Nur noch einige Tage, dann endet die Geschichte eines Museumsstandorts in Berlin, der einst Weltruhm genoss, dessen Wirkung auf die Wissenskultur, auf die Breitenbildung und aktuelle Kunstproduktion bis heute kaum ansatzweise erforscht sind, der die Ästhetik von Museumsausstellungen revolutionierte: Dahlem.
Ein Terminus Technicus der Museumswelt – genau so wie Louvre, British Museum oder Museumswelt – ist der Name dieses Berliner Vororts bis heute, und viele Besucher sind immer noch erstaunt oder enttäuscht, dass damit nun Schluss sein soll. Seit Wochen finden regelrechte Abschiedsbesuche statt, bei denen immer wieder zu hören ist: „Hier habe ich das und das zum ersten Mal gesehen“.
Südseeboote, Buddhastatuen aus Indien, China und Japan, zarte Rollbilder, kraftvolle Inka-Keramik, afrikanische Masken und Waffen, später indianische Tipis und Korbwaren, nicht zu vergessen die durchaus maoistisch inspirierte Ausstellung zur Volkskultur Ostasiens, das Kinder- und das Blindenmuseum, die Ausstellungen zu den Eskimo oder über irische Kunst des Mittelalters – Dahlem, das war für lange Jahrzehnte der Nachkriegszeit für viele Berliner die erste sinnliche Welterfahrung. Nun wird für den Umzug ins Humboldtforum eingepackt. Nur das Museum europäischer Kulturen soll hier absurd vereinsamt ausharren.
Schon 2016 wurde die einst weltberühmte Südsee-Abteilung geschlossen.
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Generationen von Kindern gingen „nach Dahlem“ spielen, kuschelten auf dem groben Sisalboden in der kleinen Bibliothek, schwangen sich hinauf auf das nachgebaute Tonga-Boot, gruselten sich vor der atztekischen Blutschale. Ganz nebenbei erlebten sie so, weil auch die Gemäldegalerie und die Skulpturensammlung bis 1996 hier untergebracht waren, dass die Vorstellung von nach Kontinenten abgegrenzten Kulturen absurd und der weltweite Austausch unter den Kulturen dagegen der historische Normalfall ist. Man ging wortwörtlich nur wenige Schritte von den chinesischen Tellern auf niederländischen Stilleben zu echten chinesischen Porzellanen im Museum für Ostasiatische Kunst.
Weltmuseum der Kaiserzeit
Schon 1907 schlug der Generaldirektor der damals Königlichen Museen Preußens, Wilhelm von Bode, vor, das Völkerkundemuseum in den Vorort Dahlem zu verlagern. Hier wollte er drei Häuser für die Sammlungen aus Afrika, Asien und Amerika entstehen lassen, denen gegenüber ein Museum für asiatische Kunst, also für die Kunst Chinas, Japans und Koreas, der islamisch geprägten Kulturen sowie Indiens.
Bodes Konzept hätte in damals einmaliger Weise außereuropäische Kulturen monumentalisiert. Allerdings schlug er eine straffe Hierarchie vor zwischen Innenstadt und Vororten, die durchaus rassistische Untertöne hatte: Wirklich „hohe“ Kunst gestand nämlich auch Bode nur Europa zu. Sie sollte auf der Museumsinsel gezeigt werden. Die Möglichkeit der Kunst als Ausweis höherer Kultur wurde aber um 1900 zunehmend auch in China, Japan, dem islamischen Orient und Indien gesehen. Dies zeigte das 1913 von Bruno Paul für Dahlem entworfene Asiatische Museum. „Naturvölker“ hingegen hätten, war man sich einig, bestenfalls Kultur, die, so meinten viele Europäer, dem Aussterben verfallen sei. Entsprechend hätten für sie drei große Magazine genügt. Die aber nie gebaut wurden.
Fritz Bornemann entwarf auch die um 1995 abgebaute Südostasien-Ausstellung.
