Graue, tailierte Lederjacke, breitkrempiger Hut: Es ist ein lässiger Safari-Look, in dem Marie Nasemann auf der Bühne erscheint, zur Trompete greift und mit lautem Getröte den Elefanten macht: Die Menschen, so klagt der Elefant, seien dabei, den blauen Planeten rücksichtslos mit Kriegen und Müll zu überziehen. Zum Beweis schleppt der Löwe Unmengen von leeren Plastikflaschen herbei.
Marie Nasemann hat eine Mission
Der Text stammt aus Erich Kästners „Konferenz der Tiere“ aus dem Jahr 1949. In der Inszenierung am Jungen Staatstheater in Karlsruhe wirken die Mahnungen von damals verblüffend aktuell. Dabei überzeugt die Darstellerin des Elefanten Oskar nicht nur mit einer couragierten Performance. „Marie hat eine Mission“, schrieb eine badische Lokalzeitung über das neue Ensemblemitglied aus Berlin: „Ihr ist das Thema Nachhaltigkeit ein großes Anliegen.“
Leben als grüne Shopping Queen in Ökomode
Mit ihrer Website „Fairknallt“ und ihren öffentlichen Auftritten in Ökomode ist die „Germany’s Next Topmodel“-Finalistin von 2009 einen ungewöhnlichen Karriereweg gegangen. Sie modelt weiter, arbeitet als Schauspielerin, vor allem aber engagiert sich die 29-Jährige als Art grüne Shopping-Queen, pendelnd zwischen Berlin und Karlsruhe.
Vor ein paar Monaten trat Marie Nasemann die Stelle in Karlsruhe an: seriöses Stadttheater, gewerkschaftlich abgesicherte Probenzeiten. Schon so ein Arbeitsplatz ist eher ungewöhnlich für eine Alumna aus Heidi Klums Model-Camp. Wer es von dort nicht auf die internationalen Laufstege schafft, und das gelingt fast keiner, landet sonst eher hart: auf unglamourösen Werbefotos, auf Dessous- und Erotikmessen und nicht selten in der Halbpromi-Recyclingmühle des Trash-Fernsehens.
Konsumverhalten durch Brandkatastrophe geändert
Marie Nasemann war schnell klar, dass es das nicht sein kann – und entschied sich für ein Schauspielstudium in Hamburg: „Da habe ich eine Menge über mich gelernt und festgestellt, dass in mir eigentlich ein sehr kritischer Mensch steckt, der Dinge hinterfragt. Vor dem Studium ging ich ein bisschen unbewusst, wegguckend und etwas unglücklicher durch die Welt“, sagt sie.
Sie habe begonnen, genauer auf ihr Konsumverhalten zu achten, erinnert sich die die 1,77 große Brünette, die eigentlich aus Gauting bei München stammt. „Geahnt hatte ich es schon länger, dass mit den Fast-Fashion-Konzepten aus Billigtextilien etwas nicht stimmen kann“, sagt sie, „aber ich habe die unbequemen Gedanken erfolgreich verdrängt.“ Bis sie ein Ereignis im Jahr 2013 „endgültig wachrüttelte“, wie sie sagt: die verheerende Brand-Katastrophe im pakistanischen Rana Plaza, bei der mehr als 1000 Textilarbeiter ihr Leben verloren. Nasemann begann, sich über die Produktionsbedingungen ihrer Klamotten zu informieren, nachzuhaken, sich weiterzubilden: „Mir war früher auch nicht bewusst, welche Auswirkungen die Chicken Nuggets auf meinem Teller auf den Klimawandel haben“, sagt sie.
Bogen schlagen zwischen Schauspiel, Start-ups und Fair-Fashion-Aktivisten
In Hamburg nahm Nasemann nicht nur Schauspielunterricht und spielte erste kleine Rollen in der Kampnagel-Kulturfabrik und im Schauspielhaus. Hier kam sie auch in Kontakt mit Start-ups und Fair-Fashion-Aktivisten, darunter die Gründerinnen der „Kleiderei“, einem inzwischen bundesweit erfolgreichen Mode-Verleih, der den Geldbeutel entlastet und die Umwelt schont. „Dann habe ich irgendwann angefangen, Öko-Labels für meine Ausstattung auf dem Roten Teppich zu suchen“, erzählt sie. „Nachdem ich dann meinen Instagram-Account gestartet hatte, war ein eigener Blog die logische Konsequenz.“
Blog „Fairknallt“ zeigt, dass Ökomode cool und sexy ist
Ihren Blog „Fairknallt“ gründete sie 2016. Seitdem füllt sie ihn laufend mit Empfehlungen für neue Ökomodemarken und Naturkosmetik sowie Hintergrundwissen zur Textilproduktion. Die Gestaltung wirkt sehr schick, weit entfernt von der Optik vieler grüner Produktseiten im Internet. Und die Fotos, auf denen Marie Nasemann ihre Verantwortung auf eigener Haut trägt, unterstreichen ihr erklärtes Anliegen: Ökomode ist cool und sexy – und hat sich vom Image der Latzhosen oder grauen Zweckkleidung längst emanzipiert. So trägt und empfiehlt Nasemann beispielsweise die Baumwoll-Kollektionen des Labels Jan ’n June, die nachhaltig produzierte Bademode von Souldaze, Ethnoblusen von My Sleeping Gypsy und die Naturwolle-Produkte von Armedangels.
