Diese Saison wird anstrengend für das Personal der wichtigsten Schleuse in Berlin. „Auf die Mitarbeiter am Mühlendamm kommt eine große psychische Belastung zu“, sagt Michael Scholz, Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Berlin. Wegen einer Havarie steht nur noch eine der beiden Schleusenkammern zur Verfügung. Damit der Verkehr halbwegs aufrechterhalten werden kann, muss das Personal darauf achten, dass die verbleibende Kammer gut ausgenutzt wird. „Das ist wie ein Puzzle aus Wasserfahrzeugen“, so Scholz. Damit es aufgeht, werden Schiffsführer länger als gewohnt warten müssen. Dabei gibt es auch an anderen Berliner Schleusen Probleme.
Was ist geschehen? Plötzlich konnte in der Südkammer der Mühlendammschleuse ein Torflügel nicht mehr bewegt werden. „Ein Halslager ist gebrochen“, erklärt Scholz. Es gehört zu der Konstruktion, mit deren Hilfe das Tor im Oberhaupt, dem oberen Teil der Anlage in Mitte, bewegt wird. Wenn sie bricht, ist die Wirkung ähnlich wie bei einem kaputten Scharnier: Das Tor lässt sich erst mal nicht mehr gebrauchen. In der Südkammer sind keine Schleusungen mehr möglich.
Keine andere Schleuse in Deutschland wird so stark genutzt
Wie kam es zu dem Bruch? Das Halslager ist offenbar altersbedingt gebrochen, berichtet Scholz. Die ständige Bewegung hat Spuren hinterlassen: „Teile der Konstruktion sind tordiert“ – in sich verdreht. Zwar ist die Spree-Schleuse während der 1990-er Jahre erneuert worden. Doch seitdem ist wieder viel Zeit vergangen – in der die Technik enorm beansprucht worden ist.
Die Anlage am Kilometer 17,8 der Spree-Oder-Wasserstraße ist Rekordhalter: Keine andere deutsche Schleuse wird so stark genutzt. Jahr für Jahr werden dort mehr als 36 000 Wasserfahrzeuge durchgeschleust.
Die Havarie geschah, ohne dass ein Schiff beteiligt war. Das war bei dem Unglück, das die Südkammer am 22. März 2014 lahmgelegt hatte, anders. Damals stieß das Tankmotorschiff „Nordwind“ mit Getöse gegen einen Torflügel. Es hatte keinen Rückwärtsgang, in der Hektik klappte die Richtungsänderung nicht. Erst im November 2014 war die Südkammer wieder nutzbar.
Die Mühlendamm-Schleuse. Keine andere deutsche Schleuse wird so stark genutzt.
© imago/Kraehn
Am Mühlendamm sind vor allem Menschen unterwegs
„Damals haben wir mit der Nordkammer fast den gesamten Verkehr bewältigt“, sagt Scholz. „Auch diesmal werden wir mindestens 90 Prozent schaffen“ – indem die Wasserfahrzeuge wie bei einem Puzzle angeordnet werden. Die Arbeit an der Schleuse kann aber bereits im Normalfall Stress sein. Das liegt nicht nur an dem starken Verkehr, der sie zu mehr als 80 Prozent auslastet. Auch die Verkehrsstruktur macht die Berliner Schleuse, deren Anfänge auf das 16. Jahrhundert zurückgehen, zu etwas Besonderem.
Auf den meisten Wasserstraßen dominiert die Güterschifffahrt, hier nicht: „Mehr als 400.000 Tonnen pro Jahr sind es, nicht mehr“, sagt der Amtsleiter. Kein Vergleich mit dem Tonnage-Rekordhalter in Deutschland: Die Doppelschleuse Iffezheim am Oberrhein wird jährlich von 29 Millionen Gütertonnen passiert. Am Mühlendamm sind stattdessen vor allem Menschen unterwegs.
Rund ein Fünftel der Wasserfahrzeuge, die dort geschleust werden, sind Sportboote – mit Touristen, die Berlin auf dem Wasser entdecken wollen, aber mit der Hektik nicht immer zurechtkommen. Da kann eine Schleusung schon mal zur Stresspartie werden. Die Kammern sind 136 Meter lang, rund zwölf Meter breit und sechs Meter tief, sie fassen jeweils 2 500 Kubikmeter Wasser: Allein die schiere Größe der Anlage lässt manche Hobby-Skipper unsicher werden. Und so erleben die Mitarbeiter das eine oder andere Drama mit – eine Art von Herausforderung, die ihren Kollegen in anderen Schleusen meist erspart bleibt.
In der Hochsaison ist mit Verspätungen zu rechnen
Rund zwei Drittel der Schiffe am Mühlendamm befördern Fahrgäste. Touren durch Mitte sind das Hauptgeschäft der Berliner Reedereien. „Dass die Südkammer nicht zur Verfügung steht, ist ärgerlich. Das trifft die gesamte Branche“, sagte Gesine Barthels von der Stern und Kreisschifffahrt. Zwar werde das Fahrtenangebot nicht ausgedünnt, aber absehbar sei, dass sich die Wartezeiten verlängern.
Bei den Spreefahrten, zu denen jeweils zwei Schleusungen gehören, sei in der Hochsaison mit Verspätungen zu rechnen. Damit der Betrieb nicht aus dem Lot gerät werde noch mehr auf Pünktlichkeit geachtet, so Barthels. Allerdings gebe es auch anderswo Einschränkungen. So bleibt die Unterschleuse im Landwehrkanal drei Wochen länger als erwartet geschlossen. Bei der Sanierung, die im November begann, wurden weitere Schäden entdeckt. Bis 21. April müssen die Touren, die sonst über den Kanal führen, über die Spree umgeleitet werden. Die Brückenfahrt vom und zum Hotel Estrel fällt so lange weg.
Noch gravierender wirkt sich eine andere Sperrung aus. Die Schleuse Plötzensee ist seit August 2017 außer Betrieb – wegen Personalmangels. „Wir hoffen, dass diese Schleuse bald wieder geöffnet wird und unsere Gäste wieder ohne große Umwege von Tegel in die Innenstadt fahren können“, hieß es. Bis die Südkammer am Mühlendamm wieder nutzbar ist, werden Monate vergehen, sagt Scholz. „Das neue Lager ist eine Sonderanfertigung“ – die Zeit braucht. Betonarbeiten sind nötig, zu denen eine mehrwöchige Ruhezeit gehört. „Die Baustelle ist nur auf dem Wasserweg erreichbar.“ Der Amtsleiter hofft, dass Ende August alles fertig wird.
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