Nach 0:3 gegen Leipzig

Helden bei Hertha gesucht

Nicht der Boykott der Fans, sondern eine schwache Tagesform führt zu Herthas 0:3.

Berger Patrick RICHTIG Sebastian Schmitt
4 Min
Der Jubel der anderen: Die Hertha-Profis waren nach dem 0:3 enttäuscht.

Der Jubel der anderen: Die Hertha-Profis waren nach dem 0:3 enttäuscht.

© Juergen Engler

Einen Mann des Spiels gab es aufseiten der Berliner dann doch. Und das, obwohl es diesen nach der deftigen 0:3-Pleite gegen RB Leipzig bei Hertha BSC  eigentlich nicht hätte geben dürfen. Gut, ein Spieler war es auch nicht, der sich mit diesem Titel schmücken durfte. Wenn überhaupt, dann wäre hier auch nur Keeper Rune Jarstein  infrage gekommen. Es war ein Fan, der von vielen Hertha-Fans in den sozialen Netzwerken als „Held des Abends“ gefeiert wurde. Immer mal wieder konnte er die Aufmerksamkeit der 50 382 Zuschauer im Olympiastadion auf sich ziehen. In kurzer (!), türkisfarbener Hose, weißem Pullover und Hertha-Schal stemmte sich der unbekannte Anhänger bei  kalten Temperaturen am Sonnabendabend mit aller Kraft gegen den Stimmungsboykott, den der „Förderkreis Ostkurve“ nach dem kollektiven Fahnenverbot, das  Hertha BSC als Reaktion auf die schweren Ausschreitungen in Dortmund auferlegt hatte, initiierte.

Der Held aus dem P-Block

Der Animateur stand ganz unten auf der Grabenumrandung im P-Block und fuchtelte mit den Armen. Er wedelte so sehr, dass man durchaus Sorge hatte, er falle jeden Moment in den Graben. Immer wieder versuchte er die Masse zum Mitsingen zu animieren. Ab und an ließen sich die Fans auch wirklich von ihm anstacheln. „Hahohe“ hallte es vereinzelt aus den Fankehlen. Ansonsten herrschte Stille.

Ganz so einfach ist es dann eben nicht, die Stimmung im weiten Rund zu organisieren. Ohne die Ultras, das spürte man deutlich, war es unangenehm ruhig in der Betonschüssel im Westen der Hauptstadt. Herthas Trainer, Pal Dardai, sprach gar von einer „Friedhofsstimmung“, die er so bei einem Heimspiel in seiner  langen Karriere im Profifußball noch nie erlebt habe. Für Davie Selke „ist das Olympiastadion ohne die Ostkurve einfach nicht komplett“. Und Niklas Stark hoffte indes, dass „unsere Fans im nächsten Spiel wieder lautstark dabei sind“.

Als Ausrede für ihre schwache Leistung gegen Leipzig wollten die Hertha-Profis den Stimmungsboykott aber nicht geltenlassen. „Das kann kein Alibi sein“, sagte Dardai, „wir waren einfach schlechter. Die Tagesform hat nicht gestimmt.“ Vor allem die zweite Halbzeit, die so „gar nicht in Ordnung“ ginge, missfiel dem 42-jährigen Ungar.

Im ersten Durchgang, in dem Timo Werner die Gäste schon nach sieben Minuten in Führung brachte, machte Hertha eigentlich ein ansehnliches Spiel, hatte viele gute Chancen. Nach dem Seitenwechsel brachen die Hausherren dann ein. Einzig Jarstein, der mehrfach glänzend gegen Werner entschärfte, war es zu verdanken, dass die Pleite nicht sogar noch höher ausfiel. Werner (53.) und Matheus Cunha (75.) machten die erste Heimpleite aus Berliner Sicht perfekt.

Dardai hätte das sofort unterschrieben

Seit vier Spielen warten die Charlottenburger nun auf einen Sieg. „Wir treten ein bisschen auf der Stelle“, reüssiert Fabian Lustenberger mit Blick auf die jüngsten Resultate: 0:0 in Mainz, 1:1 gegen Freiburg, 2:2 in Dortmund, 0:3 gegen Leipzig. „Die Jungs müssen das jetzt abhaken“, findet Dardai.

Mit der aktuellen sportlichen Situation ist der Trainer dennoch zufrieden. Man habe mehr Punkte, als man vor der Saison zu diesem Zeitpunkt eingeplant hatte. „Dass wir nur zwei Niederlagen haben, hätten wir vor der Saison sofort unterschrieben. Ich muss aber die Leute hier bremsen, die nach drei Siegen schon von der Champions League reden: Wir müssen realistisch sein. Wir wollen oben dabei bleiben. Bis Weihnachten können wir Sechster sein, wenn wir gut mitmachen. Wir haben dafür schon ein gutes Punktepolster gesammelt.“ Und weiter: „Jetzt kommen die Mannschaften, gegen die wir punkten müssen.“

Am besten schon am Sonnabend in Düsseldorf, wenn es zum ersten Aufeinandertreffen seit dem Relegationsspiel vor sechseinhalb Jahren kommt. Dann müssten sich allerdings wieder andere Helden finden, als ein einsamer Fan auf einer Balustrade.

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