Tätigkeit als Markenbotschafterin
Für das Kölner Label Armedangels tritt Marie Nasemann auch als Botschafterin auf. Bei einem PR-Termin erschien sie in einem kurzen Strickrock mit einem Oberteil im gleichen Querstreifen-Design, dazu trug sie Lederstiefel und Kreolen-Ohrringe. Das wärmende, ausgefallene Outfit sei von „glücklichen Schafen“, erzählt sie. Und in solchen Gesprächen wird schnell deutlich, wie gut sich die junge Frau inzwischen auskennt: „Wolle ist ein super-ökologisches Material, weil es in der Herstellung deutlich weniger Wasser verbraucht. Und es ist atmungsaktiv und selbstreinigend. Nur leider gehen die meisten Billig-Wollfarmen alles andere als fair mit den Tieren um.“
Armedangels beziehe die Wolle von einer argentinischen Farm, wo die Tiere freien Auslauf hätten und nur einmal im Jahr geschoren würden.
Marie Nasemann ist es ernst
Marie Nasemann besucht Hersteller regelmäßig selbst, erst jüngst hat sie sich in Indien die Produktionsstätten der Fair-Fashion-Marke Mela Wear zeigen lassen. Labels, die zu Unrecht mit dem Öko-Image werben, hat sie auch schon wieder aus ihrer Empfehlungsliste gestrichen. Zur genauen Bewertung beschäftigt sie inzwischen eigens einen Mitarbeiter, der Ökologie und Nachhaltigkeit studiert hat. Die Frau meint es ernst mit ihrer Mission.
Statt Exzess-Shopping-Touren, Appelle an Markt-Giganten
Gerecht und qualitätsbewusst produzierte Kleidung hat ihren Preis. Das sagt auch Marie Nasemann, die „niemanden mit erhobenem Zeigefinger belehren möchte“. Sie macht vielmehr eine einfache Rechnung auf: „Weniger kaufen, bewusster kaufen und langlebige Produkte kaufen.“ Und die Frau, die vor einigen Jahren selbst noch exzessiv auf Shopping-Tour gegangen ist, appelliert nun an die Markt-Giganten, mit deutlich weniger Kollektionen in der Saison die Öko-Bilanz zu verbessern und auf künstliche Konsum-Anheizer wie den „Black Friday“ ganz zu verzichten. Dabei nimmt sie durchaus noch Model-Jobs für konventionelle große Labels an: „Ich nutze diese Kontakte, um für faire Mode zu werben, und spüre oft, dass Gedanken ins Rollen kommen.
Aber auch in meinem privaten Umfeld werbe ich für Nachhaltigkeit. Erst jüngst kam meine Regisseurin in einem Kleidungsstück zu Probe, für das ich auf ,Fairknallt‘ geworben hatte. Solche Erlebnisse machen mich glücklich.“
Hauptstadt-Style für Nasemann eher fremd
Während sich Nasemann für ihr Theater-Engegement ein Zimmer in Karlsruhe genommen hat, versucht sie, zwischen den Vorstellungen möglichst viel Zeit in ihrer Wahlheimat Berlin zu verbringen. Vom Style der Hauptstadt ist sie weniger angetan: „Nein, mit Logo-Hoodies, Ugly Sneakers und Beanies kann ich nicht so viel anfangen“, sagt sie. Die Stadt-Liebe ist tendenziell privater Natur. Ihr Freund ist ein Berliner Anwalt, der jüngst mit zwei Partnern ein Start-Up ins Leben gerufen hat: Das Trio möchte den guten alten Eierlikör für junge Konsumenten attraktiv machen. Ihr Getränk haben sie „Rübbelberg“ getauft, und es wird nach altem Hausrezept hergestellt. Aus Öko-Eigelb und ohne Zusatzstoffe, versteht sich.
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