Crime

Mord am Kudamm: Starb ein Düsseldorfer Anwalt wegen dubioser Immobiliengeschäfte?

Karl-Heinz M. forderte 1993 im Osten Grundstücke zurück. Das brachte ihm viele Feinde. Doch dann stießen die Berliner Mordermittler auf einen Nebenbuhler.

11 Min
Tatort Kurfürstendamm – der Mord an dem Düsseldorfer Juristen sorgte deutschlandweit für Schlagzeilen.

Tatort Kurfürstendamm – der Mord an dem Düsseldorfer Juristen sorgte deutschlandweit für Schlagzeilen.

© Benjamin Pritzkuleit

Am Morgen des 28. September 1993 herrscht viel Betrieb im Foyer des Hauses am Kurfürstendamm Nummer 220. Mehrere Anwaltskanzleien, eine Arbeitsvermittlungsfirma und eine Fluggesellschaft haben Büros in dem herrschaftlichen Gebäude. Vor dem Aufzug warten Menschen. Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Karl-Heinz M.* nimmt kurz vor neun Uhr die Treppe, die zur Kanzlei eines Kollegen führt. Er hat einen Termin. Es geht um Grundstücksangelegenheiten.

Im Foyer des Hauses fällt den auf den Fahrstuhl Wartenden ein dunkel gekleideter, schlanker Mann mit dunklen, halblangen Haaren auf. Sie werden ihn später als 1,85 Meter groß, 30 bis 35 Jahre alt und gepflegt beschreiben. Der Mann hat eine Dokumentenmappe dabei und studiert ausgiebig die Firmenschilder an der Wand.

Er ist ein Killer.

Als Karl-Heinz M. etwa eine halbe Stunde später die Treppe hinuntereilt und dem Ausgang entgegenstrebt, fallen Schüsse aus einem Revolver. Der riesige Spiegel im Foyer geht zu Bruch. Der Düsseldorfer Jurist wird getroffen. Der 56-Jährige kann sich noch auf den Gehweg schleppen. Dort sackt er zusammen.

Bevor er stirbt, kann er herbeigeeilten Urlaubern aus Dänemark noch sagen, dass ein Mann dreimal auf ihn geschossen habe. Zeugen sagen später aus, dass der unbekannte Schütze durch den Hinterausgang in Richtung Meinekestraße geflohen sei.

Klaus Borowy (l.) und Sebastian Laudan waren 1993 Kriminalhauptkommissare bei der 1. Mordkommission.

Klaus Borowy (l.) und Sebastian Laudan waren 1993 Kriminalhauptkommissare bei der 1. Mordkommission.

© Benjamin Pritzkuleit

Wenig später stellt ein alarmierter Notarzt den Tod des Anwalts fest. Die Polizei sperrt das Bürohaus weiträumig ab. Die Mordkommission wird gerufen, auch Hagen Saberschinsky, Berlins Polizeipräsident, eilt zum Tatort, der direkt neben dem Traditionsgeschäft „Pelz Lösche“ liegt. Er wird wenige Tage später eine Belohnung für Hinweise, die zur Aufklärung des Verbrechens führen, in Höhe von 10.000 Mark aussetzen. Eine Traube von Medienvertretern wartet an der Absperrung auf Informationen.

30 Jahre später sitzen Sebastian Laudan und Klaus Borowy in einem Besprechungsraum des Landeskriminalamtes am Tempelhofer Damm. Sie haben die Bilder des, wie sie sagen, spektakulären Falls noch vor Augen, in dem zwar die Hintermänner ermittelt werden konnten, der eigentliche Todesschütze aber unbekannt blieb.

Laudan und Borowy waren damals Kriminalhauptkommissare bei der 1. Mordkommission, Laudan als stellvertretender Kommissariatsleiter, Borowy als zuständiger „Vorgangsführer“. „Wir hatten damals Rufbereitschaft“, erzählt Laudan, der heute Leitender Kriminaldirektor ist und die Abteilung Organisierte Kriminalität führt. „Toter nach Schusswaffengebrauch am Kudamm“, habe der Einsatzbefehl gelautet. Kurz darauf waren sie am Tatort. Zu dieser Zeit lag der Tote, zugedeckt mit einer Plane, auf dem Gehweg.

Der Mord an der Berliner Touristenmeile sorgte deutschlandweit für Schlagzeilen. „Mysteriöse Schießerei am Kurfürstendamm“, titelte damals auch die Berliner Zeitung. Und spekulierte – wie viele andere Medien auch – über dubiose Geschäfte, in die M. verwickelt gewesen sein könnte. Von Stasiseilschaften war die Rede und von fragwürdigen Immobiliendeals.

Ein Pelzladen befand sich gleich neben dem Tatort.

