Sexueller Missbrauch an Minderjährigen

Diözesanrat fordert strukturelle Veränderungen

Die Gläubigen verlangen neben tabuloser Aufklärung auch einen Kulturwandel.

Julia Haak
3 Min
Den Rosenkranz beten – das reicht nicht.

Den Rosenkranz beten – das reicht nicht.

© Getty Images/iStockphoto

Vertuschung aufklären, Verantwortliche benennen, Konsequenzen ziehen. Diese Schlagworte sind dem jüngsten Beschluss des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum Berlin zum Thema sexueller Missbrauch entnommen. Das ganze Schreiben ist ähnlich formuliert. Die Wortwahl ist scharf. Es gibt sogar ein Ultimatum.

Zahl der Berliner Fälle bei 77 Übergriffen auf Minderjährige und Erwachsene

Beim Umgang der katholischen Kirche mit sexuellem Missbrauch verlieren die Gläubigen gerade die Geduld mit ihrer Kirchenleitung. So sieht es jedenfalls in Berlin aus. Dort verabschiedete die Vollversammlung des Laiengremiums in der vergangenen Woche einen Beschluss, der es in sich hat. „Ein gemütlicher Ton reicht nicht mehr aus“, sagt die Geschäftsführerin Diana Freyer, wenn man sie nach den Hintergründen fragt.

Nach der Veröffentlichung der Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ Ende September liegt die Zahl der Berliner Fälle jetzt bei 77 Übergriffen auf Minderjährige und Erwachsene, die die Betroffenen seit 1947 zum Teil selbst bei der Kirche angezeigt haben. Erzbischof Koch hatte sich angesichts der Erkenntnisse, die Wissenschaftlern beim Durchsehen der entsprechenden Kirchenakten gewannen, traurig und hilflos gezeigt.

Es müssten auch Zukunftsfragen wie die Beteiligung von Frauen und die Sexualmoral diskutiert werden

Der Diözesanrat will mehr. Er hat jetzt einen Ausschuss eingesetzt, der die Dinge vorantreiben soll. Bereits im September hatte der Rat neben tabuloser Aufklärung auch einen Kulturwandel verlangt. Unabdingbar sei es, „eine Debatte über asymmetrische, männlich dominierte Machtstrukturen innerhalb unserer Kirche zu führen, den Schutz der Betroffenen bedingungslos über den der Reputation der katholischen Kirche oder von Klerikern zu stellen, die strukturelle Verfasstheit unserer Kirche dort zu verändern, wo sie Missbrauch begünstigt oder nachhaltige Aufarbeitung verhindert“.

Es müssten auch Zukunftsfragen wie die Beteiligung von Frauen in Entscheidungsprozessen, Sexualmoral und zölibatäre Lebensform diskutiert werden. Um als katholische Kirche weiter glaubwürdig handeln zu können, müssten dem Eingeständnis von Schuld wirksame, auch strukturelle Veränderungen folgen.

Jetzt folgt neben einem entsprechenden Beschluss der Vollversammlung auch die Aufforderung zu einer Diskussion auf Augenhöhe. „Wir erwarten bis spätestens März 2019 ein offenes Gespräch von Vertreterinnen und Vertretern des Diözesanrates mit der Bistumsleitung über die Missbrauchsfälle im Erzbistum und die Konsequenzen für die Gegenwart und Zukunft“, heißt es im Beschluss.

Eine Aufforderung an jedes einzelne Gemeindemitglied

Diana Freyer macht Erzbischof Heiner Koch keine persönlichen Vorwürfe, und sie glaubt auch nicht, dass die Bistumsleitung die Dinge aussitzen will. „Aber es ist ja so, dass wir ständig angesprochen werden von Leuten, die fragen, was ist denn bei euch los. Man kann sich auch nicht immer nur erschüttert und beschämt zeigen. Es muss sich etwas ändern und das muss jetzt losgehen“, sagt sie.

Und noch etwas soll sich ändern, wenn es nach Diana Freyer geht. „Es ist auch eine Haltungsfrage“, sagt sie. Jeder müsse aufmerksam sein. „Es geht darum, etwas auch für möglich zu halten und nicht nur abzuwehren. Eine Kultur des Wegsehens kann nur entstehen, wenn jemand wegsieht“, sagt Diana Freyer. Die Aufforderung, stattdessen hinzusehen, richtet sich an jedes einzelne Gemeindemitglied.

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