Mestlin bei Schwerin war ein sozialistisches Musterdorf. Nach der Wende gingen viele fort, das einzigartige Ensemble verfiel. Ein Verein Zugezogener will es retten

Kulturhaus der Träume

Ulrike Simon
10 Min

MESTLIN. Das Dach wurde erst vor wenigen Jahren neu gedeckt, ein paar Fensterscheiben sind zersplittert. Das Foyer erstrahlt in frischem Gelb, die Stufen zum Seiteneingang zerbröseln. Das Gebäude, das all diese Gegensätze vereint, ist das Kulturhaus von Mestlin, und es ist wie das Dorf, in dessen Mitte es steht - unentschieden, ob es zerfallen oder zu neuem Leben erwachen soll. Die einen sagen, Mestlin werde eines Tages wieder zu dem, was es einmal war: Weide und Acker. Die anderen sagen, Mestlin werde wieder zu dem, was es einmal war: ein Dorf, in dem das Leben pulsiert.Mestlin liegt in Mecklenburg. Die nächst größere Stadt heißt Parchim, die Landeshauptstadt Schwerin ist 34 Kilometer entfernt. 826 Menschen leben hier. Das Dorf ist überaltert. Mehr als jeder Fünfte hat keine Arbeit. Wer doch eine hat, nimmt weite Anfahrtswege in Kauf, besitzt einen kleinen Handwerksbetrieb, arbeitet im Kindergarten oder in der Schule. Etwa zwanzig Mestliner sind in der LPG beschäftigt, die jetzt nicht mehr Landwirtschaftliche Produktions-, sondern Produktivitätsgenossenschaft heißt. Dazu kommen Schauspieler und Theaterleute. Zu ihnen später mehr.Das Kulturhaus ist Teil jenes Gebäude-Ensembles, der Mestlin zu DDR-Zeiten zu etwas Einzigartigem machte - einem sozialistischen Musterdorf. 180 solcher Beispieldörfer sollten in Mecklenburg entstehen. Nachdem Mestlin fertiggestellt war, legte die SED den Plan jedoch zu den Akten. Die Idee war, rückständige, aber vom Land gut erreichbare Gutsdörfer zu Zentren sozialistischen Lebens umzugestalten. Doch allein der Bau des überdimensionierten Kulturhauses hatte bis zu seiner Eröffnung im Oktober 1957 drei Millionen Ost-Mark verschlungen. In den darauffolgenden Jahren erhielt es jeweils Zuschüsse in Höhe von 350000 Mark. Mit der Wende versiegte der Geldfluss. Die Häuser sind geblieben.Mestlin war das Fantasialand der DDR. Was zu einem sozialistischen Dorf gehörte, sieht jeder, der das Kulturhaus zu Fuß umrundet. Davor: der riesige, kopfsteingepflasterte Marx-Engels-Platz. Links die Schule. Weiter hinten, zur Ernst-Thälmann-Straße hin, ein großer Kindergarten. Gegenüber eine Häuserzeile. Hier waren ein Lebensmittel- und ein Textil-Konsum untergebracht. Rechts hinten das Gemeindehaus, vorn das Gästehaus mit Kneipe. Auf der Rückseite die Gaststätte der LPG, der Fußballplatz und das Ambulatorium mit diversen Ärzten. Mittendrin das Kulturhaus mit 700 Quadratmeter großem Theatersaal inklusive Bühne, mit Bibliothek, Trauzimmer, Weinstube, Fotolabor, Filmvorführraum und Versammlungsräumen, die wahlweise von der Tanzkapelle, dem Bastelzirkel oder anderen Gruppen genutzt wurden. In Mestlin gab es alles außer Waschmaschinen und einem Autosalon, sagen die Leute aus dem Dorf. Auch eine Tankstelle hatten sie und sogar Telefon. Die Mestliner waren verwöhnt und die benachbarten Dörfer neidisch.Störche und SchuldenHeute ist es umgekehrt. Die umliegenden Dörfer haben idyllische Seen, hübsche Ferienhäuschen und schöne Gehwege. Mestlin hat ein paar Störche, mehr nicht. Stattdessen 377000 Euro Schulden und diese Ansammlung mehr oder minder leer stehender Gebäude mit typischer DDR-ocker-grauer Fassade.Die