Arbeit gäbe es genug. Ein paar Schritte neben der Blechhütte stehen die Reste ihres zehn Jahre alten Hauses. Zwei Wände sind am Dienstag eingestürzt. Die anderen Behausungen sind bereits am 25. April, beim großen Beben, zusammengefallen. Auf der anderen Seite des Tales im schwer betroffenen Sindhupalchok Distrikt zwischen der Hauptstadt Kathmandu und der Grenze zu Tibet sind die Ruinen anderer Dörfer zu sehen. „Seit dem 25. April haben wir genau einen Sack Reis mit 25 Kilogramm erhalten“, sagt Durba Raj Ghiri, der Dorfvorsteher von Lapsi.
Die Regenzeit naht
Im Ort tragen alle Bewohner den gleichen Nachnamen, er liegt nur einen Kilometer abseits der Asphaltstraße, die den Sindhupalchok Distrikt mit der Welt verbindet. Der Mais ist wenige Wochen vor dem Beginn des Monsuns, der Regenzeit, bereits gesät. Die Reissaat steht in Säcken unter Unterständen aus nagelneuem Wellblech. „Wir sind gleich nach dem ersten Beben los und haben das Saatgut in der Nähe von Kathmandu besorgt“, sagt der Dorfchef.
Die ausbleibende Nahrungsmittelhilfe macht dem schmalen Mann in dem von Fichten umgebenen Örtchen noch keine Sorgen. Es gibt genügend Vorräte für die nächsten Wochen. Aber der Kauf des Wellblechs hat die Bargeldvorräte von Lapsi aufgebraucht. Der Dorfvorsteher sagt ernst: „Um Aussaat, Ernte, Nahrung können wir uns später kümmern. Jetzt brauchen wir Material für Unterkünfte.“ Wenn es regnet in Nepal strömt das Wasser in Sturzbächen die steilen Hänge hinab. Jeden Tag schickt der Vorsteher deshalb einen Mann zur Straße, damit er ein Fahrzeug von Offiziellen oder einer Hilfsorganisation stoppt. Der Mann muss versuchen, die Leute in das Dorf zu lotsen.
Auch in der schwer zerstörten Stadt Bhaktapur sagt Arunodya Prajapati, Betreiber einer Pension: „Wir haben genug Nahrungsmittel für die kommenden Monate. Wirklich dringend brauchen wir Material für Notunterkünfte.“ Bhaktapur hat viele jahrhundertealte historische Bauten, in den 70er- und 80er-Jahren wurden sie mit deutscher Hilfe restauriert. Nun hausen viele Bewohner unter Zeltplanen.
Das Lager dürfte noch lange genutzt werden, eine deutsche Organisation namens Navis und Apotheker ohne Grenzen betreiben hier unter einer bayrischen Fahne eine medizinische Ambulanz und eine Wasseraufbereitungsanlage. Vielen Opfern fehlt das Geld, um die Häuser zu reparieren. Bis zur Regenzeit bleibt wenig Zeit.
Es fehlen die jungen Leute
Rabindra Puri, der bis kurz vor dem zweiten Beben sieben Ärzte der Hilfsorganisationen Interhelp und Ärzte ohne Grenzen in seinem unversehrten Haus beherbergte, lächelt über diese Form von Unterstützung. „Es hat anfangs viel Hilfe in den leicht zugänglichen Städten und in den entlegensten Gebieten, in die nur Hubschrauber vorstoßen konnten, gegeben. Aber die Gebiete dazwischen wurden vergessen“, sagt der Absolvent der Bremer Universität auf Deutsch.
Die Mediziner, die bei ihm unterkamen, behandelten 2000 Notfälle. „Manche sind in einem sechs- bis siebenstündigen Fußmarsch gekommen“, erzählt der 45-jährige Vater zweier Kinder. Der Distrikt verzeichnete etwa die Hälfte der mehr als 8000 Toten, die beide Beben forderten.
Einen Grund für die hohen Verluste an Menschenleben sieht Puri in der Abwesenheit fast aller jungen Leute. Die befinden sich als Gastarbeiter im Ausland, bauen beispielsweise im Golfstaat Katar die neuen Anlagen für die Fußballweltmeisterschaft. Zu Hause starben nun ihre Angehörigen, weil den alten Leuten die Kräfte zur Rettung fehlten.
