Schiffsreise zum Wissenschaftsjahr

MS Wissenschaft: In Berlin mit dem Schiff die Welt erkunden

Ein schwimmendes Museum lädt kleine und große Besucher ein, mehr über Wölfe, Drohnen oder Polarexpeditionen zu erfahren. Berlin verlassen sie dabei nicht.

6 Min
Blick in das Science Center im Bauch der „MS Wissenschaft“.

Blick in das Science Center im Bauch der „MS Wissenschaft“.

© Benjamin Pritzkuleit

Am Schiffbauerdamm, nahe dem Bahnhof Friedrichstraße, hat ein großes Schiff angelegt. Es ist etwa hundert Meter lang und bunt beschriftet. Auf dem Deck leuchtet ein riesiger signalroter Ball mit Frage- und Ausrufezeichen. Das 1969 in Niedersachsen gebaute Binnenschiff heißt eigentlich „Vera“ und transportierte einst Frachten. Heute steht „MS Wissenschaft“ an Bug und Heck.

Seit zwanzig Jahren ist das Schiff als schwimmendes Science-Center unterwegs – als „größtes Gemeinschaftsprojekt der deutschen Wissenschaft in den Wissenschaftsjahren“, wie es am Dienstagabend zur Eröffnung der neuen Ausstellung auf dem Schiff hieß. Normalerweise dreht sich das bundesweite Wissenschaftsjahr um ein bestimmtes Thema, etwa „Zukunftsstadt“, „digitale Gesellschaft“, „Meere und Ozeane“ und „Künstliche Intelligenz“. In diesem Jahr jedoch heißt das Motto „Nachgefragt!“. Es geht darum, wie Forschung funktioniert, wie Wissenschaftler zu ihren Fragen, Thesen, Methoden und Ergebnissen kommen.

Die „MS Wissenschaft“ am Kai des Schiffbauerdamms.

Die „MS Wissenschaft“ am Kai des Schiffbauerdamms.

© Benjamin Pritzkuleit

Wer hat Angst vorm „bösen Wolf“ und warum?

„So etwas kann man gut anhand spannender Geschichten aus der Forschung zeigen“, sagt Markus Weißkopf, der seit 2012 Geschäftsführer von Wissenschaft im Dialog (WiD) ist. Diese gemeinnützige Organisation, 2000 von den großen deutschen Wissenschaftsorganisationen gegründet, richtet die großen Projekte des Wissenschaftsjahres aus, gefördert vom Bundesforschungsministerium. Die „MS Wissenschaft“ wird jährlich bundesweit von etwa 80.000 Menschen besucht.

Über eine Treppe geht es in den Bauch des Schiffes. Der halbdunkle Raum ist verblüffend groß und lang. Stationen zu etwa 30 Themen zeigen Objekte, Bilder, Grafiken und kurze Texte. An Computerbildschirmen kann man sich interaktiv mit Fragen auseinandersetzen. „Was passiert mit dem Klima, wenn ein Vulkan ausbricht?“, heißt es an einer Station. Hier können Besucher selbst das Klima simulieren, indem sie die Klimafaktoren –Sonneneinstrahlung, Vulkane, Industrie, Wolken, Meereis, Gletscher, Ozeane – verändern und dann sehen, welche Folgen das haben könnte. Angesichts der Komplexität realer Klima-Simulationen ist das natürlich nur eine Spielerei. Aber sie vermittelt zumindest einen Eindruck vom Zusammenwirken verschiedenster Faktoren.

In der Ausstellung geht es auch um interdisziplinäre Forschung über den zurückgekehrten Wolf.

In der Ausstellung geht es auch um interdisziplinäre Forschung über den zurückgekehrten Wolf.

© Benjamin Pritzkuleit

Rund um einen ausgestopften Wolf kann man sehen, wie interdisziplinär Forschung funktioniert. „Verschiedene Leibniz-Institute erforschen die Verbreitung des Wolfs, der seit den 1990er-Jahren wieder in Deutschland zurück ist“, erklärt Markus Weißkopf. „Aber sie betrachten auch die kulturhistorische Perspektive, zum Beispiel: Warum hat eigentlich der Mensch so viel Angst vor dem ‚bösen Wolf‘? Woher kommen diese Geschichten?“

Reisen mit der Passagierdrohne der Zukunft

In der Ausstellung geht es um ganz unterschiedliche Fragen, etwa: „Wie sieht die Passagierdrohne der Zukunft aus?“ (mit Modell), „Wie unterstützen uns neue Technologien bei der Arbeit?“, „Wie wird Sprache untersucht?“, „Wie helfen Bodenbakterien bei der Bekämpfung von Krankheiten?“, „Wie gestalten wir eine lebenswerte Zukunft?“, „Wie können wir selbst mitforschen?“ (zum Beispiel in Bürgerwissenschaftsprojekten) und „Wie geht man mit Forschungsdaten um?“.

„Nachgefragt!“ heißt das Motto der Ausstellung auf der „MS Wissenschaft“.

„Nachgefragt!“ heißt das Motto der Ausstellung auf der „MS Wissenschaft“.