Schule, einst Polytechnische Oberschule für 400 Schüler, wurde mit viel Mühe für derzeit sechzig Grundschüler gerettet. Der Kindergarten, vor Jahren für Millionen saniert, ist nahezu verwaist. Von den Läden ist einzig ein Friseur geblieben, die Kneipe hat Anfang 2009 geschlossen. Die zwei Wohnblöcke dahinter sind bereits abgerissen. Das Ambulatorium, zuletzt als Pflegeheim genutzt, steht leer.Ein Schandfleck, sagen die einen und reden von Abriss. Ein einzigartiges Potenzial, das genutzt werden muss, sagen die anderen.Die anderen, das sind die Zugezogenen. Sie räumen ein, sich erst auf den zweiten Blick in Mestlin verliebt zu haben. Manche von ihnen haben hier ihr Refugium entdeckt. Der Schauspieler Peter Cwielag machte vor einem Vierteljahrhundert den Anfang. Ihm folgten weitere Schauspieler, Regisseure, Bühnenausstatter. Ilja Richter, bekannt von der ZDF-Disco und vom Theater, hat hier ebenso sein zweites Zuhause gefunden wie Monika Woytowicz. Die 66-Jährige, die in Defa-Filmen, dem Polizeiruf oder der Lindenstraße spielte, wollte vor zwei Jahren weg aus Bayern, wo es ihr "zu schön" war. Es zog sie in die Heimat, ins raue Mecklenburg.Die Leute vom Dorf begegnen "den Künstlern" mit Argwohn. Doch nicht die angestammten, sondern die Zugezogenen sind es, die sich am meisten für Mestlin einsetzen. Erst kämpften sie erfolgreich gegen den Bau weiterer Windräder. Jetzt kämpfen sie dafür, das Potenzial des ehemaligen sozialistischen Musterdorfes auszuschöpfen.Der Bürgermeister Uwe Schultze sitzt im Gemeindehaus und streicht eines der Deckchen auf dem Besuchertisch glatt. Der Tisch, die Stühle, die Schränke, allesamt kurz vor der Wende angeschafft, strahlen Ost-Atmosphäre aus. Schultze sagt, das Ambulatorium hätte versteigert werden sollen, doch dann hätten es möglicherweise "diese Leute mit den Haken und den Kreuzen" übernommen. Die Gemeinde zog vor, es leer stehen zu lassen. Schultze steht auf und holt eine Broschüre aus seinem Schreibtisch. Es geht um Solartechnik. Der Bürgermeister erzählt von einem Wärmespeicher, der für die Schule und das Kulturhaus gebaut werden soll, und dass man das Ambulatorium für Workshops zu diesem Thema nutzen könnte. Auch für die Unterbringung gäbe es Möglichkeiten. Jenes Haus, in dem einst Hotel und Kneipe waren, wurde erst kürzlich vor dem Abriss gerettet, ähnlich erging es dem Haus mit der früheren LPG-Gaststätte. Übernommen wurden sie von Mitgliedern des Vereins Denkmal Kulturhaus e.V.. Vierzehn Mitglieder zählt der Verein. Ihr Wunsch ist, den Gebäuden rund um den Marx-Engels-Platz wieder eine Funktion zu geben und damit auch dem Dorf eine Chance zu bieten.Schultze ist froh, dass es den Verein gibt. Er sagt: "Die machen Dinge, zu denen wir als Gemeinde gar nicht fähig sind." Dann erzählt er von Peter Enterlein, einem der Köpfe des Vereins, der zwar auch keine Millionen Euro hat, aber etwas anderes, was der Gemeinde fehlt: Kontakte, Ideenreichtum und Kampfgeist. Beim Abschied sagt Schultze: "Enterlein und der Verein sind zum Erfolg verdammt."In einem Büro gleich neben dem des Bürgermeisters sitzt Günther Peters und sortiert Dokumente. Der 84-Jährige ist der Dorfchronist Mestlins. Er erzählt, wie er 1951 hierher kam. Er war Chemielehrer auf der polytechnischen Oberschule. Ins Kulturhaus ging er, um das Fotolabor zu benutzen, und manchmal abends mit seiner Frau zum Tanzen. Aus allen Nachbardörfern