Ein Jahr lang hatten Khaled Karimo aus Syrien und seine Frau Hiba Al-Bassir einen kleinen Möbelladen in Berlin-Zehlendorf. Nun müssen sie ihn schließen, zu wenige Kunden sind in die ruhige Straße gekommen. Aus der Geschichte vom erfolgreichen Ankommen in Deutschland, vom Neubeginn nach der Flucht vor dem Krieg ist eine andere geworden. Sie erzählt vom Weitermachen und davon, dass man den Mut nicht verlieren darf.
Start mit Kleiderbügeln
Es war nicht der erste Neuanfang, den das Ehepaar gewagt hat. Und auch für den ersten brauchte Khaled Karimo Kraft. Er war der Chef einer florierenden Kleiderbügelfabrik in Syrien, als er beschloss, sich als Gartenmöbelgestalter und -hersteller zu etablieren. Die Bügelfabrik hatte sein Vater gegründet, Khaled Karimo übernahm sie und veredelte die Bügel so, dass Luxushotels und Modeläden bei ihm bestellten. Er war erfolgreich mit einer Aufgabe, die er nie eigentlich gewollte hatte. Er habe die Fabrik nur übernommen, weil sein Vater schwer krank wurde, erzählt er in seinem liebevoll eingerichteten Laden. „Meine Familie brauchte mich.“
Khaled Karimo, 47, erzählt seine Geschichte auf Arabisch, sein Deutsch ist noch nicht gut genug, findet er. Er unterstreicht jeden Satz mit lebhaften Gesten, seine Frau Hiba Al-Bassir, 48, übersetzt. Sie hat in Deutschland vor vielen Jahren eine Ausbildung zur Restauratorin gemacht. Manchmal redet auch der Sohn für den Vater, er geht hier in Berlin aufs Gymnasium.
Zweimal brannte die Fabrik
Als Khaled Karimo damals in der Heimat für die Reitschule, die seine Frau nebenbei betrieb, einen Kinderspielplatz baute, wusste er plötzlich, was ihn wirklich begeisterte: Dinge zu entwerfen. Bald entstanden auch die ersten Gartenmöbel. Schnörkellos und elegant, das Mahagoni-Holz kam aus Afrika. Das Geschäft lief bald gut, wohlhabende Syrer liebten die handgefertigten teuren Möbel.
Zweimal brannte die Fabrik, zweimal baute Khaled Karimo alles wieder auf. Dann, 2011, begann die syrische Revolution und damit der Bürgerkrieg im Land. „Das ganze erste Jahr dachten wir noch, dass die Unruhen schon bald wieder aufhören werden“, meint Hiba Al-Bassir. Die Fabrik produzierte weiter. Aber schon Anfang 2012 spürten sie die Auswirkungen des Kriegs. Viele besser situierte Menschen verließen das Land, die Bestellungen gingen zurück. Es gab Straßensperren, ganze Orte wurden abgeriegelt, die Arbeiter konnten immer öfter nicht zur Fabrik kommen. Khaled Karimo hörte auf zu produzieren.
Mit dem Flugzeug nach Berlin
Daran, das Land zu verlassen, dachte die Familie zunächst nicht. Hiba Al-Bassir half Menschen, die nach Damaskus geflüchtet waren, organisierte Unterkünfte und Essen. Doch dann wurden die Angriffe immer schlimmer. „Wir mussten da raus“, sagt Hiba Al-Bassir, die nüchtern und sachlich spricht und sich nur manchmal, wenn ihre Stimme wie jetzt lauter und höher wird, anmerken lässt, wie nahe ihr etwas geht.
Die Familie hatte Glück. Khaled Karimo war ein erfolgreicher Geschäftsmann, Hiba Al-Bassir sprach Deutsch und hatte zudem einen Bruder in Berlin, der die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Deswegen konnte das Ehepaar mit den zwei Kindern unkompliziert nach Deutschland reisen; die Familie gehörte zu den letzten Kontingentflüchtlingen. Keine gefährliche Überfahrt auf der Ägäis, kein beschwerlicher Fußmarsch durch den Balkan. In Damaskus stiegen sie einfach in ein Flugzeug und waren wenige Stunden später in Berlin.
