BERLIN, im Januar. Aus den U-Bahnhöfen entlang der Frankfurter Allee strömen an diesem 17. Januar 1988, wie an jedem zweiten Januarsonntag, die Berliner zu Tausenden zum sozialistischen Ritual: "Kampfdemonstration" zu Ehren von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Mit Honecker und dem Politbürotroß an der Spitze pilgert das Volk zum Friedhof der Sozialisten nach Friedrichsfelde. "Hochrufe und Beifall" der 200 000 Berliner, berichtet der Reporter der "Berliner Zeitung", gelten "dem Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzenden des Staatsrats der DDR, Erich Honecker". Alles ist scheinbar wie immer das gestanzte Pathos der DDR-Presse, die Verpflichtungserklärungen der Arbeiter. Egon Krenz prophezeit am Grab der Kommunisten, die Pläne der Feinde des Sozialismus würden sich niemals erfüllen. Darüber wache die Arbeiter- und Bauern-Macht. Doch es wachen nicht die Arbeiter und Bauern, sondern die Stasi-Soldaten. Die Aktion "Störenfried" läuft schon auf Hochtouren. Fast im Minutentakt gehen seit Tagen die Meldungen der Observateure bei den Einsatzleitern ein. Ziel der Aktion: Unbequeme Ausreisewillige und die führenden Köpfe der DDR-Bürgerrechtsbewegung auf einen Schlag zu verhaften und in den Westen abzuschieben. Denn die Stasi, die ihre Spitzel längst in alle oppositionellen Kreise eingeschleust hat, ist informiert, daß eine Gruppe Ausreisewilliger aufgerufen hat, mit eigenen Transparenten mitzudemonstrieren, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen. In den politischen Oppositionsgruppen unter dem Dach der Kirche, die sich in der Mehrheit von den "Ausreisern" distanzieren, entbrennt ein Streit darüber, ob sie sich ebenfalls mit eigenen Losungen wie dem Luxemburg-Zitat "Freiheit ist stets die Freiheit des Andersdenkenden" an dem Politaufmarsch beteiligen sollen. "Die meisten von uns waren dagegen", erinnert sich der Oppositionelle Ralf Hirsch. "Wir wollten uns ja im Lande wehren."Haft in RummelsburgDie prominenten Bürgerrechtler werden schon Wochen vor der Demonstration von der Staatssicherheit rund um die Uhr beobachtet, ihre Post kontrolliert, Telefon und Wohnung abgehört. Am Morgen des 17. Januar wird der Liedermacher Stephan Krawczyk, der seit drei Jahren in der DDR Auftrittsverbot hat, unweit seiner Wohnung verhaftet. Sein Transparent "Gegen Berufsverbot in der DDR" wird ihm entrissen und Krawczyk in die Haftanstalt Rummelsburg gebracht. Auch Vera Lengsfeld (damals Wollenberger) wird schon auf dem Weg zum Demonstrationszug festgenommen. Auch sie kommt nach Rummelsburg. Ralf Hirsch, damals Mitglied der "Initiative für Frieden und Menschenrechte", entgeht der Verhaftung knapp, als er am Morgen den Müll hinuntertragen will. Wolfgang Templin konnte dem Zugriff der Stasi-Leute am Abend zuvor entkommen, indem er in eine Nachbarwohnung flüchtete. Er war beim Kohlenholen auf dem Hof attackiert worden. Nachbarn versorgen die Templins später mit an Seilen aus dem Fenster gelassenen Kohlebündeln.In der Frankfurter Allee werden unterdessen die ausreisewilligen Protestierer eingekreist, noch bevor sie ihre Spruchbänder entrollen können. Binnen weniger Stunden sind über 100 Ausreisewillige, aber nur zwei der bekannten Oppositionellen verhaftet. Die meisten werden mit Schnellverfahren innerhalb weniger Tage verurteilt und in den Westen abgeschoben. Die DDR-Medien schweigen zunächst. Doch das Westfernsehen berichtet am selben Tag ausführlich über die Verhaftungen. Wieder einmal funktioniert das Informationsnetz zwischen Ost und West, das der Jenaer Oppositionelle Roland Jahn nach seinem DDR-Rausschmiß 1983 von Westberlin aus aufgebaut hat. Fast im gleichen Rhythmus, in dem die Informationen der zahllosen Stasi-Überwacher bei ihrer Einsatzleitung eingehen, kontaktiert Jahn seine Freunde in Ostberlin. Er organisiert Telefoninterviews, gibt Informationen an die Presse, schickt Korrespondenten. Die Oppositionellen in der DDR organisieren unterdessen Solidaritätsveranstaltungen. Auch die Kirche, allen voran Bischof Gottfried Forck, setzt sich für die Freilassung der Verhafteten ein. Es protestieren Menschen im ganzen Land, die noch nie etwas mit politschem Widerstand zu tun hatten. Dann schlägt die Stasi am 25. Januar erneut zu: Bärbel Bohley wird im Morgengrauen im Nachthemd abgeführt, mit ihr Werner Fischer. In Ralf Hirschs Wohnung stürmen zehn Mann und überwältigen ihn. Stephan Krawczyks Frau, die Regisseurin Freya Klier, wird ebenso verhaftet wie Regine und Wolfgang Templin. Deren Kinder werden von der Stasi in ein Heim gebracht. Die Anklage gegen die Oppositionellen: Landesverrat wegen Agententätigkeit, weil sie dem "BRD-Geheimagenten Roland Jahn zum Nachteil der Interessen der DDR der Geheimhaltung nicht unterliegende Nachrichten über Angriffe feindlich-negativer Kräfte" übermittelt haben. Das löst einen Schock aus, denn selbst auf die "Straftat", "nicht geheime Nachrichten" zu übermitteln, steht nach DDR-Gesetzen bis zu 15 Jahre.Die Konstruktion ist abenteuerlich: Jahn, den die DDR-Staatsmacht als ihren schlimmsten Feind betrachtet, weil er die Oppostion auf immer neuen Wegen mit Druckmaschinen und Büchern versorgt, Öffentlichkeit im Westen herstellt und mit dem Sender "Radio Glasnost" Deutsches aus der DDR via West in den Osten sendet, wird kurzerhand zum westlichen Geheimdienstler erklärt. Der übergelaufene Gruppenleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz Hans-Joachim Tiedge hatte der Stasi von angeblichen Kontakten mit Jahn nach dessen DDR-Ausbürgerung berichtet. Damit werden alle Verhafteten, die in ständigem Kontakt zu Jahn stehen, ebenfalls zu Agenten. Vorsorglich hatte die Stasi anhand der abgehörten Telefonate durch die Professoren Luther, Seidel und Söder von der Humboldt-Universität ein phonetisches Gutachten erstellen lassen als wichtigstes Beweismittel der Anklage.Es folgen Schnellverfahren. Rechtsanwalt Wolfgang Schnur (IM Torsten, IM Dr. Ralf Schirmer) verteidigt sie fast alle und spielt sie, die keinen Kontakt untereinander haben, gegeneinander aus. Er verschweigt die Solidarität im Lande, stellte die Ausreise als die einzige Möglichkeit dar, der hohen Gefängnisstrafe zu entgehen. Anfang Februar sind die Verhafteten psychisch zermürbt. Bohley und Lengsfeld gehen nach England, die anderen in die Bundesrepublik. Im ersten Augenblick scheint die Opposition kopflos. Doch die Aktion "Störenfried" provoziert neuen Widerspruch. Was folgt, ist bekannt.
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