wurden die Leute damals mit Bussen nach Mestlin gefahren, erzählt Peters und kramt Programme aus den 1960er-Jahren hervor. Kein Abend, an dem nicht irgendeine Veranstaltung stattfand. Es traten die namhaftesten DDR-Bands, die prominentesten Schauspieler auf. Irgendwann in den 1980er Jahren wurden Peters' Besuche im Kulturhaus seltener. Die Veranstaltungen wurden unattraktiver. Man konnte schon damals spüren, dass es mit der DDR finanziell bergab ging.Peters hat Hochachtung vor den Leuten aus dem Verein. Wie sie das Foyer wiederhergestellt haben, im vergangenen Jahr eine Kunstausstellung organisierten, in diesem Sommer erneut, dazu jeden ersten Sonntag im Monat die Tanztees für Senioren und die Tage, in denen die Jugendlichen aus dem Dorf Theater spielen. Das alles sei sehr beachtlich, sagt Peters und überlegt, was diese Leute, die doch gar keine Mestliner sind, antreibt. Nüchtern fragt er: Was soll man mit den toten Häusern? Was bringt es, wenn mal kurz Leben aufflackert, und dann ist alles wieder tot, weil hier niemand das Geld hat, um teure Konzertkarten zu kaufen? Peters findet: Wer jung ist, muss hier weg, eine Ausbildung machen, eine Arbeit finden. Schließlich sagt er jenen Satz vom Abriss, der wohl das Beste sei fürs Dorf, und zum Abschied, dass Mestlin wieder das werde, was es war, als er nach der Kriegsgefangenschaft hierher kam: Acker und Weide.Doch das Kulturhaus steht, massig und trotzig. Es erinnert und mahnt. Vielen, die es bei der Wiedereröffnung im Sommer das erste Mal seit Jahren wieder betreten haben, standen Tränen in den Augen. Hier haben sie ihre Einschulung und die Jugendweihe gefeiert, bei der Abschlussprüfung geschwitzt, bei Hochzeiten und Maisfesten getanzt oder sich abends um das Fernsehgerät versammelt. Doch kaum war die Mauer gefallen, landeten Bücher aus der Bibliothek auf dem Müll. Eine Videothek zog ein, Spielautomaten, später Läden für Schuhe, Möbel und Schnäppchen. Doch für all das war das Haus zu groß, waren die Betriebskosten zu hoch. Schließlich glaubten die Mestliner, die Lösung gefunden zu haben. Ein Hamburger Gastronom eröffnete eine Großraumdisco, warf die Glasleuchter auf den Müll und ließ einen Formel-1-Rennwagen an die Wand montieren. "Let's go East - der heißeste Discopalast liegt 90 Autominuten von Hamburg entfernt", titelte das Hamburger Abendblatt im Jahr 1991. Jedes Wochenende gehörte Mestlin ein paar tausend Jugendlichen, die alles zuparkten und keinen Grund sahen, Rücksicht auf die Dorfbewohner zu nehmen. Die Mestliner nahmen es hin. Es war nicht mehr ihr Kulturhaus.Die Folgen sind bis heute zu sehen. Die Wände und die Decke des Theatersaals sind schwarz und lila lackiert. Das Parkett ist herausgerissen. Es hatte sich bis zu 30 Zentimeter gehoben, nachdem einmal die Heizungsrohre geplatzt waren. An anderen Stellen war es zerschunden, nachdem der Discobetreiber für eine Party Kies und Sand aufschütten ließ. Von der einen D-Mark pro Gast, die er dem früheren Bürgermeister zugesagt hatte, ist keine einzige an die Gemeinde geflossen. Auch die versprochenen Veranstaltungen für das Dorf gab es nicht. Die Mestliner hatten sich über den Tisch ziehen lassen. Das nehmen sie dem Bürgermeister noch heute übel. Nachdem sie ihn abgewählt hatten, zog er weg von Mestlin.Der Geruch von früherEs ist Sonnabendmorgen. Peter Enterlein, selbstständiger Bühnenmeister in Berlin, ist am