Mit dem Kritiker Jürgen Klinsmann als neuem Teamchef kommen unruhige Zeiten auf den Deutschen Fußball-Bund zu

Debatten auf der Wiese

BLZ
6 Min

BERLIN, 22. Juli. Am Donnerstagabend nahm sich Jürgen Klinsmann Zeit für ein paar herzige Worte. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, verkündete er aus seiner Wahlheimat Los Angeles, habe ihm immer ganz besonders am Herzen gelegen. "Für mich war sie immer wie eine zweite Familie." Und weil er offenbar gerade bester Laune war, schob er schnell noch ein Lob hinterher. In den vorigen Wochen hatte Klinsmann den Deutschen Fußball-Bund (DFB) mehrfach hart attackiert. Diese kritischen Kommentare, lobte er nun, seien "auf ein offenes Ohr beim DFB in der Führungsspitze gestoßen". Das freue ihn. "Das bedeutet, man öffnet sich."Offiziell bestätigt ist zwar noch nichts, doch es darf als sicher gelten, dass Klinsmann künftig als Teamchef die deutsche Nationalmannschaft betreut. Dies war der Wunsch von Gerhard Mayer-Vorfelder, dem Präsidenten des DFB; es scheint, als bekomme dieser nach den Unruhen der Vorwochen allmählich wieder Oberwasser im deutschen Verband. Franz Beckenbaue konnte Lothar Matthäus, seinen Favoriten für die Nachfolge von Rudi Völler, in der Trainerfindungskommission des DFB nicht durchsetzen.Holger Osieck soll Klinsmanns Assistenztrainer werden, Oliver Bierhoff ist als Manager vorgesehen. Zwar sagte Klinsmann, man sei "noch nicht so weit zu sagen, wer übernimmt welche Position, wer macht welchen Job". Doch meldete DFB-Pressesprecher Harald Stenger schon "positive Gespräche" mit Osieck, die Mayer-Vorfelder sowie Beckenbauer und DFB-Vizepräsident Horst R. Schmidt am Mittwochabend in Zürich führten. Joseph Blatter, der Präsident des Weltverbandes Fifa, bei dem Osieck zurzeit angestellt ist, signalisierte, dass er den Coach freigeben werde. Außerdem telefonierte Mayer-Vorfelder am Donnerstag mit Bierhoff. Das neue Trio wird aber frühestens Mitte kommender Woche vorgestellt.So lange konnten die Haupt- und Nebendarsteller der deutschen Fußballbühne mit ihrer Meinung zur Personalie Klinsmann selbstverständlich nicht hinterm Berg halten. Die Vielzahl der Aussagen lässt sich aufteilen in zwei Lager, wie sollte es anders sein: Da sind die einen, die den Wahl-Amerikaner freudig willkommen heißen in der alten Heimat, aber auch die anderen, die ihm zur Begrüßung unschöne Worte entgegenschleudern.Gruppe Nummer eins wird angeführt von Uli Hoeneß, dem Manager des FC Bayern München. Er findet die Entscheidung für das kommende Führungstrio "mutig und gut" und stimmt eine kleine Hymne an: "Klinsmann ist ein Mann, der integrationsfähig ist. Der wie Rudi Völler damals Everybody's Darling ist, der eine gute Medienpolitik macht. Osieck ist ein sehr erfahrener Mann. Und wenn Bierhoff Manager wird, das würde ich für sehr gut halten." Einen kleinen Seitenhieb auf den DFB konnte sich Hoeneß aber doch nicht verkneifen: "Ich habe das Gefühl, als hätten sich die älteren Herren in der Trainerfindungskommission richtig ins Zeug gelegt." Ob das stimmt, darf bezweifelt werden. Schließlich fiel besagten Herren zwischenzeitlich nichts Schlaueres ein, als Otto Rehhagel für den Job zu umwerben - nur weil der nach seinem Europameistertitel mit Griechenland am Stammtisch gerade populär war.Auch Nationaltorwart Oliver Kahn lobt seinen künftigen Chef. Immerhin kenne er den als "sehr intelligenten, sehr erfahrenen Mann, der sich im internationalen Fußball sehr gut auskennt". In den Chor der Fürsprecher reihen sich weitere Nationalspieler ein, Arne Friedrich zum Beispiel. Er sagt: "Klinsmann und Bierhoff sind eine gute Mischung und damit eine gute Lösung". Nur gut, dass er das so sieht - schließlich will er Stammspieler bleiben.So eine Wortmeldung klingt doch auch viel netter als das, was Rudi Assauer sagt, der Manager des