alte Mann arbeitet seit 2004 daran, einen Schutzschild gegen die verheerenden Tornados zu entwickeln, aber er scheiterte. Nicht an der Idee, sondern an der Geldnot für sein Projekt.
Dass nun zwei Schweden diesen heilbringenden „Diverter“ – halb als ironisches Kunstobjekt, halb als wissenschaftlichen Apparat – durch die am extremsten von „Twistern“ heimgesuchte Gegend der USA fuhren, das hat etwas so Demonstratives wie Absurdes, etwas so physikalisch Erklärbares wie Mystisches. Auch wenn heute kein Götter-Zorn mehr für Sturm-Katastrophen verantwortlich gemacht wird, der Aberglaube den plausiblen Erklärungen der Wetterforschung – eine Symbiose mit oft militärischen Zielen – gewichen ist, sehen die Menschen sich, trotz Vorwarnungen, hilflos bis fatalistisch dem Wüten der Naturgewalt ausgesetzt.
Mancherorts auf der Welt indes manipuliert man das Wetter, wie ein Bigert & Bergstrom-Video belegt: In China lancierten Militärs Raketen in drohende Wolken, denn bei den Olympischen Spielen musste die Sonne scheinen. In Italien werden Anti-Hagel-Kanonen aufgestellt, um die Weinberge zu schützen. Und so wollen Bigert & Bergstrom im geschützten Raum einer großstädtischen Kunstgalerie vor allem auch vom heutigen Kampf der Menschen gegen die teils naturbedingte, teils selbst verschuldete globale Klimaveränderung erzählen. Ihre Objekte und Filme sind eine Mischung aus Kunst-Performance, Dokumentation und Roadmovie unter dramatisch echten Tornado-Kulissen.
Freilich wendet keine Kunst der Welt die Sturm-Gefahr. Sie stellt aber Fragen: Passt der Mensch sich an? Zieht er in den Krieg gegen die aggressiven Wetterphänomene? Und: Wer eigentlich ist berechtigt, das Wetter zu verändern?
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