Sein Beruf: Freier Journalist. Seine Arbeitsstätte: Das Kriminalgericht Moabit. Am Dienstag saß der 46jährige Gerichtsreporter Dietmar J. selbst auf der Anklagebank. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Mord vor. Dietmar J. soll seiner früheren Freundin Silke M. im April aus Wut über die Trennung eine Schere in den Hals gestoßen haben. Die 26jährige überlebte nur durch eine Notoperation. Es ist nicht das erste Mal, daß Dietmar J. vor Gericht steht. Er war zuvor schon in mehreren Verfahren zu Haftstrafen von insgesamt fast 18 Jahren verurteilt worden. Das letzte Mal saß er sechs Jahre wegen Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung im Gefängnis. "Die nächste Frau überlebt es nicht", hatte ein Gutachter in der Verhandlung 1988 gesagt. Als Gerichtsreporter hatte Dietmar J. den Prozeß gegen den früheren Staats- und Parteichef Egon Krenz und fünf weitere Politbüromitglieder bis zum Sommer 1997 verfolgt. Es ging um die Toten an der innerdeutschen Grenze. Am Ende veröffentlichte er drei Bücher mit Dokumenten nebst Interviews von Staatsanwälten und Politikern. In dem Prozeß am Dienstag zeigte Dietmar J. keinerlei Reue. Er fiel dem Richter ins Wort, wurde zwischendurch laut. Über Silke M. verlor er kein gutes Wort. Im Gegenteil. Sie habe ihn "mit Liebesgestammel auf dem Anrufbeantworter terrorisiert", den Anrufbeantworter über Monate abgehört, ihn bei der Arbeit an seinen Büchern eingeengt. "Ich war froh, als ich sie los war, weil sie ständig meinen Computer blockierte." Die mehrmonatige Beziehung war voller Konflikte, sie liebten sich, sie trennten sich, sie fanden wieder zusammen. Als endgültig Schluß war, fing der Terror an. "Wer sich mit mir anlegt, der lernt mich kennen", ließ Journalist J. Silkes Familie in einem Fax wissen. Und sie lernte ihn kennen: Vier Tage hintereinander klingelte unentweg das Telefon. 700 Anrufe zählte die Familie. Sie legte sich eine geheime Telefonnummer zu, Dietmar J. brachte sie in Erfahrung. Sie erstattete Anzeige, beantragte eine einstweilige Verfügung, Dietmar J. durfte sich Silke nicht auf 100 Meter nähern. Da verfaßte er Flugblätter, stellte Silke mit ihren angeblichen Sexualpraktiken bloß. Die Blätter faxte er an die Eltern und die Arbeitsstelle des Vaters. Er klebte sie auch an die Wände im Foyer der Fachhochschule für Wirtschaft, wo Silke studierte. Das war unmittelbar vor der Tat. Um den schwarzen Kopierrand abzuschneiden, habe er damals auch die Schere in der Tasche gehabt, sagte J. Zufällig sei Silke dazugekommen. Er habe mit ihr reden wollen, aber sie nicht mit ihm. Er sei ihr hinterhergerannt, sie kündigte die nächste Anzeige an. Da habe er rotgesehen und stieß zu: "Ich bin ausgerastet."
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