Zwei Schriftzeichen auf einem Blatt Papier, sauber in der Zeile: 中国, China.
Geschrieben hat sie eine 40-jährige Frau in Hangzhou. Sie konnte dabei sehen, was ihre eigene Hand tut. Zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren.
In chinesischen Berichten heißt die Patientin nur „Lingling“. Öffentlich gemacht hat den Fall die Klinik selbst, das Provinzkrankenhaus Zhejiang, verbreitet haben ihn danach Staatsmedien bis hin zur Nachrichtenagentur Xinhua. Lingling ist die erste Teilnehmerin einer klinischen Studie. Am 19. Mai setzten ihr Ärzte einen Chip ins Auge.
Netzhaut-Chip mit 320 Elektroden
Das Implantat misst drei mal drei Millimeter und trägt 320 Elektroden. Chirurgen platzierten es auf der Makula, der Stelle des schärfsten Sehens.
Dazu gehört eine Brille mit Kamera. Sie filmt, was vor der Trägerin liegt. Ein Rechner übersetzt das Bild in elektrische Impulse, der Chip reizt damit die noch funktionierenden Nervenzellen der Netzhaut.
Das Gehirn macht daraus grobe Umrisse. Kein scharfes Bild, keine Farben, aber genug, um Formen zu unterscheiden.
Geleitet wird das Projekt von Shen Lijun und Chen Yiqi vom Augenzentrum der Klinik. Ihr Team arbeitet seit 2014 an dem Verfahren.
Erste Buchstaben nach zwei Tagen
Anfang Juni wurde das System hochgefahren. Nach zwei Tagen Kalibrierung erkannte Lingling die Buchstaben L, C, H und R.
Inzwischen greift sie gezielt nach einer Computermaus oder einer Getränkeflasche. Sie geht allein eine gerade Linie entlang und bewältigt eine Kurve um 90 Grad.
Für einen Menschen, der zwanzig Jahre lang nicht einmal Licht und Schatten trennen konnte, entscheidet genau das über Selbstständigkeit.
Retinitis pigmentosa: einer von 4000
Lingling leidet an Retinitis pigmentosa, einer erblichen Netzhauterkrankung. Die Lichtsinneszellen sterben nach und nach ab, die Reizweiterleitung bricht zusammen.
Etwa einer von 4000 Menschen ist betroffen. Eine Behandlung, die den Verlauf aufhält, gibt es bis heute nicht.
Ihren Sohn kennt sie nur als Stimme. Alle erzählten ihr immer, wie gut der Junge aussehe, sagte sie chinesischen Reportern. Sie wisse ja gar nicht, wie gutaussehend aussieht. Ihn zuerst zu sehen, das sei ihr Wunsch.
Was der Fall belegt und was nicht
Chinesische Staatsmedien feiern das Implantat als vollständig heimische Entwicklung, vom Forscherteam bis zur Fertigung. Darin liegt die eigentliche Botschaft der Meldung: technologische Unabhängigkeit.
Medizinisch steht bislang eine einzige Patientin hinter den Erfolgsmeldungen. Wie stabil die Elektroden über Jahre im Auge liegen, weiß niemand.
Und der Chip stellt kein verlorenes Sehen wieder her, sondern erzwingt ein völlig neues. Das Gehirn muss die Impulse Woche für Woche deuten lernen.
Netzhautchip Prima in Europa zugelassen
Europa ist an anderer Stelle weiter. Der Netzhautchip Prima trägt seit Juli die CE-Kennzeichnung und darf in mehr als 30 Ländern vermarktet werden.
Die Zulassungsstudie leitete Frank Holz von der Universitätsaugenklinik Bonn. 38 Patienten bekamen einen zwei mal zwei Millimeter kleinen, papierdünnen Chip unter die Netzhaut. Die meisten von ihnen konnten danach wieder Buchstaben, Zahlen und Wörter lesen.
Wer in Deutschland infrage kommt
Prima zielt auf die geografische Atrophie, eine Spätform der trockenen altersabhängigen Makuladegeneration. Sie ist hierzulande die häufigste Ursache für Sehverlust im Alter.
Fachleute schätzen die Zahl der Betroffenen in Deutschland auf 100.000 bis 500.000. Für den Chip kommt davon nur ein kleiner Teil in Betracht, die Voraussetzungen sind eng. Die ersten kommerziellen Implantationen sind in Deutschland geplant. Ob die Krankenkassen zahlen, ist bislang offen.
Patienten mit Retinitis pigmentosa wie Lingling hilft Prima nicht. Für sie führt der Weg weiter über Studien, so wie jetzt in Hangzhou.
Lingling trainiert täglich. Wie viel künstliches Sehen ihr am Ende bleibt, sagt derzeit niemand seriös voraus.
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