Mesut Özil brilliert als neuer Regisseur und wirbelt das ganze DFB-Team durcheinander

Ein Fuß, der niemals rumpelt

Andreas Lesch
5 Min

LEVERKUSEN. Als Mesut Özil dort vorn saß, auf dem Podium, hinter den Getränkeflaschen, da wirkte er ganz harmlos und klein. Er sagte auswendig die Allerweltssätze aus dem Sprachbaukasten für weichgespülte Sportler auf. Er berichtete, er sei froh, dass seine Mannschaft, die deutsche, das Testspiel gegen Südafrika 2:0 gewonnen habe. Er betonte, nicht nur er habe gut gespielt, die Kollegen hätten ihn unterstützt, speziell der Kapitän Michael Ballack: "Er hat mich gut gecoacht." Özil kündigte an, er werde sich im Training anstrengen, um seine Rolle als Regisseur zu behalten, aber selbstverständlich müsse der Chefcoach Joachim Löw entscheiden, ob und wo er ihn in Zukunft aufstelle. Vermutlich war das Özils letzter Trick an diesem Abend in Leverkusen. Vermutlich wollte er der Welt mit seinem 08/15-Auftritt in der Pressekonferenz vorgaukeln, dass er doch nur ein ganz gewöhnlicher Fußballer ist.Aber so leicht lässt sich das Publikum nicht täuschen. Zu eindrucksvoll hat gewirkt, was Özil zuvor auf dem Platz geboten hat. Sein erstes Länderspiel von Beginn an ist ein Genuss gewesen und seine Freundschaft mit dem Ball ein Fall für Feinschmecker: Er hat ihn gestreichelt und gewuchtet, geschlenzt, geschoben, gelupft, er hat ihn gezirkelt und immer gelockt. Er hat die nostalgischen Szenen, die sie vor dem Anpfiff zur Verabschiedung des alten Tricksers Bernd Schneider auf den Leinwänden der Arena gezeigt haben, flugs vergessen lassen. Er hat nicht nur das 1:0 von Mario Gomez (35.) mit vorbereitet und das 2:0 selbst erzielt (77.). Er hat bewiesen, dass er die Kunst beherrscht, mit einer Drehung, einem Pass, einer Idee eine völlig neue Situation aufs Feld zu zaubern. Er hat einen Fuß, der niemals rumpelt. Er hat getanzt, fast hat es ausgesehen, als schwebe er. Er hat so schwerelos gewirkt, so undeutsch, so leicht. "Seine Pässe aus dem Fußgelenk, die sehen ganz einfach aus, aber sie sind unheimlich schwer", sagte Bundestrainer Löw. Er wusste: Özil hat mit seinem Debüt als deutscher Spielmacher Sehnsüchte befriedigt und Stoff zum Träumen geboten, er hat beängstigend gut funktioniert. Diese Brillanz ist aber auch eine Gefahr. Weil sie die Mängel der Mitspieler übertüncht. Weil sie schwere Lasten auf schmale Schultern lädt und Erwartungen weckt, die kaum zu erfüllen sind. Kapitän Ballack merkte an: "Er ist ein Talent, aber man sollte auch vorsichtig mit solchen Jungs umgehen. Immer langsam." Löw mahnte: "In der Defensive kann und muss Mesut auf höchstem Niveau noch dazulernen."Jenseits vom MittwochslottoDoch auch als pure Offensivkunst ist Özils Auftritt eindrucksvoll gewesen. Sie hat dafür gesorgt, dass es in der deutschen Mannschaft keine Gewissheiten mehr gibt, weder taktisch noch personell. Sie wirbelt alles durcheinander. Am 10. Oktober tritt Löws Team zum mutmaßlich entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Russland in Moskau an; selten ist ein deutsches Team so kurz vor so einem wichtigen Spiel so in Bewegung gewesen. Jahrelang sind die deutschen Fußballer, nach ihrem tränenreichen Abschied vom Libero, froh gewesen, dass sie die Viererkette unfallfrei beherrschen und wissen, die Zahlenkombination 4-4-2 hat mit dem Mittwochslotto nichts zu tun. Sie haben im Mittelfeld über flache Vier und