Moritzburg in Halle/Saale

Ein Museum entleibt sich selbst

Als die Nationalsozialisten die Moritzburg von „entarteter Kunst“ säuberten, brauchten sie weder Stiefel noch Knüppel. Emsig räumte die Galerie selbst aus

Steffen Könau
7 Min
Die Moritzburg ist heute wieder ein Zentrum für Bilder der klassischen Moderne.

Die Moritzburg ist heute wieder ein Zentrum für Bilder der klassischen Moderne.

© dpa/Peter Endig Lizenz

Kein ungewöhnlicher Brief in diesen Tagen der Säuberung. Nach einem „Führerbefehl“ zur „einheitlichen Ausrichtung“ der Museen verzeichnen die Akten des Stadtarchivs in Halle, in denen die Unterlagen der Moritzburg bis heute aufbewahrt werden, einen Ansturm von Interessenten. Unter ihnen sind nicht nur Privatleute wie Ernst Gosebruch, die sich bemühen, bedrohte Kunstwerke aus der Schusslinie zu kaufen. Sondern auch Künstler wie der Maler Lyonel Feininger, der in Sorge um seine Bilder um deren umgehende Rückgabe bittet.

Wie die Schakale

Zu ihnen gesellen sich Kunsthändler wie der aus Dresden stammende Hildebrand Gurlitt. Der in Hamburg residierende Chef des „Kunstkabinetts Dr. Gurlitt“ erlaubt sich mal die „höfliche Anfrage“ (Gurlitt), ob man nicht „ein paar bedeutende Werke von Max Liebermann“ an ihn abzugeben habe. Mal fällt er per Telegramm mit der Tür ins Haus: „Kann bis Sonnabend Abend 800 Reichsmark für kleine Skizze Liebermannbild bieten – erbitte Drahtanwort“, kabelt er.

Andere Kunsthändler agieren ähnlich wie er. Schakale, die um einen Kadaver kreisen und möglichst viel möglichst günstig bekommen wollen. Interessenten, die wie Gosebruch der Gedanke treibt, retten zu wollen, was zu retten ist, sind seltener. Der hallesche Rechtsanwalt Fritz Lange gehört womöglich zu ihnen: Er bietet an, ein Bild von Max Liebermann zu kaufen, das mit dem „Baumeister Friedrich Kuhnt“ einen Verwandten von ihm zeige, wie er behauptet.

„Da das Gemälde von einem Juden geschaffen wurde, kann es nicht mehr ausgestellt werden“, heißt es in einer Stellungnahme des Museums. Ein Gutachten zum Verkaufswert im internationalen Kunsthandel ergibt, „dass wir den gebotenen Preis selbst kaum erreichen werden“. „Ich schlage vor, dem Antrag zu entsprechen“, empfiehlt Museumschef Hermann Schiebel.

Weg, raus, nur fort mit allem, was Schwierigkeiten bedeuten könnte, so lesen sich die Briefe und Dokumente, in denen die Männer, die eigentlich berufen sind, Kunst und Künstler zu schützen, ihren Beitrag zur Säuberung von allem „Entarteten“ protokollieren. Nein, es sind keineswegs gestiefelte SS-Truppen oder SA-Schergen, die die klassische Moderne in der Moritzburg von den Wänden reißen.

Bereits im Februar 1937, lange vor dem offiziellen Verdikt aus dem Führerhauptquartier, hatte der hallesche Oberbürgermeister Johannes Weidemann angewiesen, „alle kulturbolschewistischen Werke aus den öffentlichen Ausstellungsräumen zu entfernen“. Die Bilder der sogenannten Verfallskunst, meldet Museumsdirektor Schiebel wenig später Vollzug, befänden sich nun in einer „Schreckenskammer“. Die darf nur von politischen Leitern der NSDAP und ausschließlich zu Schulungszwecken besucht werden. „Alle Besucher müssen sich in einem Buch eintragen.“

Ein Kampf um die Kunst findet nicht statt. Es ist vor allem ein bürokratischer Akt, der sich hinter den Museumsmauern vollzieht. Papier legitimiert den „Reinigungsprozess“, wie es die Hallischen Nachrichten nennen. Emsig bemühen sich städtische Angestellte und Museumsmitarbeiter, die Ausstellungshallen auf Linie zu bringen und die Depots auszukehren. Selbst Ansichtskarten von „Schreckenskammer“-Werken wie Marcs „Tierschicksale“ und Kokoschkas „Auswanderer“, die noch einige Zeit an der Kasse der Moritzburg zu erwerben sind, werden auf Hinweis eines Mitarbeiters entfernt.

Gemälde von Marc Chagall mit dem Titel "Allegorische Szene".

Gemälde von Marc Chagall mit dem Titel "Allegorische Szene".

