Moskau: Zwei Schüsse töteten Wladislaw Listjew / Kampf gegen die Mafia gefordert: Täter verzichteten auf 1 500 Dollar

Sendepause gestern bis 19 Uhr auf allen Kanälen des russischen Fernsehens. Den ganzen Tag über wurden nur Nachrichtensendungen ausgestrahlt. Ihr Hauptthema: Die Ermordung des angesehenen Fernsehjournalisten Wladislaw Listjew am Mittwoch abend.Wladislaw Listjew, der Generaldirektor der im Januar per Präsidentenerlaß gegründeten Aktiengesellschaft "Gesellschaftliches russisches Fernsehen" (ORT), war gegen 20.30 Uhr im Treppenflur seines Moskauer Wohnhauses von zwei Kugeln tödlich getroffen worden. Die Behörden vermuten aufgrund der Tatumstände einen bestellten Mord: Ein Schuß traf das Herz, der zweite in den Kopf. Der oder die Täter "verzichteten" auf 1 500 Dollar und rund eine Million Rubel (etwa 330 Mark), die der Ermordete bei sich trug. Geschockte Kollegen Die Erregung unter Listjews Moskauer Berufskollegen gestern war groß. Spontan kam es vor dem Fernsehzentrum Ostankino zu einer Protestdemonstration, auf der von der russischen Führung energische Schritte gegen die Mafia verlangt wurden. Chefredakteure Moskauer Zeitungen forderten den Rücktritt von Innenminister Jerin. Der allerdings wurde zum Leiter der Sonderkommission berufen, die den Mord an Listjew aufklären soll.Der Schock erreichte sogar den Präsidenten, der gerade erst ein Treffen mit der Leitung des Außenministeriums abgesagt hatte. Gestern eilte Boris Jelzin nach Ostankino, um vor den Mitarbeitern der gleichnamigen Fernsehgesellschaft Selbstkritik zu üben. Die "feige, bösartige Ermordung eines unserer talentiertesten Fernsehjournalisten" zeige, daß es Dinge gebe, "mit denen der Präsident, die Regierung, die Staatsanwaltschaft, die Verwaltung nicht fertig werden", bekannte Jelzin. Die Verwandlung Rußlands in einen Polizeistaat fürchtend, "fürchten wir uns, den Kampf gegen das Banditentum zu verschärfen". In Usbekistan seien sechs Verbrechergruppen erschossen worden, und die Lage habe sich umgehend zum Besseren gewandelt. Von ausnahmezustandsähnlichen Maßnahmen wollte Jelzin dennoch nichts wissen.Seinen Hauptangriff richtete Boris Jelzin indes gegen die Verwaltung Moskaus, deren Chef Luschkow Machtambitionen nachgesagt werden. Es gebe keine andere Stadt in Rußland, schimpfte Jelzin, in der das Verbrechen derart um sich greife, wo eine solche Verantwortungslosigkeit der Behörden und Schlamperei herrschten wie in Moskau. Er kündigte die Entlassung des Moskauer Staatsanwalts und des Chefs der Innenverwaltung der Stadt an.Der 39jährige Wladislaw Listjew galt als eine der Leuchten des russischen Fernsehjournalismus. Seit Beginn von Perestroika und Glasnost in der Sowjetunion hatte der Absolvent der journalistischen Fakultät der Lomonossow-Universität mit kritischen, aktuell-politischen Sendungen wie "Einblick" und "Thema" auf sich aufmerksam gemacht. Im September vergangenen Jahres berief ihn die russische TV-Akademie zu ihrem Vizepräsidenten. Mehr Werbung Der Direktorenrat der neugegründeten TV-Aktiengesellschaft ORT hat das Attentat auf Listjew in seiner gestrigen Erklärung als "bestellten, politischen Mord" bezeichnet. Ratsvorsitzender Alexander Jakowlew stellte dagegen eine Verbindung zu der von ORT gegründeten Werbeagentur "Holding-Zentr" her. Seit sie allein die Werbezeit im Fernsehen vermarkte, flössen monatlich bis zu 30 Milliarden Rubel mehr in die Kassen von Ostankino. Diese Summe hätten sich früher offensichtlich undurchsichtige Vermittlerfirmen angeeignet. Spekulationen Der Vorsitzende des staatlichen Pressekomitees, Sergej Grysunow, glaubt als einer der wenigen an einen politischen Hintergrund in der Phase des Vorwahlkampfes. Die neue Fernsehgesellschaft stehe unter starkem Einfluß der präsidialen Strukturen, und deren politischer Kurs mißfalle vielen.Doch auch Grysunow will nicht ausschließen, daß eine von Listjew angekündigte Finanzrevision auslösender Faktor gewesen sein könnte. Michail Poltoranin, Vorsitzender des Parlamentskomitees für Informationspolitik und einstiger Jelzinvertrauter, erwartet sogar weitere Schießereien. "Ein so fettes Stück", wie es die TV-Gesellschaft darstelle, werde die Mafia "nicht ohne Blut" aufgeben. ...

