Michael Gielen und Stefan Herheim bringen Verdis "Die Macht des Schicksals" an der Staatsoper heraus: Im Gitter, im Fluss

Die Ouvertüre wegzulassen und gleich mit der ersten Szene zu beginnen ist in kaum einer Oper von größerem Reiz als in "La Forza del Destino". Das Publikum hat die "Sinfonia", Verdis berühmteste Ouvertüre, im Ohr. An Stelle aber der drei mächtigen Eröffnungsschläge der Blasinstrumente hört es jetzt überraschend deren Schatten: die gleichen drei Töne, allein von Flöten und Klarinetten im Pianissimo gespielt. Und wo anschließend in der Ouvertüre allegro agitato e presto die leidenschaftlichen Auftaktmotive in den Streichern folgen würden, da kommen nun die Geigen wie zögernd, sehr leise abtaktig ins Spiel. Und dann hört man auch schon eine Stimme, den so beiläufig wie warm einsetzenden Violoncelli folgend, den Bass des Marchese di Calatrava, der seiner Tochter eine gute Nacht wünscht.So beginnt die neue "Macht des Schicksals" an der Staatsoper Unter den Linden: So nahe bei den Absichten Verdis. Sieht man von der Ouvertüre ab, dann vermeidet Verdi in dieser Oper den konventionellen Panorama-Beginn und zeigt stattdessen die Hauptfiguren in ganz intimem Licht: Den Marchese, der sich zur Nacht von seiner Tochter verabschiedet, die Tochter, die anschließend ihren Liebhaber begrüßt in Erwartung gemeinsamer Flucht, den Liebhaber, der den zurückkehrenden Vater unabsichtlich tötet.Was hier aber wirken könnte wie eine Filmhandlung, die in greifbarer Evidenz vom einen zum nächsten geht, das hat der Regisseur Stefan Herheim in ein System von Motiven aufgelöst. Der Vater umarmt Leonora wie es bei Verdi steht, gefühlvoll, doch über die Natur dieses Gefühls entsteht sofort eine Irritation. Warum wirkt sein halb nackter Oberkörper wie eben flüchtig bedeckt? Und wer eigentlich ist an diesem Bett die Tochter? Norma Fantini, die Darstellerin der Leonora, und Ekaterina Semenchuk in der Rolle ihrer Dienerin Curra scheinen die selbe Person zu spielen, einmal in sinnlicher Hingebung, ein zweites Mal kindlich, die Sinnlichkeit des Vaters mit einem Stofftier beschwörend, einem geflügelten Pferd, das gleichzeitig schon auf den geplanten Ausbruch mit dem Geliebten verweist.Was sich im Lauf der Oper erst begibt, das Zufluchtsuchen Leonoras und des von ihr getrennten Alvaro in Eremitage und Kloster, ist ebenfalls in diesem ersten Bild präsent: Die schwarz-weißen Nachtgewänder Leonora-Curras erinnern an die Ordenstracht von Dominikanern, die braune Kutte des Marchese und Don Alvaros an jene der Franziskaner. Sowohl der Liebhaber als auch der Vater tragen die Spuren der Selbstgeißelung auf ihren Oberkörpern - noch richtet sich die Aggression gegen die eigene Haut, aber bald schlägt die Stunde des Metzelns. Die Zeiger einer mächtigen Uhr, die Herheim an Stelle des Mondes aufgehen lässt, erweisen sich als Schwerter, mit denen sich die Protagonisten bis ans Ende der Zeit gegenseitig erstechen.Das Schicksal, nach Herheim: Die Figuren kennen keine Entwicklung. Sie sind von Anfang an gefangen in einem Gitter von Motiven, deren Zeichen unentrinnbar aufeinander verweisen. Und so ist hier das Schicksalhafte mit dem genuin Romantischen vereint: Verdis riesig-romanhaften Sprüngen zwischen Zeiten und Orten gesellt der Regisseur das Prinzip in- und auseinanderfließender Wahrnehmungen zu, das das Fernliegende vereint und das Naheliegende auseinandertreibt. Die großen Volksszenen, die Verdi in auch stilistisch starkem Kontrast gegen die Nahaufnahmen der tragischen