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Erich Fraaß: "Mutter und Kind", Aquarell, 1922

Erich Fraaß: "Mutter und Kind", Aquarell, 1922

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Otto Griebel: "Die Verschleierte", Aquarell, 1926

Otto Griebel: "Die Verschleierte", Aquarell, 1926

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Antonio Canaletto: "Sa. Giustina in Prà della Vale" in Padua, Druckgrafik, 1751/1800

Antonio Canaletto: "Sa. Giustina in Prà della Vale" in Padua, Druckgrafik, 1751/1800

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Otto Dix: "Dame in der Loge", Aquarell, 1922

Otto Dix: "Dame in der Loge", Aquarell, 1922

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Otto Griebel: "Kind am Tisch", undatiertes Aquarell

Otto Griebel: "Kind am Tisch", undatiertes Aquarell

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Wilhelm Lachnit: "Mädchen am Tisch", Aquarell, 1923

Wilhelm Lachnit: "Mädchen am Tisch", Aquarell, 1923

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Wilhelm Lachnit: "Mann und Frau am Fenster", Aquarell, 1923

Wilhelm Lachnit: "Mann und Frau am Fenster", Aquarell, 1923

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Conrad Felixmüller: "Paar in Landschaft", Aquarell, 1924

Conrad Felixmüller: "Paar in Landschaft", Aquarell, 1924

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Eugène Delacroix: "Conversation mauresque sur une terrasse", undatierte Bleistiftzeichnung

Eugène Delacroix: "Conversation mauresque sur une terrasse", undatierte Bleistiftzeichnung

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Christoph Voll: "Mönch", Aquarell, 1921

Christoph Voll: "Mönch", Aquarell, 1921

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Hans Christoph: "Paar", Aquarell, 1924

Hans Christoph: "Paar", Aquarell, 1924

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Ludwig Godenschweg: "Männliches Bildnis", undatierte Druckgrafik

Ludwig Godenschweg: "Männliches Bildnis", undatierte Druckgrafik

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Fritz Maskos: "Sinnende Frau", Druckgrafik, 1922

Fritz Maskos: "Sinnende Frau", Druckgrafik, 1922

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Carl Spitzweg: "Das Klavierspiel", Zeichnung, um 1840

Carl Spitzweg: "Das Klavierspiel", Zeichnung, um 1840

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Honoré Daumier: "Don Quichote und Sancho Panza", Gemälde, um 1865

Honoré Daumier: "Don Quichote und Sancho Panza", Gemälde, um 1865

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Max Liebermann: "Reiter am Strand", Gemälde, 1901

Max Liebermann: "Reiter am Strand", Gemälde, 1901

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Bonaventura Genelli: "Männlicher Akt", undatierte Zeichnung

Bonaventura Genelli: "Männlicher Akt", undatierte Zeichnung

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Auguste Rodin: "Etude de femme nue debout, les bras relevés, les mains croisées au-dessus de la tête", undatierte Zeichnung

Auguste Rodin: "Etude de femme nue debout, les bras relevés, les mains croisées au-dessus de la tête", undatierte Zeichnung

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Otto Dix: "Dompteuse", Aquarell, 1922

Otto Dix: "Dompteuse", Aquarell, 1922

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Bernhard Kretschmar: "Straßenbahn", Aquarell, undatiert

Bernhard Kretschmar: "Straßenbahn", Aquarell, undatiert

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Henri Matisse: "Sitzende Frau", Gemälde, um 1924

Henri Matisse: "Sitzende Frau", Gemälde, um 1924

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Ludwig Godenschweg: "Weiblicher Akt", undatierte Druckgrafik

Ludwig Godenschweg: "Weiblicher Akt", undatierte Druckgrafik

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Christoph Voll: "Sprengmeister Hantsch", Zeichnung, 1922

Christoph Voll: "Sprengmeister Hantsch", Zeichnung, 1922

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Théodore Rousseau: "Vue de la vallée de la Seine", undatierte Zeichnung

Théodore Rousseau: "Vue de la vallée de la Seine", undatierte Zeichnung

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Die Barbarei geht ihren bürokratischen Gang. Der Beauftragte des Führers für die Beschlagnahmung, Akademieprofessor Adolf Ziegler, kündigt sich förmlich mit einem Fernschreiben Hitlers an. In Halle sortiert er 62 Bilder aus, die bei der Ausstellung der „Entarteten Kunst“ in München gezeigt werden sollen.

Während das Ministerium in Berlin darüber hinaus eine vollständige Übersicht über alle weiteren Werke, den Zeitpunkt ihres Ankaufs und den Namen des Ankäufers fordert, geht es Johannes Weidemann um den finanziellen Schaden. Er erkläre ausdrücklich, gibt der hallesche OB bei einem Termin mit Hitlers Kunst-Aussortierern zu Protokoll, dass „die Stadt Halle nicht auf ihr Eigentums- und Ersatzrecht verzichte“.