Im Distrikt Sindhupalchok kümmerte sich zunächst auch ein Rettungsteam von Malteser International um Notoperationen und schnelle medizinische Hilfe. Mittlerweile verteilt die Hilfsorganisation überwiegend Hygieneartikel und Nahrungsmittel. „Die Regierung hat uns aufgefordert, keine Zeltplanen mehr und stattdessen Wellblech auszugeben“, sagt in Kathmandu Eva Schröder von Malteser International. Wellblech sei zwar stabiler, aber es gebe keines mehr in Nepal. Jetzt versuchen sie, in Indien, Thailand oder anderen Nachbarländern einzukaufen und das Material her zu bringen.
Nepals politische Lähmung bremst Hilfe
Die aus Köln kommende Logistikerin beschreibt nur eine der vielen Schwierigkeiten, mit denen Helfer in Nepal kämpfen. Selbst die Nahrungsmittel werden überwiegend ohne Koordinierung der nepalesischen Regierung in betroffene Regionen gebracht. Die Malteser verlassen sich auf Direktiven von ECHO, dem humanitären Zweig der EU, und auf eigene Kontakte zu lokalen Krankenhäusern. Selbst das World Food Programm (WFP), das seit 50 Jahren in dem Himalaya-Staat aktiv ist und laut eigenem Bekunden exzellente Beziehungen zu Kathmandus Regierung unterhält, darf nur zwei Hubschrauber nutzen und koordiniert seine Aktivitäten mit dem Nationalen Roten Kreuz.
„Unsere Regierung hat keine Ahnung, was wo von wem benötigt wird“, sagt Yubaraj Ghimire, Chefredakteur der Tageszeitung Annapurna Post, „seit 18 Jahren sind die Politiker mit sich selbst beschäftigt. Es gibt schon lange keine funktionierenden lokalen Institutionen mehr. Deshalb weiß Kathmandu nicht, in welchen Orten was benötigt wird.“ Premier Sushil Koirala brauchte 13 Tage, um nach der Katastrophe eine Sondersitzung des Parlaments einzuberufen.
In diese Lücke sprangen die Generäle. Aber auch ihre Entscheidungen folgten weniger humanitären Prioritäten als politischen Vorlieben. Zunächst öffneten sie alle Tore für Indiens Streitkräfte. Weil Nachbar China sich beschwerte, pfiffen Kathmandus Militärs Delhis helfende Soldaten und die Luftwaffe bald aus den Grenzgebieten zu Tibet zurück.
Die Großmacht USA durfte Militärhubschrauber und Flugzeuge schicken. Aber britische Großhubschrauber warten seit Tagen in der indischen Hauptstadt Delhi vergeblich auf eine Einsatzgenehmigung. Die offizielle Begründung: Die Hubschrauber seien zu schwer. Die wahren Gründe laut Annapurna-Post-Chefredakteur: „In London steht ein Offizier Nepals wegen Menschenrechtsverletzungen vor Gericht. Außerdem hat London nach der Abschaffung der Monarchie eine Reform der Sicherheitskräfte vorgeschlagen. Beides nimmt Nepals früher königstreue Armee Großbritannien übel.“
Nepals militärischer Dünkel und politische Lähmung bremsen die Hilfe westlicher Staaten. Die UN hatten in einem Appell den Bedarf an Soforthilfe auf 425 Millionen US-Dollar beziffert; ganze 60 Millionen gingen bislang als Zusagen ein.
Dabei nähert sich die Gnadenfrist, die den 28 Millionen Einwohnern Nepals vor dem Monsunbeginn bleibt, ihrem Ende. Das Erziehungswesen liegt brach, weil 16.000 Schulen zerstört wurden. Laut dem in Kathmandu beheimateten International Centre for Integrated Mountain Development (ICIMOD) gab es seit dem Erdbeben am 25. April rund 3000 Erdrutsche. Der Monsun, so fürchten Experten, wird neue Schlammlawinen auslösen und mehr Menschenleben kosten.
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