FC Schalke 04. "Über diese Trainerfindung könnte man einen Film drehen. Das ist eine schallende Ohrfeige für die handelnden Personen", mosert er. Sein Coach Jupp Heynckes moniert: "Fußballerisches Profil ist wohl nicht gefragt." Auch andere drücken ihre Skepsis aus. "Die Wahl mit Klinsmann wäre im Endeffekt ein Schlag ins Gesicht der Trainergilde im DFB. Es wäre zum zweiten Mal nach Völler, dass einer gewählt wird, der noch nie im Leben eine Mannschaft trainiert hat", sagt Manager Christian Heidel vom FSV Mainz 05. Thomas Berthold, 1990 mit Klinsmann Weltmeister, merkt an: "Für mich muss ein Bundestrainer ein anderes Profil und schon Erfahrung haben. Die Nationalelf ist doch keine Übungswiese."Als solche dürfte Klinsmann sie auch nicht betrachten. Eher drängt er, mit Blick auf die WM 2006 im eigenen Land, auf eine dringend benötigte "Strukturreform, weil wir kurz davor sind, international den Anschluss zu verpassen". Klinsmann fordert: "Wir brauchen Visionen." Wie in jedem Unternehmen müsse auch beim DFB "in jedem Jahr klar aufgearbeitet werden, wo etwas funktioniert hat und wo nicht. Da wo es unbefriedigend war, wird etwas geändert, auch wenn es für einige Leute vielleicht etwas unangenehm werden kann." Es sieht fast so aus, als kämen auf den behäbigen Verband unruhige Zeiten zu. (BLZ) Seite 3------------------------------"Hatte Klinsmann nicht gesagt, dass er nicht in Frage komme?"Rudi Assauer------------------------------Dreigestirn // Jürgen Klinsmann beendete vor sechs Jahren seine aktive Fußballer-Karriere - nach dem Viertelfinal-Aus der deutschen Mannschaft bei der WM in Frankreich. Klinsmann hatte 108 A-Länderspiele hinter sich. Seine größten Erfolge: 1990 wurde er mit dem Team Weltmeister, 1996 Europameister. Seit 1995 war er Kapitän der Nationalmannschaft. Seine Vereinslaufbahn begann Klinsmann in der Bundesliga, später wechselte er in die italienische Serie A und die englische Premier League. Er spielte beim VfB in seiner Heimatstadt Stuttgart, bei Inter Mailand, dem AS Monaco, Bayern München, in Genua und Tottenham. Am 30. Juli wird Klinsmann 40 Jahre alt. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.Oliver Bierhoff schoss in seinen 70 A-Länderspielen für Deutschland 37 Tore. Seine wichtigsten Treffer erzielte er im EM-Finale 1996 gegen Tschechien: Er traf erst zum 1:1-Ausgleich und entschied dann das Spiel per Golden Goal. Bei der WM 2002 gehörte Bierhoff noch als Spieler der Mannschaft Rudi Völlers an. Seine Profi-Karriere beendete er erst vor einem Jahr in Verona - er hatte seit 1991 nur im Ausland gespielt, unter anderem für Udinese Calcio, den AC Mailand und AS Monaco. 1997/98 wurde Bierhoff als erster und bis heute einziger Deutscher Torschützenkönig der Serie A. Bierhoff ist diplomierter Betriebswirt: Neben seiner Laufbahn als Profi studierte an der Fernuni Hagen. Er ist 36 Jahre alt und verheiratet.Holger Osieck begann seine Fußballer-Laufbahn als 10-Jähriger beim FC Schalke. Er blieb acht Jahre dort, spielte dann in Gelsenkirchen, Hagen und Mühlheim. Mit 22 Jahren entschied er sich für eine Trainerlaufbahn, erwarb Lizenzen und legte 1976 an der Sporthochschule Köln die Prüfung zum Fußball-Lehrer ab. Ein Jahr später begann er in Kanada, wo er auch gespielt hatte, als Assistenztrainer des nationalen Verbandes. 1979 wurde er DFB-Jugendtrainer. Bei der WM 1990 war er der Trainer des deutschen Teams - als Assistent von Beckenbauer, der keine Lizenz hat. Von 1998 bis 2003 trainierte Osieck die kanadische Nationalmannschaft. Seit Mai 2004 wirkt er beim Weltverband Fifa. Der 56-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes. Er gilt als Freund von Klinsmann.------------------------------Foto: Die etwas andere Doppelspitze: Bierhoff (l.) und Klinsmann im Jahre 1998.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema