Berlin - Die Aufarbeitung der skandalösen Zustände rund um die Parkeisenbahn in der Wuhlheide geht weiter. Am Montag begann vor dem Amtsgericht Tiergarten der vierte und vorerst letzte Prozess wegen sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen. Vor Gericht standen zwei Männer, beides Lokführer, die seit ihrer Hochzeit identische Namen tragen.
Vorname: Gregor, Nachname: E. Um den Überblick zu behalten, wurde der ältere, ein 39-Jähriger, bei seinem Geburtsnamen genannt. Ihm und Gregor E. (30), beides langjährige Parkeisenbahner, wird vorgeworfen, zwischen Mai 2008 und April 2010 insgesamt 26 Mal einen Jugendlichen, der bei dem Verein seine Zeit verbrachte, unter anderem bei Vereinsfahrten sexuell missbraucht zu haben.
Im Juni war im dritten Pädophilen-Prozess um die Parkeisenbahn erstmals ein Täter zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Ein 31-jähriger früherer Bahnhofsleiter muss für drei Jahre und neun Monate hinter Gitter. Andere Täter wurden zu Bewährungs- beziehungsweise Jugendstrafen verurteilt.
Als Zeuge trat am Montag ein Polizist auf, der in dem Fall viel ermittelt hat. Der Kripo-Beamte schilderte die undurchsichtigen Strukturen des fast nur von Ehrenamtlichen getragenen Parkeisenbahn-Vereins, in dem Missbrauch, wie es scheint, System hatte. Auch nach Befragung von bis zu 70 Jugendlichen, die dort ein und ausgingen, sei es nicht gelungen, ein lückenloses Organigramm zu erstellen, sagte der Polizist. Oft wusste keiner, welche Funktion wer im Einzelnen gerade hatte.
Eines sei aber offenbar geworden, sagte der Ermittler: „Es war ein Verbund von Pädosexuellen, die die Parkeisenbahn genutzt haben, um ihre Sexualität auszuleben.“ In diesem Klima hätten auch unter 16-jährige Jugendliche untereinander Sex gehabt. Immer wieder stiegen Jugendliche in der Bahner-Hierarchie auf – und wurden damit sukzessive vom Opfer sexuellen Missbrauchs zum Täter. Jedoch hätten beileibe nicht alle Vereinsmitglieder von den Taten gewusst. So sei es vielmehr ein kleiner, verschwiegener Kreis von Männern gewesen, die sich die Jungen in manchen Fällen regelrecht zugespielt, in anderen abspenstig gemacht hätten.
Das Ausmaß an pädosexuellen Straftaten, das Polizei und Staatsanwaltschaft präsentieren, ist erschreckend: Demnach wurden von den etwa 70 befragten Jugendlichen 28 als Geschädigte identifiziert. Dem stehen sieben Beschuldigte gegenüber, von denen einer nichts mit dem Verein zu tun hatte, aber von der Aussicht auf sexuellen Kontakt mit den dortigen Kindern und Jugendlichen angezogen wurde.
Die Richterin sah Anzeichen von „einem stillen Übereinkommen“ und „einer Atmosphäre der Toleranz gegenüber sexuellem Missbrauch“. Den aktuellen Fall hatte die Schwester des Opfers von Gregor A. und E. ins Rollen gebracht. Ihr hatte sich der von dem Vernehmer als schüchtern, naiv und unreif beschriebene Thomas S. anvertraut.
Der junge Mann sei schon als Kind mit dem Wunsch in die Wuhlheide gekommen Eisenbahner zu werden, berichtete der Polizist. Den wiederholten Missbrauch über Jahre habe er aus zwei Gründen hingenommen: Er hoffte, über den Verein eine Lehrstelle bei einem Bahnunternehmen zu bekommen. Und er fürchtete rauszufliegen, wenn er sich gewehrt hätte.
Deswegen habe er alles über sich ergehen lassen. Er sei nicht schwul, die sexuellen Handlungen habe er nie gewollt. Die Verteidiger von Gregor A. und E. verwiesen dagegen darauf, dass sexuelle Kontakte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen nicht grundsätzlich verboten seien. Thomas S. habe sich nicht in einem Abhängigkeitsverhältnis zu den beiden Angeklagten befunden.
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