Als alle Anträge gestellt, alle Formulare ausgefüllt, alle Behördengänge erledigt und sie als Flüchtlinge anerkannt waren und eine Wohnung in Spandau hatten, hatten sie plötzlich sehr viel Zeit. „Es war schwer für uns, nichts zu tun zu haben“, sagt Hiba Al-Bassir. „Wir haben beide unser ganzes Leben gearbeitet. Da konnten wir doch nicht auf einmal rumsitzen und warten, bis der Krieg in Syrien endet.“
Die Suche nach einem Laden
Immer öfter dachten sie an die vielen Möbel, die in ihrer Fabrik in Syrien standen. Und beschlossen, sie zu holen.
Migranten mit Gründergeist
Die Gründerquote ist unter Migranten höher als in der Gesamtbevölkerung. Laut einer Untersuchung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gründeten zwischen 2009 und 2014 pro Jahr 1,68 Prozent der Menschen in Deutschland ein eigenes Unternehmen. Unter den Migranten lag die Quote bei 1,86 Prozent. Allein im Jahr 2014 haben laut KfW 179.000 Migranten eine Existenzgründung gewagt.
Bei der Selbstständigkeit überholen Migranten die einheimische Bevölkerung nach und nach, so das Ergebnis einer Bertelsmann-Studie. Dennoch waren im Jahr 2014 Menschen ohne Migrationshintergrund mit 11 Prozent noch etwas häufiger selbstständig als Menschen mit Migrationshintergrund. Unter diesen ist jeder zehnte selbstständig.
Vor allem Geldsorgen machen Einwanderern Schwierigkeiten bei der Unternehmensgründung. Jeder vierte muss zu Beginn Finanzschwierigkeiten überwinden, bei anderen Neu-Unternehmern sind es laut KfW 16 Prozent.
Außerdem ist der Grund für die Unternehmensgründung häufiger als bei Nichtmigranten Arbeitslosigkeit, also eine gewisse Existenznot. Dies ist auch der Grund, warum Migranten ihre Selbstständigkeit häufiger aufgeben.
30 Prozent aller Neugründungen werden im Schnitt nach drei Jahren aufgegeben. Bei Migranten sind es 40 Prozent. Dafür würden Migranten in ihren Unternehmen aber häufiger und mehr Arbeitsplätze schaffen. „Migranten gehen ihre Gründungsprojekte offensiver an“, sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe.
Es war nicht leicht, die Ware aus dem umkämpften Damaskus zu holen. Das Ehepaar fand einen Spediteur, der bereit war, alles aus der syrischen Hauptstadt in die 300 Kilometer entfernte Hafenstadt Latakia zu bringen. Das Geld für den Transport lieh sich die Familie. Es musste schnell gehen. Zwischen Weihnachten und Silvester 2014 war die Route relativ sicher, aber niemand wusste wie lange. Gerade noch rechtzeitig kamen die Möbel in Latakia an. „Der Fahrer meinte, diese Route fährt er nicht noch mal“, erinnert sich Hiba Al-Bassir. Von Latakia aus ging es mit einem Schiff nach Deutschland.
Die erste Hürde war überwunden, nun kam die zweite: In Berlin mussten Ladenräume gefunden werden. Nicht einfach, wenn man so gut wie kein Startkapital hat und kaum jemanden kennt. Eine Galeristin in Charlottenburg zeigte die Möbel, und schließlich ergab sich etwas: Das Ehepaar tat sich mit einer Künstlerin und den Besitzern einer Firma für Klapptische zusammen und bekam endlich einen Mietvertrag. Zehlendorf hatte sich das Paar gezielt ausgesucht. „Da gibt es viele Häuser mit Gärten, genau das richtige für unser Geschäft, dachten wir“, sagt Hiba Al-Bassir.
Zu wenig Laufkundschaft
Inzwischen sieht sie das anders. Der Laden liegt zwar nur einige Hundert Meter vom S-Bahnhof Zehlendorf entfernt, das ist aber zu weit, um von der dortigen Laufkundschaft zu profitieren. Die wenigen Menschen, die durch die Straße liefen, sahen kaum durch die Schaufenster. Die beiden Mitmieter gaben zuerst auf, sie stiegen aus. Nach wenigen Monaten musste das Ehepaar die Miete ganz allein bezahlen.