Ein Pelzladen befand sich gleich neben dem Tatort.

© Schöning/imago

Anwalt war Alteigentümer und Liquidator

Der Grund: Karl-Heinz M. war kein unbekannter Anwalt. Der Lebemann galt als sehr wohlhabend, er war eloquent und verkehrte in der Düsseldorfer Schickeria. Ein Karrieretyp, der es bis zum Leiter der Rechtsabteilung der Fluggesellschaft LTU geschafft hatte und bei seinem Ausscheiden eine gute Abfindung kassiert haben soll. Erst einige Monate vor seinem Tod hatte er eine Kanzlei auf Düsseldorfs teuerster Flaniermeile, der Königsallee, eröffnet, die sich auf Immobiliengeschäfte fokussierte.

Nach Berlin war M. offenbar gekommen, um Ansprüche auf Grundstücke in Ostdeutschland geltend zu machen. Es war die Zeit, in der viele Menschen in den neuen Bundesländern vor den Alteigentümern ihrer Grundstücke und Häuser aus dem Westen zitterten – galt doch im wiedervereinten Deutschland der Grundsatz „Rückgabe vor Entschädigung“. Und dem wollte wohl auch Karl-Heinz M. mit Nachdruck nachkommen.

Als Alteigentümer und auch als Liquidator einer Immobiliengesellschaft strebte der Düsseldorfer Anwalt an, auch Grundstücke in der Siedlung Wildpark-West zurückzubekommen. Im Berliner Umland gelegen, galten sie mittlerweile als Filetstücke. Sein Begehren sorgte in dem Ort für Entsetzen und Angst. Insgesamt 80 Prozent der dortigen Grundstücke waren von Restitutionsansprüchen betroffen. In der Ortschaft unweit von Potsdam sollen viele Offiziere der einstigen Nationalen Volksarmee und Mitarbeiter der Staatssicherheit ihre Häuser gebaut haben.

Lag dort das Motiv für die Tat? War dort der Mörder von Karl-Heinz M. zu finden?

„Wir wussten relativ schnell, dass das Opfer mit seinen Restitutionsansprüchen alten Seilschaften auf die Füße getreten war“, erzählt Sebastian Laudan. Er erinnert sich auch noch, dass es viele Presseanfragen gab und Vertreter von Fernsehsendern und Zeitungen nach dem Mord an Karl-Heinz M. nach Wildpark-West fuhren, um mit den Leuten dort zu sprechen.

Die taz etwa zitierte kurz nach dem Tod von Karl-Heinz M. in einem Beitrag mehrere Bewohner des Ortes. Der Düsseldorfer Anwalt sei ein eleganter, arroganter Typ gewesen, sagte ein Einwohner der Zeitung. Meist sei er mit seinem Mercedes gekommen und dann für alle sichtbar zu Fuß mit seinem – damals noch komplett unüblichen – Funktelefon in der Hand die Straße rauf- und runtergelaufen. Zudem soll er den Leuten in Wildpark-West gedroht haben: In einem viertel bis halben Jahr seid ihr hier runter. Ein Rentner versicherte in dem Beitrag: „Unter uns ist der Mörder nicht zu suchen.“ Einen Killer könne niemand im Ort bezahlen.

Die Ermittlungen der 1. Mordkommission ergaben, dass Karl-Heinz M. am Tag vor seinem Tod vom noblen Düsseldorfer Vorort Meerbusch, wo er mit seiner Frau lebte, nach Potsdam gefahren und wie so oft im Hotel „Schloss Cecilienhof“ abgestiegen war. Noch am selben Tag hatte er Wildpark-West besucht.

Der Düsseldorfer Anwalt sei dort ein rotes Tuch gewesen, erzählt der Kriminalist Laudan. Er habe durchaus der Karikatur eines arroganten Wessis entsprochen, der damals kam und sagte: Das ist alles meins. „Er war in der Siedlung ein Feindbild“, sagt der Kriminalist. Karl-Heinz M. habe kein Pardon gekannt, seine Interessen knallhart durchgesetzt. „Er ging, so kann man das sagen, in geschäftlichen Dingen über Leichen.“

Er ging, so kann man das sagen, in geschäftlichen Dingen über Leichen.

Sebastian Laudan, Kriminalist

Am nächsten Morgen telefonierte Karl-Heinz M. noch mit seiner Frau und fuhr in seinem Mercedes nach Berlin, wo ein Killer auf ihn wartete.