Helden komponiert hat, verlieren dabei ihre Eigenstellung: Bereits im ersten Akt scheinen das Kriegerische und das Fromme der Volksmassen nur wie Vergrößerungen der ursprünglich privaten Motive. Im dritten Akt, der Kriegsbegeisterte, Bettler und angsterfüllte Rekruten nebeneinander zeigt, lässt Herheim ein Volk von zeitgenössischen Opernbesuchern - in Spiegelung des Premierenpublikums - alle diese Zustände in fließender Folge annehmen, mit fließendem Übergang übrigens auch in den letzten Akt, in dem die Figur der Einheizerin Preziosilla, ihrerseits eine Erscheinungsform des Motivs der sinnlichen Leonora, von den Kriegsbegeisterten wie von Mänaden zerrissen wird.Herheims Inszenierungstechnik versucht einem Prinzip romantischer Musik zu folgen, jenem nämlich des bedeutungsvollen Fließens, der Transmutation von Bedeutungen. In dem warmen Ton, den die Staatskapelle unter Michael Gielen den Äußerungen des Privaten zu geben wusste, in den wunderbar sprechenden Soli der Holzbläser, in den kraftvoll aufrauschenden Tutti-Passagen, gemeinsam mit dem äußerst klangreich auftretenden Chor, in der Flexibilität, mit der das Orchester von einem Affekt in einen anderen wechselte, fand diese Idee der Inszenierung ihre eigentliche, musikalische Erfüllung. Dabei gelang Michael Gielen zur Premiere am Samstag weit mehr als eine klangschöne, rhythmisch biegsam den dramatischen Verlauf vergegenwärtigende Realisierung. Gielen machte das Wesen des Motivs, die Gleichzeitigkeit von Innerlichkeit und Äußerlichkeit, von Ausdruck und Auferlegtsein erfahrbar, unaufdringlich spielend zwischen dem natürlich-dramatischen Fluss und einer bewussten Herausstellung einzelner Farben oder Figuren.Dabei zeigte sich allerdings auch der Vorzug der Musik vor dem Bühnengeschehen. Denn wo bei Herheim die Handlung fast vollständig hinter den Motiven verschwindet, da beginnen fast zwangsläufig die Motive zu handeln. Die Zwangsvorstellungen der Männer, in ihren Formen des Sexuellen und des Mönchischen, werden bei Herheim dargestellt in Form von Schwertern und langen Kerzen. Beide Symbole erscheinen "friedlich" vereint im zweiten Akt, in dem die verstoßene und von der Rache ihrer Brüder bedrohte Eleonora Zuflucht in einer Einsiedelei gefunden hat - vereint auf dem blutigen Kadaver des geflügelten Pferdes, das seinerseits für die Hoffnungen des Paares stand.Die Motive handeln, aber die Sänger singen weiter - öfter gelingt es Herheim nicht, das eine und das andere zusammenzubringen, bis dann das Ende in Mord und Verzweiflung Motive und Figuren wieder vereint. Vor allem Eleonora, Preziosilla, Melitone, der Vater und in gleicher Besetzung der Geistliche Vater sind allerdings eindrucksvoll gesungen. So behauptet sich neben dem Rätselcharakter der Inszenierung das unmittelbar Einnehmende der sinnlichen Form. Merkwürdigerweise erscheint diese Gleichzeitigkeit als schön.------------------------------BesetzungMusikalische Leitung Michael GielenInszenierung Stefan HerheimBühne, Kostüme Thomas SchusterDarstellerFrank Porretta (Don Alvaro), Norma Fantini (Donna Leonora), Kwangchoul Youn (Marchese di Calatrava/Padre Guardiano), Anthony Michaels-Moore (Don Carlo), Ekaterina Semenchuk (Preziosilla/Curra), Bruno de Simone (Fra Melitone), Peter Menzel (Mastro Trabuco), Heiner Schindler (Straßenmusikant). Staatsopernchor (Einstudierung Eberhard Friedrich), Staatskapelle Berlin.------------------------------Foto: Preziosilla, die Einheizerin (Ekaterina Semenchuk), kurz bevor sie das Volk im Gewaltrausch ...

BLZ
15 Min

Die Ouvertüre wegzulassen und gleich mit der ersten Szene zu beginnen ist in kaum einer Oper von größerem Reiz als in "La Forza del Destino". Das Publikum hat die "Sinfonia", Verdis berühmteste Ouvertüre, im Ohr. An Stelle aber der drei mächtigen Eröffnungsschläge der Blasinstrumente hört es jetzt überraschend deren Schatten: die gleichen drei Töne, allein von Flöten und Klarinetten im Pianissimo gespielt. Und wo anschließend in der Ouvertüre allegro agitato e presto die leidenschaftlichen Auftaktmotive in den Streichern folgen würden, da kommen nun die Geigen wie zögernd, sehr leise abtaktig ins Spiel. Und dann hört man auch schon eine Stimme, den so beiläufig wie warm einsetzenden Violoncelli folgend, den Bass des Marchese di Calatrava, der seiner Tochter eine gute Nacht wünscht.So beginnt die neue "Macht des Schicksals" an der Staatsoper Unter den Linden: So nahe bei den Absichten Verdis. Sieht man von der Ouvertüre ab, dann vermeidet Verdi in dieser Oper den konventionellen Panorama-Beginn und zeigt stattdessen die Hauptfiguren in ganz intimem Licht: Den Marchese, der sich zur Nacht von seiner Tochter verabschiedet, die Tochter, die anschließend ihren Liebhaber begrüßt in Erwartung gemeinsamer Flucht, den Liebhaber, der den zurückkehrenden Vater unabsichtlich tötet.Was hier aber wirken könnte wie eine Filmhandlung, die in greifbarer Evidenz vom einen zum nächsten geht, das hat der Regisseur Stefan Herheim in ein System von Motiven aufgelöst. Der Vater umarmt Leonora wie es bei Verdi steht, gefühlvoll, doch über die Natur dieses Gefühls entsteht sofort eine Irritation. Warum wirkt sein halb nackter Oberkörper wie eben flüchtig bedeckt? Und wer eigentlich ist an diesem Bett die Tochter? Norma Fantini, die Darstellerin der Leonora, und Ekaterina Semenchuk in der Rolle ihrer Dienerin Curra scheinen die selbe Person zu spielen, einmal in sinnlicher Hingebung, ein zweites Mal kindlich, die Sinnlichkeit des Vaters mit einem Stofftier beschwörend, einem geflügelten Pferd, das gleichzeitig schon auf den geplanten Ausbruch mit dem Geliebten verweist.Was sich im Lauf der Oper erst begibt, das Zufluchtsuchen Leonoras und des von ihr getrennten Alvaro in Eremitage und Kloster, ist ebenfalls in diesem ersten Bild präsent: Die schwarz-weißen Nachtgewänder Leonora-Curras erinnern an die Ordenstracht von Dominikanern, die braune Kutte des Marchese und Don Alvaros an jene der Franziskaner. Sowohl der Liebhaber als auch der Vater tragen die Spuren der Selbstgeißelung auf ihren Oberkörpern - noch richtet sich die Aggression gegen die eigene Haut, aber bald schlägt die Stunde des Metzelns. Die Zeiger einer mächtigen Uhr, die Herheim an Stelle des Mondes aufgehen lässt, erweisen sich als Schwerter, mit denen sich die Protagonisten bis ans Ende der Zeit gegenseitig erstechen.Das Schicksal, nach Herheim: Die Figuren kennen keine Entwicklung. Sie sind von Anfang an gefangen in einem Gitter von Motiven, deren Zeichen unentrinnbar aufeinander verweisen. Und so ist hier das Schicksalhafte mit dem genuin Romantischen vereint: Verdis riesig-romanhaften Sprüngen zwischen Zeiten und Orten gesellt der Regisseur das Prinzip in- und auseinanderfließender Wahrnehmungen zu, das das Fernliegende vereint und das Naheliegende auseinandertreibt. Die großen Volksszenen, die Verdi in auch stilistisch starkem Kontrast gegen die Nahaufnahmen der tragischen Helden komponiert hat, verlieren dabei ihre Eigenstellung: Bereits im ersten Akt scheinen