Khaled Karimo und Hiba Al-Bassir gaben sich alle Mühe, das Geschäft zum Laufen zu bringen. Sie versuchten, sich bei einer Möbelmesse anzumelden, auch in Syrien hatten sie auf Messen ihre Produkte präsentiert. Doch die Standgebühr war hier viel zu hoch. Sie hätten auch gern großflächig geworben, wie sie es in Damaskus getan hatten. Doch hier konnten sie sich nur ein paar kleine Prospekte leisten.
Dabei waren sie eigentlich schon ziemlich bekannt. Fernsehsender und Zeitungen berichteten über den Neustart mit Gartenmöbeln nach der Flucht aus Syrien. Politiker ließen sich auf Veranstaltungen mit ihnen fotografieren, einmal besuchte sie Außenminister Frank-Walter Steinmeier zu Hause. Sie haben Fotos, auf denen sie mit Berlins Innensenator Frank Henkel oder der Integrationsbeauftragten Aydan Özoguz zu sehen sind. Doch mehr Kunden brachte ihnen all das nicht. „Wir haben denen geholfen“, sagt Hiba Al-Bassir und winkt ab. Ein imageförderndes Bild mit zwei tatkräftigen syrischen Flüchtlingen haben sie geliefert – aber selbst nichts davon gehabt.
Keine Hilfe von der Politik
Die Berichte brachten das Ehepaar zwar ins Gespräch mit den Nachbarn. Aber darüber hinaus passierte nichts. Hiba Al-Bassir hat den Verdacht, dass die Geschichte von den zwei Syrern, die sich selbstständig machen, ihnen am Ende vielleicht mehr geschadet als genützt hat. Weil sie weiterhin vor allem als Flüchtlinge gesehen wurden, die ihr Glück versuchen. Und nicht als erfahrene Geschäftsleute, die recht exklusive Waren verkaufen. Eine handgefertigte Holzbank kostet bei ihnen 600 Euro, eine Hollywoodschaukel 900 Euro.
Die Industrie- und Handelskammer sei kaum eine Hilfe gewesen, meinen die beiden. Der Staat auch nicht. „Damit Sie uns nicht falsch verstehen: Wir sind sehr dankbar, dass wir in Deutschland aufgenommen wurden“, sagt Hiba Al-Bassir. Was aber ihre Selbstständigkeit angeht, hätten sie keine Unterstützung bekommen.
„Wirklich weiter gebracht hat uns nur Restart“, berichtet die Syrerin. Die kleine, private Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Flüchtlinge bei ihrem Weg in die Selbstständigkeit zu unterstützen. Die Mitarbeiter entwickelten zum Beispiel einen Internetauftritt für den Möbelladen, engagierten einen Fotografen, um die Website mit professionellen Fotos zu bestücken und halfen bei der Konzeption des Ladens. Außerdem gab es zahlreiche Workshops zur Existenzgründung.
Alle vier Jahre ein Rückschlag
Trotzdem sind Khaled Karimo und Hiba Al-Bassir jetzt Existenzgründer ohne Geschäft. Am vergangenen Mittwoch öffnete ihr Laden zum letzten Mal. Ziemlich genau vier Jahre, nachdem die Fabrik in Damaskus ausgebrannt ist, müssen sie wieder von vorn anfangen. Und ziemlich genau acht Jahre nach dem ersten schlimmen Brand. „Ich bin anscheinend dazu verdammt, immer vier Jahre zu schuften und dann neu anzufangen“, sagt Khaled Karimo und lacht bitter.
Es gibt einen neuen Plan. Das Ehepaar will die Möbel nun übers Internet verkaufen. Informatik-Studenten der Universität Cottbus werden ihnen bei der Einrichtung des Webshops helfen. Und vielleicht eröffnen sie ja doch wieder einen Laden, in einer Straße mit mehr Geschäften und mehr Laufkundschaft.
Für immer will die Familie sowieso nicht in Deutschland bleiben. Wenn es irgendwann sicher genug ist, wollen Eltern und Kinder zurück in ihre Heimat. „Syrien braucht uns mehr als Deutschland“, sagt Hiba Al-Bassir.
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