„Es war schon vorstellbar, dass irgendjemand aus Wildpark-West beschlossen hatte, den Mann umzubringen. Aber uns war auch schnell klar, dass der Mörder des Anwalts von dem Termin in Berlin gewusst haben musste, er also eigentlich eher im Umfeld des Opfers zu suchen war. Deswegen haben wir unsere Ermittlungen schon kurz nach den tödlichen Schüssen auf Düsseldorf ausgedehnt“, erzählt der einstige Mordermittler Klaus Borowy, der zwei Jahre nach dem gewaltsamen Tod von Karl-Heinz M. regulär in Pension ging.

Polizisten schützen das Opfer am Kurfürstendamm vor neugierigen Blicken.

Polizisten schützen das Opfer am Kurfürstendamm vor neugierigen Blicken.

© Archiv Berliner Verlag

Die Berliner Fahnder fuhren nach Nordrhein-Westfalen, befragten die Ehefrau des getöteten Juristen. Das Paar hatte 1974 geheiratet, für Karl-Heinz M. war es die zweite Ehe. Die Ermittler sprachen auch mit Freunden, Geschäftspartnern und Bekannten aus dem Jachtclub, in dem der Anwalt verkehrte. „Dann erhielten wir einen Hinweis“, erinnert sich Borowy. Daraus ging hervor, dass der Anwalt seit zwölf Jahren eine Liaison mit seiner Sekretärin Sabine P.* hatte und daraus kein Geheimnis machte. Die Bürokauffrau war 22 Jahre jünger als ihr Chef.

„Anfangs hatte sie uns angelogen, das Verhältnis zu Karl-Heinz M. abgestritten“, erzählt Laudan von der Vernehmung der Frau. Sabine P. habe zunächst von einem reinen Arbeitsverhältnis gesprochen und erst nach und nach zugegeben, eine Beziehung mit ihrem Chef gehabt zu haben. Und, so ergaben die Ermittlungen, sie profitierte von dem Verhältnis zu dem gutaussehenden, reichen Anwalt. Nach Angaben der Ermittler unterhielt Karl-Heinz M. die junge Frau finanziell und kaufte ihr ein Cabrio.

Die Kriminalbeamten brachten weitere Überraschungen ans Licht. Die Berliner Mordermittler erfuhren, dass der untreue Anwalt selbst auch gehörnt worden war – von seiner Geliebten. Wenn Sabine P. nicht mit ihrem Chef zusammen war, dann pflegte die 34-Jährige eine intime Beziehung zu einem jüngeren Mann, dem 29-jährigen Handwerker Wolfram S.* aus Krefeld.

Der Anwalt stellt seine Geliebte vor die Wahl

Doch war das heimliche Verhältnis Karl-Heinz M. nicht verborgen geblieben. Durch einen Brief soll der Anwalt davon erfahren haben, dass Sabine P. noch mit einem anderen Mann schlief. Er stellte seine Geliebte offenbar zur Rede, soll ihr gesagt haben, man verlasse so jemanden wie ihn nicht, und schon gar nicht wegen eines Handwerkers. Er stellte Sabine P. vor die Wahl: der kleine Handwerker oder ich.

Wolfram S., der sich gerade selbstständig machen wollte, soll eifersüchtig auf seinen Nebenbuhler gewesen sein. Und Sabine P. konnte sich weder für den einen noch für den anderen entscheiden. Sie liebte den Handwerker, doch wenn sie den Anwalt verließ, hatte sie viel zu verlieren. M. hatte eine Lebensversicherung abgeschlossen. Begünstigte war seine Geliebte. Nach seinem Tod sollte sie 300.000 Mark bekommen. Bei einer Trennung von dem Anwalt wäre das Geld verloren gewesen.

Ein weiterer Hinweis aus einer Werkstatt war es, der die Fahnder weiterbrachte. Wolfram S. hatte sich bei einstigen Kollegen nach einem Killer umgehört, der Karl-Heinz M. beseitigen sollte. Zwei Bekannte sollen ihm zum Schein einen Mörder aus der Unterwelt vermittelt haben. An einer Raststätte bei Bottrop hatte Wolfram S. einem Unbekannten eine erste Rate des Killerlohns in Höhe von 20.000 Mark übergeben.

Bei einem zweiten Treffen zahlte er noch einmal dieselbe Summe. Nun sollten angeblich „die Russen kommen“ und Karl-Heinz M. „plattmachen“. Die angeblichen Vermittler verschwanden mit dem Geld. Der Auftrag wurde nie ausgeführt.

Als Wolfram S. gemerkte hatte, dass er gelinkt worden war, besorgte er sich eine Schusswaffe. Doch hat er den vermögenden Kontrahenten umgebracht?

Der getötete Anwalt wird in die Rechtsmedizin gebracht.

Der getötete Anwalt wird in die Rechtsmedizin gebracht.