© Benjamin Pritzkuleit

„Wir haben in der Corona-Pandemie gesehen, wie wichtig es ist, dass man versteht, wie Wissenschaft funktioniert“, sagt Markus Weißkopf. Die Pandemie habe gezeigt, „wie schnell sich wissenschaftliche Erkenntnisstände in einem dynamischen neuen Feld entwickeln und verändern“. Was in der Wissenschaft völlig normal sei, müsse aber auch angemessen kommuniziert werden. „Bürgerinnen und Bürger müssen wissen, was sie von Wissenschaft erwarten können und was nicht“, sagt Weißkopf. Zugleich sei es wichtig, dass die Wissenschaft ihre Rolle in der Gesellschaft reflektiere und lerne, welche Erwartungen es in der Politik und der Gesellschaft gebe.

„IdeenLauf“ nennt sich die zentrale Mitmachaktion des Wissenschaftsjahres. Es gehe dabei auch um die Beförderung des demokratischen Diskurses über gesellschaftlich relevante Themen aus der Wissenschaft, sagt Weißkopf. Bürger konnten bis zum 15. April Fragen einreichen. Mehr als 14.000 seien eingegangen, so Weißkopf. Viele drehten sich um Umwelt- und Klimathemen, um Recycling, die Energiewende. Die Corona-Pandemie spiele dagegen nicht mehr die große Rolle, die sie vor einem Jahr noch gespielt habe. Die Fragen werden nun gesichtet, geordnet und weiterbearbeitet. Die neuen Ideen und möglichen Forschungsschwerpunkte sollen im Herbst 2022 an Wissenschaft und Politik übergeben werden.

Auch wissenschaftsferne Menschen erreicht die MS Wissenschaft in Berlin

Man wolle aber auch Zielgruppen erreichen, „die nicht so viel mit Wissenschaft zu tun haben“, sagt Markus Weißkopf. Dazu gibt es unter anderem das Pilotprojekt „Wissenschaft für alle“, das mit dem Quartiersmanagement von Stadtteilen zusammenarbeitet. Für so etwas brauche es einen langen Atem, um Vertrauen, Netzwerke und Strukturen aufzubauen, sagt Weißkopf.

Im Online-Projekt „I’m a scientist“ wiederum werden Schüler ab der fünften Klasse direkt mit Wissenschaftlern zusammengebracht, um bereits früh den Alltag in der Forschung kennenzulernen. Tausende Schüler bundesweit nehmen daran teil. Live-Chats seien genau das Medium, das die Schüler gewohnt sind, sagt Weißkopf. „Hier kann man alle Fragen stellen, bis dahin, was die Wissenschaftler in ihrer Freizeit gerne machen.“ Von Schulen und Wissenschaftlern bekomme man ein positives Feedback zu diesem Projekt. Es laufe eine Evaluation, um zu sehen, wie sich dadurch Interessen und Einstellungen änderten.

Auch Besucher der „MS Wissenschaft“ können Fragen stellen und bewerten. Beispiele sieht man auf digitalen Bändern an der Wand. Die Leute interessiert unter anderem: „Wie entstehen Verschwörungstheorien?“, „Warum ist Macht so ungerecht verteilt?“, „Ist es möglich, dass die Erde in ein paar tausend Jahren ein reiner Wüstenplanet ist?“ und „Beeinflusst der Krieg in der Ukraine den Klimawandel?“.

Große Arktis-Expedition wäre heute kaum möglich

Auf der „MS Wissenschaft“ zeigt sich, welche Folgen der Krieg in der Ukraine direkt auf die Forschung hat. An einer Station kann man die Expedition des deutschen  Forschungsschiffs „Polarstern“ 2019/2020 virtuell nacherleben. Das Schiff trieb ein Jahr lang im Eis der Arktis. Dabei entstand ein Netzwerk von Beobachtungsstationen, um Klimaveränderungen in der Arktis besser zu verstehen.

Ohne Russland wäre diese „größte Arktis-Expedition aller Zeiten“ kaum möglich gewesen. Unter anderem versorgten und unterstützten seine Eisbrecher die „Polarstern“. Doch seit Beginn des Krieges in der Ukraine ruht alles. Der Austausch von Geräten und notwendige Reisen finden nicht statt. Wichtige Beobachtungsreihen zur Erwärmung der Arktis sind in Gefahr. „Das ist ein großer Verlust“, sagt Weißkopf. „Das ist etwas, das unsere Gesellschafter, die Wissenschaftsorganisationen, enorm umtreibt.“ Der Krieg beeinflusse nicht nur Großforschungsprojekte, sondern auch unzählige persönliche Verbindungen, die Wissenschaftler nach Russland und in die Ukraine haben.

Die „MS Wissenschaft“ steht bis 8. Mai am Schiffbauerdamm in Höhe der Hausnummer 13. Sie ist täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet. Dann fährt sie weiter nach Eberswalde, Oranienburg, Wannsee und Potsdam. Bis Mitte September folgen insgesamt 30 Orte in ganz Deutschland. Details finden sich im Internet unter ms-wissenschaft.de

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