das Kriegerische und das Fromme der Volksmassen nur wie Vergrößerungen der ursprünglich privaten Motive. Im dritten Akt, der Kriegsbegeisterte, Bettler und angsterfüllte Rekruten nebeneinander zeigt, lässt Herheim ein Volk von zeitgenössischen Opernbesuchern - in Spiegelung des Premierenpublikums - alle diese Zustände in fließender Folge annehmen, mit fließendem Übergang übrigens auch in den letzten Akt, in dem die Figur der Einheizerin Preziosilla, ihrerseits eine Erscheinungsform des Motivs der sinnlichen Leonora, von den Kriegsbegeisterten wie von Mänaden zerrissen wird.Herheims Inszenierungstechnik versucht einem Prinzip romantischer Musik zu folgen, jenem nämlich des bedeutungsvollen Fließens, der Transmutation von Bedeutungen. In dem warmen Ton, den die Staatskapelle unter Michael Gielen den Äußerungen des Privaten zu geben wusste, in den wunderbar sprechenden Soli der Holzbläser, in den kraftvoll aufrauschenden Tutti-Passagen, gemeinsam mit dem äußerst klangreich auftretenden Chor, in der Flexibilität, mit der das Orchester von einem Affekt in einen anderen wechselte, fand diese Idee der Inszenierung ihre eigentliche, musikalische Erfüllung. Dabei gelang Michael Gielen zur Premiere am Samstag weit mehr als eine klangschöne, rhythmisch biegsam den dramatischen Verlauf vergegenwärtigende Realisierung. Gielen machte das Wesen des Motivs, die Gleichzeitigkeit von Innerlichkeit und Äußerlichkeit, von Ausdruck und Auferlegtsein erfahrbar, unaufdringlich spielend zwischen dem natürlich-dramatischen Fluss und einer bewussten Herausstellung einzelner Farben oder Figuren.Dabei zeigte sich allerdings auch der Vorzug der Musik vor dem Bühnengeschehen. Denn wo bei Herheim die Handlung fast vollständig hinter den Motiven verschwindet, da beginnen fast zwangsläufig die Motive zu handeln. Die Zwangsvorstellungen der Männer, in ihren Formen des Sexuellen und des Mönchischen, werden bei Herheim dargestellt in Form von Schwertern und langen Kerzen. Beide Symbole erscheinen "friedlich" vereint im zweiten Akt, in dem die verstoßene und von der Rache ihrer Brüder bedrohte Eleonora Zuflucht in einer Einsiedelei gefunden hat - vereint auf dem blutigen Kadaver des geflügelten Pferdes, das seinerseits für die Hoffnungen des Paares stand.Die Motive handeln, aber die Sänger singen weiter - öfter gelingt es Herheim nicht, das eine und das andere zusammenzubringen, bis dann das Ende in Mord und Verzweiflung Motive und Figuren wieder vereint. Vor allem Eleonora, Preziosilla, Melitone, der Vater und in gleicher Besetzung der Geistliche Vater sind allerdings eindrucksvoll gesungen. So behauptet sich neben dem Rätselcharakter der Inszenierung das unmittelbar Einnehmende der sinnlichen Form. Merkwürdigerweise erscheint diese Gleichzeitigkeit als schön.------------------------------BesetzungMusikalische Leitung Michael GielenInszenierung Stefan HerheimBühne, Kostüme Thomas SchusterDarstellerFrank Porretta (Don Alvaro), Norma Fantini (Donna Leonora), Kwangchoul Youn (Marchese di Calatrava/Padre Guardiano), Anthony Michaels-Moore (Don Carlo), Ekaterina Semenchuk (Preziosilla/Curra), Bruno de Simone (Fra Melitone), Peter Menzel (Mastro Trabuco), Heiner Schindler (Straßenmusikant). Staatsopernchor (Einstudierung Eberhard Friedrich), Staatskapelle Berlin.------------------------------Foto: Preziosilla, die Einheizerin (Ekaterina Semenchuk), kurz bevor sie das Volk im Gewaltrausch zerreißt.

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