BLZ
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Sendepause gestern bis 19 Uhr auf allen Kanälen des russischen Fernsehens. Den ganzen Tag über wurden nur Nachrichtensendungen ausgestrahlt. Ihr Hauptthema: Die Ermordung des angesehenen Fernsehjournalisten Wladislaw Listjew am Mittwoch abend.Wladislaw Listjew, der Generaldirektor der im Januar per Präsidentenerlaß gegründeten Aktiengesellschaft "Gesellschaftliches russisches Fernsehen" (ORT), war gegen 20.30 Uhr im Treppenflur seines Moskauer Wohnhauses von zwei Kugeln tödlich getroffen worden. Die Behörden vermuten aufgrund der Tatumstände einen bestellten Mord: Ein Schuß traf das Herz, der zweite in den Kopf. Der oder die Täter "verzichteten" auf 1 500 Dollar und rund eine Million Rubel (etwa 330 Mark), die der Ermordete bei sich trug. Geschockte Kollegen Die Erregung unter Listjews Moskauer Berufskollegen gestern war groß. Spontan kam es vor dem Fernsehzentrum Ostankino zu einer Protestdemonstration, auf der von der russischen Führung energische Schritte gegen die Mafia verlangt wurden. Chefredakteure Moskauer Zeitungen forderten den Rücktritt von Innenminister Jerin. Der allerdings wurde zum Leiter der Sonderkommission berufen, die den Mord an Listjew aufklären soll.Der Schock erreichte sogar den Präsidenten, der gerade erst ein Treffen mit der Leitung des Außenministeriums abgesagt hatte. Gestern eilte Boris Jelzin nach Ostankino, um vor den Mitarbeitern der gleichnamigen Fernsehgesellschaft Selbstkritik zu üben. Die "feige, bösartige Ermordung eines unserer talentiertesten Fernsehjournalisten" zeige, daß es Dinge gebe, "mit denen der Präsident, die Regierung, die Staatsanwaltschaft, die Verwaltung nicht fertig werden", bekannte Jelzin. Die Verwandlung Rußlands in einen Polizeistaat fürchtend, "fürchten wir uns, den Kampf gegen das Banditentum zu verschärfen". In Usbekistan seien sechs Verbrechergruppen erschossen worden, und die Lage habe sich umgehend zum Besseren gewandelt. Von ausnahmezustandsähnlichen Maßnahmen wollte Jelzin dennoch nichts wissen.Seinen Hauptangriff richtete Boris Jelzin indes gegen die Verwaltung Moskaus, deren Chef Luschkow Machtambitionen nachgesagt werden. Es gebe keine andere Stadt in Rußland, schimpfte Jelzin, in der das Verbrechen derart um sich greife, wo eine solche Verantwortungslosigkeit der Behörden und Schlamperei herrschten wie in Moskau. Er kündigte die Entlassung des Moskauer Staatsanwalts und des Chefs der Innenverwaltung der Stadt an.Der 39jährige Wladislaw Listjew galt als eine der Leuchten des russischen Fernsehjournalismus. Seit Beginn von Perestroika und Glasnost in der Sowjetunion hatte der Absolvent der journalistischen Fakultät der Lomonossow-Universität mit kritischen, aktuell-politischen Sendungen wie "Einblick" und "Thema" auf sich aufmerksam gemacht. Im September vergangenen Jahres berief ihn die russische TV-Akademie zu ihrem Vizepräsidenten. Mehr Werbung Der Direktorenrat der neugegründeten TV-Aktiengesellschaft ORT hat das Attentat auf Listjew in seiner gestrigen Erklärung als "bestellten, politischen Mord" bezeichnet. Ratsvorsitzender Alexander Jakowlew stellte dagegen eine Verbindung zu der von ORT gegründeten Werbeagentur "Holding-Zentr" her. Seit sie allein die Werbezeit im Fernsehen vermarkte, flössen monatlich bis zu 30 Milliarden Rubel mehr in die Kassen von Ostankino. Diese Summe hätten sich früher offensichtlich undurchsichtige Vermittlerfirmen angeeignet. Spekulationen Der Vorsitzende des staatlichen Pressekomitees, Sergej Grysunow, glaubt als einer der wenigen an einen politischen Hintergrund in der Phase des Vorwahlkampfes. Die neue Fernsehgesellschaft stehe unter starkem Einfluß der präsidialen Strukturen, und deren politischer Kurs mißfalle vielen.Doch auch Grysunow will nicht ausschließen, daß eine von Listjew angekündigte Finanzrevision auslösender Faktor gewesen sein könnte. Michail Poltoranin, Vorsitzender des Parlamentskomitees für Informationspolitik und einstiger Jelzinvertrauter, erwartet sogar weitere Schießereien. "Ein so fettes Stück", wie es die TV-Gesellschaft darstelle, werde die Mafia "nicht ohne Blut" aufgeben. +++

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