Wie eine monströse Kröte hockte das Haus auf dem einsamen Hügel. Selbst bei Tag wirkte es düster, die steile Treppe zum überdachten Eingang eher abweisend als einladend. Hinter den Fenstern baumelten spinnwebengleich bleiche Gardinen. Vorüberziehende Wolken warfen bizarre Schatten auf die Fassade."Ich war immer froh, wenn ich dort nicht hin musste", hatte der Postbote freimütig zugegeben. "Aber manchmal ließ sich das eben nicht vermeiden. Wenn Walter Brummer mal eine Rechnung bekam oder 'nen Brief vom Finanzamt. Was selten genug der Fall war. Anders bei den Schwestern. Die haben ständig Zeitschriften oder Bücher bestellt. Über schwarze Magie und Voodoo und so 'n Zeug. Im Haus drin war ich ja nie. Ich klingelte immer unten an der Pforte, dann erschien Walter Brummer oben am Eingang, kam die Treppe herunter und nahm die Post in Empfang. Nur heute nicht. Stattdessen kam die Erna. 'Nanu', fragte ich, 'ist etwas mit Ihrem Bruder?' 'Der ist verreist', antwortete sie. Das machte mich stutzig. Der Brummer und verreisen! 'Wohin denn?', fragte ich. Da sagte die Erna: 'Dahin, wo seine gequälte Seele endlich Ruh' hat.' Und oben, unter dem Hauseingang, stand die andere Schwester, die Traudl, und hat mich angeglubscht, als wär ich ein Schweinebraten. Glauben Sie mir, Frau Kommissarin, da ist mir echt mulmig geworden."Das war vor einer halben Stunde gewesen. Jetzt war es an Katja Rulandt und ihrem Assistenten, Licht in die mysteriöse Seelenreise Walter Brummers zu bringen. Dass sie ihm das Leben gekostet hatte, war nicht zu übersehen. Doch die beiden Brummer-Schwestern zuckten nur einmütig mit ihren schmalen Schultern. Anders als durch satanischen Eingriff konnten sie sich den Tod ihres Bruders offenbar auch nicht erklären."Mitten in der Nacht hörten wir einen Schrei", begann Erna Brummer zu berichten. "Traudl und ich schlafen nämlich gemeinsam in einem der oberen Zimmer; Walterchen selbstverständlich woanders." "Woher der Schrei kam, wussten wir nicht", pflichtete Traudl ihrer Schwester bei. "Aber dann sahen wir unter der Schlafzimmertür hindurch, wie draußen im Flur das Licht anging." "Wir warfen uns etwas über", fügte Traudl hinzu. "Eindeutig - jemand schlich an unserem Zimmer vorbei." "Moment mal", hakte Kriminalassistent Meerbusch ein. "Sie hörten jemanden vorbeischleichen? Durch die Tür hindurch?""Naja, eben so, wie andere das Gras wachsen hören", schnappte Erna. "Verstehe", brummte Meerbusch. "Und weiter?" "Nichts weiter. Walterchen war's, der da schlich. Mit weit aufgerissenen Augen und vorgestreckten Armen, wie ein Zombie." "Schrecklich!", glaubte Traudl ergänzen zu müssen. "Als er die Treppe erreichte, fing er an zu wanken, stolperte und purzelte hinunter, alle dreizehn Stufen. Dabei brach er sich das Genick."Der Form halber fragte Meerbusch, ob seitdem irgendetwas berührt oder verändert worden sei. Die Schwestern schüttelten synchron den Kopf.So, wie Walter Brummer dalag, in seinem karierten Pyjama unter dem längs gestreiften Bademantel und den dunkelbraunen, hinten offenen Hausschlappen an den bloßen Füßen, glaubte Kommissarin Katja Rulandt jedoch weder an Zauberei, noch an einen Unfall, sondern schlichtweg an Mord. - Wieso?Thomas Maxeiner
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