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Bodes großes Konzept scheiterte nämlich am Ersten Weltkrieg, an der Inflation und nicht zuletzt an der Erkenntnis, dass das wie ein Lexikon strukturierte Völkerkundemuseum nicht publikumsfern im Vorort untergebracht werden kann. 1926 beschloss das Preußische Abgeordnetenhaus, das Asiatische Museum zum Magazin umzuwidmen.
Die Ruhmesgeschichte Dahlems begann also eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als die West-Berliner Kulturverwaltung den Bruno-Paul-Bau systematisch als Konkurrenz zur in Ost-Berlin liegenden Museumsinsel nutzte. Seit den frühen 1950ern fanden Sonderausstellungen mit dem nach Westdeutschland verbrachten Berliner Kulturgut statt. Nach der Gründung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz 1957 begann ein groß angelegtes Ausbauprogramm.
Als 1972 dessen vierter Teil mit dem „Asiatischen Haus“ für die Kunst Ost-, Zentral- und Südasiens sowie des Islam öffnete, in den weltweit gefeierten Inszenierungen durch den Architekten Fritz Bornemann, war Dahlem führend in der Museologie. Endlich schloss sich die bis dahin bildungsbürgerlich geprägte deutsche Museumswelt an die Publikumsnähe der amerikanischen Universalmuseen etwa in New York, Chicago oder Boston an. Kunst- und Kulturgeschichte wurden eng nebeneinander gezeigt, superb war der didaktische Apparat mit den beliebten Führungsblättern, tropenregenfest in Plastik eingebundenen Führungsbüchern, Katalogen, Filmen, Theater- und Konzertveranstaltungen. Niemals in der deutschen Museumsgeschichte kam man dem Ideal eines alle Kulturen und Epochen umfassenden Universalmuseums für Kultur- und Kunstgeschichte so nahe wie in Dahlem zwischen 1970 und 1996. Aus der Notlösung wurde ein international gefeiertes Vorbild.
Doch seit dem Jahr 2001 ist die Schließung dieser Dahlemer Museen fast unaufhaltsam – seit nämlich der Bundestag die Verlagerung des Ethnologischen Museums und des Museums für asiatische Kunst in das Humboldtforum auf dem Schlossplatz beschlossen. Am Sonntag wird dazu der nächste Schritt gegangen.
Was wird aus Dahlem?
Allerdings fehlt dem Humboldtforum bisher, was Dahlem so ganz besonders modern und weltoffen machte: Die unmittelbare Nähe zwischen Europa und Außer-Europa. Das Humboldtforum mit seiner Konzentration auf die „außereuropäischen“ Kulturen ist absurder Weise trotz aller postkolonialen Rhetorik eher Nachfolger des kolonialzeitlichen Völkerkundemuseums als derjenige Dahlems! Aber wie will man die Kultur der Buren in Südafrika einordnen – Europa oder Außer-Europa? Wie will man das heutige Brasilien, die USA oder die Philippinen ohne den europäischen Einfluss erklären? Um solche Themen zu klären, braucht es das Museum europäischer Kulturen im Humboldtforum. Und für dieses braucht es Platz, den derzeit aber Berlin für seine lokalhistorische Stadtshow beansprucht.
Schließlich: Was wird eigentlich aus den Bauten in Dahlem? Seit 2000 wurden sie überwiegend grundsaniert. Aber so absurd es klingt angesichts der langen Vorbereitungszeit: Es gibt bisher kein langfristiges Nachnutzungskonzept. Aus der Preußen-Stiftung verlautet allerdings inzwischen, dass die Bauten auch als Dokumentations-, Restaurierungs- und Forschungszentrum geeignet seien. So wie es die Museumsmitarbeiter und Teile der universitären Öffentlichkeit seit Jahren fordern. Vielleicht hat Dahlem ja wirklich noch eine Zukunft vor sich.
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