© Archiv Berliner Verlag

Sabine P. und Wolfram S. wurden in Nordrhein-Westfalen festgenommen und mit dem Flugzeug nach Berlin gebracht. „Ich kann mich noch gut an die Aussage von Wolfram S. erinnern“, sagt Sebastian Laudan. Er hatte schon im Ermittlungsverfahren zugegeben, einen Killer für Karl-Heinz M. gesucht und auch Geld gezahlt zu haben. „Er nannte es eine Dummheit“, erzählt der Ermittler.

Uns war schnell klar, dass der Mörder des Anwalts von dem Termin in Berlin gewusst haben musste, er also eigentlich eher im Umfeld des Opfers zu suchen war.

Klaus Borowy, ehemaliger Mordermittler

Zudem erklärte Wolfram S., dass Sabine P. für den vermeintlichen Mörder ein Dossier mit allen wichtigen Informationen zum Opfer und dessen Aufenthaltsorten zusammengestellt habe. Von ihr, so sagt es Laudan, muss auch der Hinweis gekommen sein, dass der Anwalt einen Termin am Kurfürstendamm hatte. Sabine P. kannte den Terminkalender ihres Chefs.

Doch Wolfram S. bestritt vehement, seinen Nebenbuhler erschossen zu haben. Und er präsentierte den Ermittlern ein Alibi. Gegen 14 Uhr des Tattages hatte er mit einem Bekannten in Essen Kaffee getrunken. Der genannte Zeuge bestätigte die Angaben. Er war glaubhaft.

„Es hatte fast alles auf Wolfram S. als Täter gepasst“, sagt Laudan heute. Das Insiderwissen, die Beschreibung, die Suche nach einem Killer, die Waffe, die er sich besorgt hatte. Hätte S. nicht ein Alibi präsentiert und auch einen Zeugen dafür, wäre er als Täter „alternativlos“ gewesen.

Laudan erzählt, dass Kollegen des Mobilen Einsatzkommandos mit dem Auto damals zur gleichen Zeit wie am Tattag die Strecke vom Tatort nach Essen zügig gefahren seien. Sie wollten schauen, ob es möglich war, in viereinhalb Stunden dort am Kaffeetisch zu sitzen. Es war ausgeschlossen. „An diesem verdammten Alibi haben wir uns die Zähne ausgebissen“, erinnert sich Laudan. Aber es habe keine Anhaltspunkte gegeben, dass das Alibi konstruiert gewesen sei.

In diesem Treppenhaus wurden vor 30 Jahren die tödlichen Schüsse auf den Anwalt abgegeben. 

In diesem Treppenhaus wurden vor 30 Jahren die tödlichen Schüsse auf den Anwalt abgegeben. 

© Benjamin Pritzkuleit

Trotzdem erhob die Staatsanwaltschaft gegen das Liebespaar Sabine P. und Wolfram S. Anklage wegen gemeinschaftlichen Mordes. Hass, Eifersucht und Habgier wurden als Motiv für die Tat genannt. Die Angeklagten sollen schon im Sommer 1993 das Mordkomplott geschmiedet und sich auf die Suche nach einem Killer gemacht haben. Da Wolfram S. bei der Suche nach einem Mörder betrogen wurde, habe er schließlich selbst zur Waffe gegriffen.

Doch im Prozess brach die Mordanklage in sich zusammen. Der Handwerker hatte nach Ansicht der Richter nicht geschossen. Das Alibi und den Zeugen dafür nannte die Kammer glaubhaft. Sie verurteilte Wolfram S. im April 1995 lediglich wegen versuchter Anstiftung zum Mord zu einer Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren. Sabine P. bekam wegen der Beteiligung zur Mordplanung drei Jahre und drei Monate Freiheitsentzug.

Der Mörder wurde bis heute nicht gefunden

Der wahre Schütze vom Kurfürstendamm und Mörder von Karl-Heinz M. konnte bis heute nicht gefunden werden. „Auch die Tatwaffe tauchte nie wieder auf“, sagt Klaus Borowy. Und sein Kollege Laudan fügt hinzu: „Ich denke, dass der Mörder des Düsseldorfer Anwalts kein Profi war.“ Dafür habe sich der Täter zu lange im Foyer des Geschäftshauses, in dem er die Tat begangen hatte, aufgehalten. Ein Profi hätte den Mord im Verborgenen begangen.

Gefragt, was für sie als Ermittler so besonders war an dem Fall, sagt Sebastian Laudan: Der Kudamm als Tatort sei schon spektakulär gewesen. Und auch der anfängliche Verdacht, der Mord an Karl-Heinz M. könne mit Stasi-Seilschaften oder dubiosen Immobiliengeschäften zu tun haben. Damit habe die Mordkommission unter erheblichem Druck gestanden. „Am Ende war es – wie so oft – eine profane Dreiecksgeschichte.“

*Namen von der Redaktion geändert


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