Außerdem müsse geklärt werden, wer die Kosten des Abtransportes der Bilder übernehme. Die Stadt habe immerhin schon die Bezahlung der Überstunden des Museumswärters Kendel übernommen, der eine Gesamtaufstellung aller expressionistischen Gemälde und Handzeichnungen hatte anfertigen müssen: Formlos beantragt, so zeigen die Unterlagen, werden die 30,50 Reichsmark formlos genehmigt.

Auf aktenkundigen Widerstand trifft die von Hitler, Göring und Goebbels befohlene „Ausmerzung“ der verfemten Kunst nirgendwo. Sowohl im Museum als auch in der Verwaltung, im Stadtrat und im Rathaus, überall sitzen Gurlitts willige Helfer. Zuverlässig arbeiten die Institutionen zusammen beim Vorhaben, Bilder, Skizzen und Skulpturen loszuwerden.

Sorgen macht sich auch der aus Bad Düben stammende Moritzburg-Direktor Hermann Schiebel, selbst Maler und Grafiker, nur über drohende Kosten im Fall von Gemälden, für die noch auf Jahre hinaus Raten abzuzahlen sind. Werde nach deren Ablieferung nun die beschlagnahmende Stelle die Zahlung übernehmen? Und wie werde die Moritzburg an in Aussicht stehenden Verkaufserlösen beteiligt?

„Angemessen“, heißt es aus Goebbels’ Ministerium in Berlin, das Bilder aus Halle wie Franz Marcs „Hirsche im Walde“ im Sommer 1939 zusammen mit anderen beschlagnahmten Werken vom Auktionshaus Fischer im schweizerischen Luzern versteigern lässt.

Auf die versprochene Auflistung der verkauften Werke aus der Moritzburg warten die Besitzer zwar lange vergebens. Immerhin aber kommen in zwei Raten insgesamt 15.980 Reichsmark für acht Bilder und 40 Grafiken bei der Haushaltsstelle 321.112 in Halle an. 3360 Reichsmark davon stammen aus dem Verkauf des Marc-Gemäldes „Tierschicksale“. Zahlungsgrund laut Akten: „Verwertung entarteter Kunst“. Verwendungszweck: Neuerwerbung des Bildes „Brunnen von Taormina“, 1846 geschaffen vom österreichischen Biedermeier-Maler Ferdinand Waldmüller.

Ein schlechter Tausch für Halle, das ahnen die Experten im Kunstmuseum. Doch sie wissen auch, dass es hier weder um Kunst noch um Kulturgut geht, ja, dass nicht einmal finanzielle Verluste zählen. Wichtig ist allein, den kulturpolitischen Vorgaben zu folgen. Hildebrand Gurlitt hilft gern dabei: So werden auf seinen Wunsch hin gleich mehrere „bedeutungslose zeichnerische Skizzen“ des Juden Max Liebermann für 400 Reichsmark an ihn verramscht.

Auch an eine Kunsthandlung in Berlin geht ein Liebermann-Bild zum Sparpreis von 800 Reichsmark. Es handele sich dabei nur um ein „bemaltes Stück Pappe“ (Zitat), befindet der inzwischen eingesetzte neue Museumschef Robert Scholz, ein studierter Kunsthistoriker, der im Nebenberuf als Leiter des „Sonderstabes Bildende Kunst“ Kunstwerke in den besetzten Ländern zusammenrafft.

Höhere politische Gesichtspunkte

Bei Ernst Gosebruch und dem Hallenser Fritz Lange dagegen riechen die Verkäufer Lunte. „Wahrscheinlich besteht in gewissen Kreisen die Absicht, die Bilder von Nolde und seinen Geistesgenossen in Privathand zu überführen“, heißt es in einem internen Schreiben der Stadtverwaltung argwöhnisch. Damit bestehe die Gefahr, „dass die von der Bewegung abgelehnten Bilder ins Ausland gelangen“. Infolgedessen müssten „die materiellen Vorteile des Verkaufs hinter höheren politischen Gesichtspunkten zurücktreten“, entscheidet die NSDAP-Reichsleitung.

Noldes Bild „Das Abendmahl“ wird später von Berlin aus an einen Verwandten des Malers in Dänemark verkauft und kehrte erst in diesem Jahr als Leihgabe nach Halle zurück. Liebermanns „Baumeister Kuhnt“ dagegen nimmt Museumsdirektor Robert Scholz bei Kriegsende auf der Flucht mit nach Österreich. Hier wird das Gemälde zwar bereits 1945 neben Bildern von Edvard Munch und Max Merker entdeckt. Doch es dauert noch bis 1988, ehe das Bild wieder seinen angestammten Platz in der Moritzburg einnehmen kann.

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