Nur Kanzleramtsminister Peter Altmaier bleibt in Berlin, ein Regierungs-Hausmeister sozusagen. Alle anderen Minister machen sich für zwei Tage auf nach Israel. So gut besucht waren die vorangegangenen deutsch-israelischen Regierungskonsultationen selten. Das Treffen ist ein Symbol in einer Zeit, in der es Boykottaufrufe gegen Israel gibt wegen der Siedlungspolitik und EU-Parlamentspräsident Martin Schulz für Aufregung gesorgt hat. Er hatte in der Knesseth in einer grundsätzlich israelfreundlichen Rede Zweifel daran geäußert, dass die Wasserverteilung zwischen Israelis und Palästinensern gerecht sei.
Merkel hat 2008 vor dem Parlament gesprochen – als erste deutsche Regierungschefin. Damals hat sie den Satz geprägt, Israels Sicherheit sei Teil der deutschen Staatsräson. Sie hat sich damals auch für die Zwei-Staaten-Lösung ausgesprochen, einen israelischen und einen palästinensischen Staat also. Inzwischen haben die Palästinenser Gaststatus bei der Uno. Als eine wesentliche Hürde für die Zwei-Staaten-Lösung gelten die israelischen Siedlungen in den besetzten Gebieten.
Eine Zwei-Staaten-Lösung sei sowohl im Interesse Israels als auch in dem der Palästinenser, hat die Kanzlerin vor der Reise bekräftigt. Andernfalls gebe es für beide Seiten keine „gedeihliche Zukunft“. An diesem Montag will sie mit Premierminister Benjamin Netanjahu darüber sprechen. Das fordert auch die Opposition in Deutschland. „Der Siedlungsbau im Westjordanland ist ein Hindernis für den Friedensprozess. Ich hoffe, dass das beim Besuch der Kanzlerin auch zur Sprache kommt“, sagte der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour. Die Aufregung über die Schulz-Rede sei wohl eher innenpolitisch motiviert gewesen. „Merkel muss jetzt die Wogen glätten.“
Doch trotz aller Krisen: Die Sicht der Israelis auf die Deutschen hat sich in den letzten Jahren zum Positiven gewandelt. So wurden Qualitätsprodukte „Made in Germany“ schon lange in Israel geschätzt. Aber es war verpönt, sich dazu zu bekennen. Dass auf seiner Waschmaschine heute ein Sticker mit deutscher Miniflagge haftet, wäre vor 20 Jahren unmöglich gewesen, sagt Assaf Uni. Zu stark verbanden sich mit Deutschland noch unmittelbare Assoziationen an die Nazis, die Judenverfolgung und den Holocaust. Nichts ist davon vergessen und trotzdem ist das heute anders. Ausgerechnet Berlin, die Reichshauptstadt unter Hitler, hat daran erheblichen Anteil. „Berlin ist cool“, sagt Assaf Uni. Immer mehr junge Israelis zieht es an die Spree.
Berlin hat Deutschland rehabilitiert
Der 36-jährige hat für Haaretz bis 2011 aus Berlin über deutsche Politik und Kultur berichtet. „Das weltoffene Berlin“, ist er überzeugt, „hat das Image Deutschlands rehabilitiert“. Dass Angela Merkel dort regiert, dürfte ebenfalls israelische Vorbehalte gegen die Deutschen ausgeräumt haben.
Sicher, Krisen hat es gegeben. Die Differenzen über den Siedlungsbau sind unübersehbar. Aber Esther Lopatin vergleicht sie „mit dem, was in jeder Familie mal passiert“. Das Beziehungsgeflecht ist eng geknüpft. „Die Deutschen kommen bei uns rüber als diejenigen, die Israel wirklich helfen“, sagt Lopatin, Direktorin am Zentrum für Europäische Studien in Herzliya. Nicht von ungefähr wählten ihre Studenten zu neunzig Prozent inzwischen Deutsch als Fremdsprache statt Französisch. Ebenso wollten die Meisten in deutschen Institutionen hospitieren. Wirtschaftliche Interessen tragen zum guten Einvernehmen bei. Deutschland gilt als sichere Geldanlage.
Dennoch, auch für liberale Israelis bleibt das Verhältnis kompliziert. Nach dem ersten Jahr in Berlin, erinnert sich Assaf Uni, zu dessen Angehörigen viele Holocaust-Opfer zählen, „konnte ich den Anblick von Deutschen in Uniform plötzlich nicht mehr ertragen“. Alte Traumata brachen auf. Irgendwie ist er damit fertig geworden. „Weil es an der Zeit ist, nicht nur in die Vergangenheit zu blicken sondern in die Gegenwart.“
Genau das versucht Merkel. Während des Besuchs soll eine besondere Form der Kooperation vereinbart werden. Künftig sollen Israelis in Ländern ohne konsularische Vertretung Israels dort von den deutschen Diplomaten vertreten werden, etwa in Indonesien und Malaysia. Ein Abkommen für ein Work-and-Travel-Visum, das jungen Leuten erlaubt, einige Monate im jeweils anderen Land zu arbeiten, ist in Vorbereitung.
Am Dienstag bekommt Merkel dann den höchsten israelischen Orden, den „Presidential Award of Distinction“. Unter den Trägern sind bisher unter anderem US-Präsident Barack Obama, Vorgänger Bill Clinton und Ex-Außenminister Henry Kissinger.
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