doppelte Sechs debattiert und völlig vergessen, dass es auch die klassische Zehn gibt: einen Lenker wie Özil. Jetzt haben sie die Vorzüge des 4-3-3-Systems entdeckt. Löw sagte, er müsse "mal sehen", ob er mit der alten oder neuen Formation zum WM-Qualifikationsspiel am Mittwoch in Hannover gegen Aserbaidschan antritt.In der Theorie kann er zwischen beiden Varianten wählen. In der Praxis wird er Özil, will er keinen öffentlichen Aufschrei provozieren, kaum auf die Bank setzen und deshalb das 4-4-2 schwer anwenden können. In diesem System müsste Ballack den einsamen Aufräumer vor der Abwehr geben; das wird er nicht wollen. Zudem ist im 4-4-2 ein zentraler Regisseur nicht vorgesehen. Özil aber sagte: "Die Spielmacherposition ist meine Lieblingsposition."Offen ist, wer im 4-3-3 künftig über außen stürmen soll. Links spielte Marko Marin Doppelpässe mit Marcel Schäfer, verhedderte sich aber auch oft. Rechts fehlt eine Alternative zu Bastian Schweinsteiger, der wie ein zum Wochenendkick gequälter Altherrenfußballer wirkte: zeitlupenartig, umständlich, wirr. Offen ist auch, wer die zweite Außenverteidigerposition neben Philipp Lahm verlässlich besetzt; sie steht im neuen System verstärkt unter Druck. Und offen ist, wer den besseren Mittelstürmer gibt: Gomez oder der zuletzt kriselnde Miroslav Klose, der als famoser Vorbereiter auffiel. Löw lobte, er habe "wieder die Kraft und Schnelligkeit in seinen Aktionen gehabt, die ihn auszeichnet". Ach übrigens, offen ist natürlich auch, ob René Adler mit seinen Paraden am Sonnabend im Vierkampf der Torhüter gegenüber dem favorisierten Robert Enke aufgeholt hat. Löw merkte nur an, Adler habe "eine unglaubliche Reaktionsfähigkeit gehabt".Offen ist so ziemlich jeder Job im deutschen Team. Löw hat oft den brutalstmöglichen Konkurrenzkampf herbeigefleht. Jetzt bekommt er ihn: Nur Lahm, Ballack und Per Mertesacker haben ihren Platz sicher; fast alle anderen Spieler können genau so gut in der Anfangself aufkreuzen wie auf der Tribüne. Löw wird wissen, dass all die Bewegung Risiken birgt, aber er braucht sie, so leblos, wie seine Mannschaft in den vergangenen Monaten gewirkt hat.Zurzeit scheint sogar offen zu sein, welche Generation die deutsche Mannschaft auf dem Weg zur WM 2010 prägen soll: Die Routiniers Enke, Klose, Ballack? Die Mittzwanziger Lahm, Mertesacker, Podolski? Oder die Jünglinge Özil, Serdar Tasci und Sami Khedira? Innenverteidiger Tasci konnte sich gegen Südafrika nicht auszeichnen. Khedira aber brachte Drang und Struktur, er wirkte dominanter als Simon Rolfes. Wenn er nicht aufpasst, sitzt er bald statt Özil nach dem Spiel in der Pressekonferenz, als Mann des Tages.------------------------------Ballack trifft CroyMatthäus führt: Michael Ballack bestritt gegen Südafrika sein 94. Länderspiel für Deutschland. In der ewigen Liste der Fußball-Nationalspieler schloss der Kapitän zu Jürgen Croy auf. Beide liegen auf Platz zwölf, eine Partie hinter Karl-Heinz Rummenigge und Sepp Maier. Miroslav Klose absolvierte sein 90. Länderspiel und zog mit Rudi Völler auf Platz 14 gleich. Es führt Lothar Matthäus mit 150 Länderspielen.------------------------------Foto: Der Fingerhakler: Lukas Podolski (l.) gratuliert Mesut Özil zur exzellenten Leistung beim 2:0 der deutschen Fußballer gegen Südafrika.Foto: Der Fußordner: Michael Ballack, Özils Ratgeber.

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