Niemals sollten Sie einen Schriftsteller fragen, ob er gerne auf die Frankfurter Buchmesse fährt. Denn eine säuerliche Miene, ein verzweifeltes Augenrollen werden Ihnen sogleich zurückspiegeln, wie töricht Ihre Frage ist.Natürlich sei dieser grauenhafte Auflauf die reinste Autorenfolter. Schlechte Luft, falsches Licht, unnützes Gerede, dünner Kaffee, nichts als Ablenkung von dem, was wirklich zähle: dem Kuss der Muse in der heimischen Stube.Fragen Sie also nicht. Fragen Sie lieber mich, ob dies alles stimmt. Und, den Verrat genießend, antworte ich: Der Kollege schwindelt! Vor Ihnen gibt er den Leidenden, aber in Wahrheit kann er es kaum erwarten, den Messestand unseres Verlages zu erreichen. Dort ärgert ihn allenfalls kurz, dass ich schon vor ihm da war. Dann jedoch genießt er die Messe als eines jener künstlichen Paradiese, wie sie nur eine Gesellschaft bereithält, die sich neben anderen unnützen schönen Dingen den Luxus der Literatur leistet.Einem Afghanen, einem Iraker oder einem US-Amerikaner braucht man dies nicht zu erklären. Diesen Hartgesottenen genügt die bloße Anschauung. Sie sehen den Schriftsteller betreut von Verlagsmitarbeiterinnen, die nicht nur klug und hochkonzentriert, sondern auch noch charmant und schön sind. Sie beobachten, wie unser Verleger zuerst ihn und dann mich behandelt, als wären wir jeweils der einzige Autor, den er unter den Fittichen hat. Wortmensch auf Wortmensch macht Halt am Verlagsstand und verwöhnt den Schriftsteller mit Aufmerksamkeit. Ach, jeder fremdländische Kultursteppenbewohner begreift auf den ersten Blick, dass die Frankfurter Buchmesse eine Oase ist, wo die Karawanen des Literaturbetriebsalltags Halt machen, um dem geistreichen Schwatzen, dem gründelnden Klatsch und dem geselligen Trunk zu frönen.Dies wäre - bei Allah dem Allmächtigen! - die Wahrheit. Warum nur gebärden wir Autoren uns, wenn wir daüber reden, wie die katholischen Priester, die der Gemeinde nur die trocken spröde Oblate gönnen? Den Messwein, den lieblichen Frankurter Messwein, wir trinken ihn doch auch nicht alleine.Von Georg Klein erschien zuletzt "Die Sonne scheint uns" (Rowohlt).
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de