Vorabend wieder in sein Zuhause nach Mestlin gekommen. Als erstes ging er ins Kulturhaus, um mit den anderen Mitgliedern des Vereins die nächste Ausstellung vorzubereiten. Jetzt sitzt der 46-Jährige mit seiner Freundin Susanne Reichhardt, einer Schauspielerin, am Frühstückstisch und erzählt, wie er mit einem Kumpel am Silvesterabend 2007 beim Bier überlegte, warum man immer so weit fahren müsse, um ein Konzert zu erleben, obwohl es im Dorf dieses Kulturhaus gibt. So fing es an. Im kommenden Jahr wollen sie den großen Saal wieder bespielen können. Die Berliner Band "The Boss Hoss" in Mestlin, sagt Enterlein und lächelt: "Das wäre ein Traum."Auch Reichhardt erzählt von ihren Ideen und von ihrem letzten Theaterstück, das sie mit den Jugendlichen aus dem Dorf einstudiert hat. Sie sagt, jedes Mal sei sie von Neuem erstaunt, was aus ihnen herauszuholen sei. Und wenn sie dann sieht, wie gern die Mestliner ins Kulturhaus kommen und wie selbstbewusst die Jugendlichen nach dem Theater über den Marx-Engels-Platz stolzieren, gefeit vor jenen mit "den Haken und den Kreuzen", gibt das jedes Mal einen Schub Energie. Aber es ist auch mühsam. "Bis wir finanziell eine Lösung gefunden haben, hoffe ich, dass uns die Kraft ausreicht", sagt Enterlein.Ruft der Verein zum "Subbotnik", wie damals, als alle mit anfassten, um das Foyer zu entrümpeln, finden sich unter den Mestlinern immer Helfer. Doch für die große Idee braucht es mehr als handwerkliches Geschick und Tatkraft. "Wir sind weder Architekten noch Wissenschaftler noch sind wir vom Denkmalschutz oder vom Bauamt", sagt Enterlein. Aber sie haben Kontakte geknüpft, zum Beispiel zum Verein Politische Memoralia in Schwerin, der sie dabei unterstützt, den gesamten Gebäudekomplex als Flächendenkmal ausweisen zu lassen."Wenn du nicht selbst die Initiative ergreifst, passiert gar nichts", sagt Reichhardt. Die beiden reden davon, dass es am Marx-Engels-Platz eines Tages ein Café geben soll, in dem die Besucher, die durch Mecklenburg reisen, Halt machen, staunen und spüren, wie das damals war, das Leben in der DDR. Und dass man das alles vermarkten könne. Und sie sagen, dass das Hotel wieder entstehen müsste, dass Künstler im Kulturhaus ein Atelier einrichten könnten, dass jeder Verein im Ort es nutzen könnte, dass wann immer in Mecklenburg eine Ausstellungs- oder Konzertreihe sei, Mestlin mit dabei sein müsste.Am Abend zuvor, als Enterlein und weitere Mitglieder des Vereins die Künstler der nächsten Ausstellung zu Besuch hatten, trat ein Mann mit weißem Haar durch die gläserne Seitentür des Kulturhauses. Kaum hatte er den Raum betreten, atmete er tief ein, lächelte und sagte: "Riechen Sie das?" Er schaute sich um, sah die frisch gestrichenen Wände und schüttelte den Kopf. "Wie ist das möglich, dass sich dieser Geruch zwanzig Jahre halten konnte?" Es ist der Geruch von früher, der vom Leben erzählt, das in diesen Gebäuden noch immer steckt. Mestlin könnte einmal wieder das werden, was es einmal war: ein Dorf, in dem das Leben pulsiert.------------------------------Foto: Tanztee für Senioren und Theater mit Dorfjugendlichen gibt es hier schon wieder - im Kulturhaus mit Original-DDR-Flair.Foto: Verfall und Abriss oder pulsierendes Leben - das ist in Mestlin noch nicht entschieden. Als DDR-Museumsdorf hätte der Ort touristisches Potenzial.

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